Abgehört - neue Musik Intellektueller Neon-Dämon

Von Suede bis New Order, von Thatcher bis Tinseltown: Das neue Album von Destroyer ist eine große Rätselrevue. Außerdem: Gisbert zu Knyphausen hat uns verraten; Lydia Daher und Circuit des Yeux artikulieren sich neu.

Von , und Julia Friese


Destroyer - "Ken"
(Dead Oceans/Cargo, seit 20. Oktober)

Eigentlich immer blöd, wenn man zu viel Vorwissen braucht, um ein Album "richtig" zu hören. Aber bei Destroyer gelten andere Regeln. So süßlich sich die schwelenden und schwelgenden Melodien von Dan Bejar auch ins Ohr schmeicheln, so unverschämt dandyhaft und süffisant verträumt er seine Texte auch vorträgt, desto mehr ahnt man: Erst der doppelte Referenzboden macht all das interessant. Fangen wir mal an: "Ken" war der Arbeitstitel des Songs "The Wild Ones" der britischen Band Suede vom Album "Dog Man Star" von 1994, laut Bejar eine der besten britischen Balladen der letzten 100 Jahre. Dass sein Lieblingssong einmal anders hieß (Das Verb "ken" bedeutet im Altenglischen auch "erkennen" oder "verstehen"), traf den Singer/Songwriter wie eine Epiphanie.

Kurz vor Suede fing der in British Columbia, Kanada geborene Bejar an, selbst Musik zu machen. Über dies letzten Auswirkungen der Thatcher-Ära dachte er beim Schreiben seiner neuen Songs nach: "Those were the years when music first really came at me like a sickness, I had it bad", sagte er in einem Interview. Formal und ästhetisch knüpft Bejar zunächst an den ausschweifend melancholischen Plüsch-Sound mit Saxofon-Schmelz seines Kritiker-Erfolgs "Kaputt" (2011) an, vermeidet aber die Steigerung ins Crooner-Caberet, die er auf dem Nachfolger "Poison Season" so meisterlich vollführte.

Stattdessen zitiert er den Angst- und Paranoia-Pop und Post-Punk der Thatcher-Jahre in England mit klappernden Drumcomputer-Beats und kühlen, aber raumgreifenden Synthie-Sounds. Man muss fast lachen, wenn im zweiten Song, "In The Morning" plötzlich eine unverkennbar von New Orders Peter Hook entlehnte Bassmelodie zum Leitmotiv wird. "Tinseltown Swimming In Blood" ist das, was einem Pop-Song im Destroyer Spektrum am nächsten kommt - und klingt, als würden die Pet Shop Boys von Cliff Martinez produziert. Eklektisch, aber toll.

Von Suede wiederum lieh sich Bejar - neben dem symphonischen Aufwallen - einen anderen Manierismus: Fast jeder seiner neuen, ungewohnt kurzen und klar strukturierten Songs endet in einer Text-Wiederholung bis zum Fade-out wie einst "The Wild Ones" auf "...Oh if you stay". In "Sky's Grey" zum Beispiel haut Bejar erst einen poetisch saftigen Vers raus ("Come one, come all, dear young revolutionary capitalists/ The groom's in the gutter/ And the bride just pissed herself"), um dann selbstreferentiell repetierend zu sinnieren: "I've been working on the new Oliver Twist".

Andreas Borcholtes Playlist KW 43
SPIEGEL ONLINE

01 Pan Daijing: Act Of The Empress

02 Circuit des Yeux: Brainshift

03 Destroyer: In The Mornin

04 John Maus: Touchdown

05 Beck: No Distraction

06 Linn Koch-Emmery: Forever Sounds

07 Au/Ra: Kicks

08 Amanda Mair: Rush

09 Sudan Archives: Water

10 Sydney Robinson: Lorelei

Bejar ist ein Meister der Collage-Technik und der Insinuation, seine Alben funktionieren etwa so wie Filme von Nicolas Winding Refn, es sind hyperstilisierte, mit Kitsch-Motiven spielende Pastiches, die eine bestimmte Stimmung und atmosphärische Spannung erzeugen sollen. Wenig in Bejars Texten ist explizit politisch, aber fast alles ist eine dialektische Chiffre: "Strike an empty pose/ A pose is always empty", singt Bejar in "A Light Travels Down The Catwalk": "In Berlin it's sunny/ Barcelona it snows". Die "Regeln des Spiels", die er im letzten Song "La règle du jeu" (Reverenz an Jean Renoirs Filmklassiker) beschwört, beziehen sich nicht nur auf die Frau, die im Text Opfer eines Weinstein-artigen "pig of a man" wird, sondern auch auf seine eigene Zeichenspielerei. Nichts ist gesetzt, alles ist im Fluss. Es gibt sogar ein handfestes Gitarrensolo, um die Irritation komplett zu machen.

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Was soll das alles bedeuten? Ist "Ken" eine nostalgische Rückkehr zum musikalischen Nullpunkt der Destroyer-Genese? Zieht er, "off in the corner, doing poet's work", in seiner "Oliver Twist"-Analogie Parallelen vom Thatcher-Brutalismus zu den sozialen, gesellschaftlichen und politischen Zumutungen der Gegenwart? Geht es eigentlich immer nur darum, an den geliebten Suede-Song heranzureichen - und ist es Dan Bejar mit "Ken" gelungen? Wer noch nicht das Vergnügen hatte: Viel Spaß beim Kennenlernen und Entziffern dieses intellektuellen Neon-Dämons. (8.1) Andreas Borcholte

Gisbert zu Knyphausen - "Das Licht dieser Welt"
(Pias/Rough Trade, ab 27. Oktober)

Den Knyphausen machte man sich auf wie einen Wein. Genoss ihn als Trost dafür, dass man nicht allein ist mit seiner Haltungsschwäche, die einen träge zuhause rumhängen lässt, zwischen all den Möglichkeiten, die man sich offenhält, denn "die Zukunft sieht immer farbenfroh aus", denn sie war ja nie hier, und auch niemals neben einem - im Bett. "Hurra! Hurra! So nicht", das letzte Soloalbum des Hamburger Singer-Songwriters, all das wütend-traurige Geklampfe ist nun sieben Jahre her. Jetzt erscheint "Das Licht dieser Welt", und Knyphausen hat uns verraten. Er ist angekommen.

In "Dich zu lieben ist ganz einfach" hält er sich mit der, für die er sich entschieden hat an der Hand. Gemeinsam lächeln sie in U-Bahn-Fensterscheiben. Man will nicht so eklig sein, aber es ekelt einen, wenn Knyphausen den Titeltrack schließt mit: "Denn die Liebe, die du gibst, ist die Liebe die du kriegst" und dazu Bläser erklingen und auch noch beschwingt gepfiffen wird, als wäre man Wandern auf einer evangelischen Jugendfreizeit. Auch seinen unbedingten Ich-Fokus hat er abgelegt. Er singt nun auch von anderen, von seiner Großmutter ("Kommen und Gehen"), von einem Vater, der seine Tochter nur zu Weihnachten sieht ("Sonnige Grüße aus Khao Lak, Thailand") sowie von einer jungen Mutter und einem Todkranken ("Unter dem hellblauen Himmel"). Und auf Englisch singt er auch noch.

Knyphausen ist nicht tiefer geworden, sondern breiter. Auch im Sound: Trompeten sind da plötzlich. Posaunen! Synthesizer! Und ein Klavier.

Man versteht dieses Album, wenn man weiß, woher es kommt: 2011 gründete Knyphausen mit Nils Koppruch (Fink) die Band Kid Kopphausen. Sie veröffentlichten ihr erfolgreiches Debüt, kurz darauf starb Koppruch. Und Knyphausen zog sich zurück, reiste in den Iran ("Teheran Smiles", "Cigarettes & Citylights"), machte "Husten" mit Moses Schneider und Der dünne Mann, und dann dieses neue, dritte Solo-Album.

Sein Pathos ist also durch Trauer bedingt. Aber trotz der teilweise viel zu blumigen Bilder und Ratschläge ist es am Ende immer noch ein Knyphausen. Und der ist dann doch immer noch wie wir. Denn wer ewig gesucht hat, erschrickt nun mal, wenn er an dem Punkt, an dem er denkt, dass es jetzt losgehen könnte, erfährt, dass nun auch schon alles vorbei sein könnte. "Es wird genommen was uns nicht gehört", singt er in "Niemand". Und in "Stadt Land Flucht", das textlich sämtliche Knyphausen-Vorbilder - Blumfeld, Element of Crime, Einstürzende Neubauten - und den alten Knyphausen zitiert, heißt es: "Es gelingt nicht mehr so zu tun, als wär alles ok. Für Scheinheiligkeit ist es zu spät."

Die Erinnerung an den Tod heilt also die Entscheidungsschwäche. Aber, liebe vom Wohlstand verwahrlosten Zausel, "noch sind wir nicht draaaaaaaaaaaan", verspricht das Album gen Ende in "Etwas Besseres als den Tod finden wir überall". Ein Song, den Gisbert zu Knyphausen zusammen mit Nils Koppruch geschrieben hatte. (6.5) Julia Friese

Circuit des Yeux - "Reaching For Indigo"
(Drag City/Rough Trade, seit 20. Oktober)

Magischere Musik hat man dieses Jahr noch nicht gehört: "Philo", das dritte Stück auf dem neuen Album der US-Sängerin Haley Fohr alias Circuit des Yeux, beginnt auf einem hypnotisch klimpernden Piano-Motiv der Avantgarde-Künstlerin Ka Baird. Darüber singt Fohr, erst beruhigend guttural, dann flehentlich hochtönend, einem "call of something new" folgend, von einem Transformationsprozess: "You feel the openness, you feel the nudeness, the great anointment, the redefinement (...) Just surrender, surrender, surrender". Anschwellende Trommeln und Geigen, dann Stille. Gefolgt von einem wagneresk schwirrenden Noise-Sturm, über den Fohr, die Walküre des Alternative-Folk, dann nur noch schamanenhaft schreit. Wow.

Nach ihrem Country-Rollenspiel unter dem Namen "Jackie Lynn" ist Fohr wieder zurück in angestammten Avantgarde-Gefilden - und gibt sich darin souveräner, suggestiver als je zuvor. "Reaching For Indigo", sagt die 28-Jährige aus Indiana, kreise um einen kritischen Moment in ihrem Leben. Anfang 2016 habe sie sich eines Nachts krampfend, heulend und kotzend auf dem Fußboden wiedergefunden. Eine Erfahrung, die sie noch tiefer zu den Essenzen ihrer Kunst, wenn nicht der Existenz und ihrer Determinationen ausgreifen ließ.

Abgehört im Radio

Abgehört gibt es auch im Radio! Jeden Mittwoch um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Das Instrumentarium, dessen sie sich dabei bedient, ist vielfältiger als auf ihren vorherigen vier Alben. "Brainshift" simmert auf Orgeln, Trompeten und Background-Chören heilig vor sich hin, "Paper Bag" lässt scheinbar mehrere Klangspuren, Gitarren und Glockenspiele, gegeneinander laufen, um den Schwindel zu erzeugen, den man empfindet, wenn man in eine Papiertüte atmet. Es geht um die Öffnung von Bewusstseinsgrenzen in dieser Musik.

"A Story Of The World" ist daher auch genau das: ein Vier-Minuten-Epos, das an den immersiven, letztlich kathartischen Lärm von Swans und den endless Boogie John Lee Hookers gleichermaßen erinnert. Fohrs Gesang ist hier eine Art Howling, ein Anrufen des Mondes, einer Gottheit - oder des indifferenten Indigo-Blaus im Himmel, wer weiß. Töne, Frequenzen und Laute scheinen wie aus der Statik der Atmosphäre, a higher plane, abgeleitet - und werden von Fohr immer wieder auch in zugängliche Folk-Songs wie "Black Fly" oder das Requiem "Falling Blonde" gelenkt. "Every light's turning green for you", deklamiert sie darin mit dieser majestätischen Emo-Grabesstimme an einen fallenden, sterbenden Engel. Nur im Limbo sind alle Möglichkeiten offen. (7.8) Andreas Borcholte

Lydia Daher - "Wir hatten Großes vor"
(Trikont/Indigo, ab 27. Oktober)

Zu den befremdlichsten und zugleich entzückendsten Geräuschen auf diesem Planeten gehört die Stimme von Werner Herzog, wenn er Englisch spricht. Überpräzise, mit deutlich bayerischer Unterströmung im Zungenschlag, dringlich und konzentriert, melancholisch unendlich komisch zugleich. Auf diesem Album hat Herzog als Sample einen Auftritt mit einem Satz, in dem er einmal über den Dschungel nachdachte: "We in comparison to that enormous articulation... we only sound and look like badly pronounced and half-finished sentences out of a stupid suburban ... novel". Dieses weltwunde und zutiefst pessimistische Stochern nach den richtigen Worten in der falschen Sprache begleitet Philipp Gropper mit stichelnden Klängen, eine Simultanübersetzung ins Saxofonische.

Die Stelle ist nur ein Detail, schließt aber den kompletten Kosmos dieser erstaunlichen Platte und dieser erstaunlichen Künstlerin auf: Singt Lydia Daher mit ihrer klaren und ruhigen und warmen und dunklen Stimme von einem "harten Schnitt", macht ihre famose Begleitband genau das: einen harten Schnitt. Unter "Ruinieren" legt Schlagzeuger Daniel Schröteler einen hyperhektischen Rhythmusteppich, bevor er, wie erschöpft, bei einem Dub verschnauft. Und "wenn alles um uns rum auseinanderfällt", fallen die Klänge tatsächlich in sich zusammen. Marionetten, deren Fäden durchgeschnitten wurden.

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Diese radikale Engführung von Lyrik und Musik mit den Mitteln von Jazz, Mininal und Prog könnte man avantgardistisch nennen, wäre sie nicht zugleich - und darin besteht das Wunder von "Wir hatten Großes vor" - bei aller Trockenheit und Kompromisslosigkeit so irrsinnig eingängig. Was für Text und Ton gleichermaßen gilt. Im Weichbild dieses raffinierten Klangraumes wachsen sogar banale Wortspielchen ("Ich bin nicht allein, nein, nein, solang ich neben mir steh") über sich hinaus ins Größere, Große, schaukeln auf wie eine Brandung, werden Ballade und Pop und Poesie: "Ich will dich küssen an der Küste dieses total bankrotten Staates".

Wie schlecht ausgesprochen und halb beendet wirkt vieles, was derzeit in deutscher Sprache erscheint. Im Vergleich zu dieser enormen Artikulation. (8.5) Arno Frank


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 3 Beiträge
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tcdk 25.10.2017
1. Destroyer - komisch...
...hier hat Herr Borchholte wieder mal einen rausgehauen. Ich lese hier als Quintessenz: ohne Vorwissen nicht hörbar. Nur gut, wenn man die "Collage" kennt, aus der das Album anscheinend zusammengestrickt ist. Dann höre ich lieber angeblichen toten Rock - dem ja jegliche Innovation fehlt und sich ständig selbst kopiert.
Japhyryder 26.10.2017
2. Abgehört
Hab die Clips mal abgehört. SAGENHAFT (aber belanglos, bis auf Lydia Daher. Merke ich mir.)
Japhyryder 26.10.2017
3. Circuit des Yeux
Der Clip ist klasse!
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