Country-Wunder Civil Wars: Der Teufel am Mikro neben dir

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Civil Wars: Zwei Feinde sollt ihr sein Fotos
Tec Petaja

Album auf Platz eins der Charts, Beziehung im Keller: Das Duo Civil Wars begeistert in den USA mit ihrem düsteren Country-Folk die Massen, während die Musiker selbst Krieg miteinander führen. Radiomelodien aus der Scheidungshölle.

Waren sie denn nun überhaupt je ein Paar? Die Band hat immer dementiert, das Publikum wollte das anders sehen. Auf der Bühne schienen sich Joy Williams und John Paul White eine Zeitlang einander so zugetan, dass alle davon ausgingen, die beiden Musiker des Country-Duos Civil Wars müssten eine Liebesbeziehung führen. Im Blick des einen ein Leuchten, wenn der andere sang, und dann schmiegten sie sich noch in den aufwühlendsten Momenten im sanftesten Country-Harmoniegesang aneinander - selbst wenn es in den Songs um das Fegefeuer, um Verrat oder Mord ging. Die Anziehung zwischen den beiden wirkte fast so magisch wie beim Country-Traumpaar Johnny Cash und June Carter, als diese schon gemeinsam auf der Bühne standen, aber noch mit anderen Partnern liiert waren.

Auch White und Williams hatten und haben andere Ehepartner. Er, der inzwischen 40 ist, lebt mit Frau und vier Kindern im ländlichen Muscle Shoals, Alabama; sie, zehn Jahre jünger, mit Mann und Baby in Nashville. Jetzt haben sich White und Williams in ihren jeweiligen Familiennestern verbarrikadiert. Man musiziert nicht mehr miteinander, kommuniziert wird über Manager und Anwälte. Das wahrscheinlich aber ziemlich rege, denn Trennungsprozesse sind ja - in der Liebe wie in der Kunst - auch immer Verteilungsprozesse.

Und verteilt werden müssen jetzt extrem hohe Einnahmen aus Tonträgerverkäufen: Vorige Woche stieg das zweite Album des Duos - produziert, als die Band schon in Scherben lag - in den USA auf Platz eins in die Charts ein. In Großbritannien ging es auf Platz zwei.

Einen Titel trägt das Werk, das am Freitag auch in Deutschland erscheint, nicht. Auf dem Cover prangt nur der Schriftzug Civil Wars, dahinter sieht man eine riesige schwarze Rauchwolke in den Himmel steigen. Die Musik auf dem Album: düster, latent kriegerisch, voll Todesahnung. Ein letztes Gefecht, sozusagen das Gettysburg von Civil Wars. White spielt die Stahlsaiten erbarmungslos, Williams barmt fast schwindsüchtig, über allem steht unheilvoll das alte Blues-Motiv des Teufels.

Das Gettysburg von Civil Wars

Vom Teufel singen Civil Wars nicht nur einfach so, das Bibelvokabular hat mehr als metaphorische Bedeutung. Joy Williams ist tief in ihrem Glauben verwurzelt; sie hatte schon drei Alben mit christlicher Popmusik eingespielt, bevor sie 2008 in Nashville John Paul White kennenlernte. Beide waren Teilnehmer eines Kreativ-Camps, in dem Musik und Texte für Countrymusiker entwickelt wurden. White hatte bereits ein Album für das Majorlabel Capitol eingespielt - das nie veröffentlicht worden war.

The Civil Wars -The One That Got Away
Mehr Videos gibt es hier auf tape.tv!
"The One That Got Away"-Videoclip von The Civil Wars auf tape.tv ansehen

In Nashville trafen nun mit White und Williams zwei Menschen aufeinander, wie sie in der Country-Metropole geliebt werden: talentiert, ehrgeizig, tauglich für den großen Glamourzirkus, aber auch den Traditionen und dem Glauben verbunden. Als Live-Ereignis machten sich Civil Wars einen Namen, ein gefeierter Auftritt in der Grand Ole Opry verschaffte ihnen endgültig Eintritt in die Nashville-Aristokratie, für das Countrypop-Sternchen Taylor Switft schrieben sie schließlich den Grammy-gekrönten Hit "Safe And Sound".

Dann auf einmal die Meldungen, dass die Musiker nicht mehr miteinander sprechen, Absagen einzelner Konzerte. Schließlich folgte ein offizielles Statement, in dem klassisches Scheidungsvokabular verwendet wurde. Einfach so alles hinwerfen - ein Widerspruch zur eisernen Disziplin, die White und Williams zuvor an den Tag gelegt haben? Nicht wirklich.

Scheidungen haben dem Ruhm in der Popmusik noch nie geschadet - kommt nur darauf an, wie man diese Scheidungen zur Aufführung bringt. Die Westcoast-Wüteriche Fleetwood Mac etwa brachten mit "Rumors" 1977 eines der bestverkauften Alben der Popgeschichte raus; entstanden war es, während es jenseits des Studios zwischen den Bandmitgliedern um Ehebruch und Scheidungskrieg ging. Der ätherische Breitwandpop von Fleetwood Mac strahlte im Resonanzraum der überlieferten Beziehungsschlachten noch viel heller.

Bei Civil Wars soll es im Studio weniger aggressiv zugegangen sein. Schon deshalb, weil sich White und Williams dort fast gar nicht begegnet sind. Nach anfänglichen gemeinsamen Sessions sang und spielte man die Parts zu den Songs separat ein, dann gab man die Trennung bekannt. Seitdem führt Joy Williams in Nashville das eine oder andere tränenreiche Solo-Interview, während Jean Paul White in Alabama grollt.

Der Wirkung des Scheidungsalbums von Civil Wars mit all seinem Bibelvokabular kann das nur zugute kommen: Der Teufel, das ahnt der Hörer bald mit wohligem Schauer, ist immer der Typ am Mikro neben dir.


Civil Wars: "Civil Wars" (Sony), erscheint am 23. August

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insgesamt 14 Beiträge
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1.
petermgraf 22.08.2013
Zitat von sysopAlbum auf Platz eins der Charts, Beziehung im Keller: Das Duo Civil Wars begeistert in den USA mit ihrem düsteren Country-Folk die Massen, während die Musiker selbst Krieg miteinander führen. Radiomelodien aus der Scheidungshölle. Civil Wars: Country-Band bringt Scheidungsalbum raus - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/tv/civil-wars-country-band-bringt-scheidungsalbum-raus-a-917685.html)
Civil Wars begeistert in den USA die Massen? Ich wohne seit Jahrzehnten in Los Angeles, nie von denen gehoert, keiner spricht von ihnen.
2.
ratte321 22.08.2013
Stahlseiten??? Wohl eher Stahlsaiten! Vielen Dank für den Hinweis, wir haben den Fehler korrigiert. Die Redaktion
3. Wer, bitte?
Metternich 22.08.2013
Typisch deutscher Journalismus der amerikanisierten Generation. Hauptsache es kommt aus Ami-Land, Civil Wars? Wer, bitte? Ach, wir sollen die CD kaufen. Wir wär´s mal mit Aufklärung über die Kultur unserer Nachbarn in Europa (gab´s früher mal). Da wird auch Pop u.a. produziert und keineswegs schlechter!
4. Bürgerkriegsähnlich...
Goldschwund 22.08.2013
Zitat von petermgrafCivil Wars begeistert in den USA die Massen? Ich wohne seit Jahrzehnten in Los Angeles, nie von denen gehoert, keiner spricht von ihnen.
Hm, dann sollten Sie vielleicht hin und wieder mal die Wohnung verlassen, die Medien verfolgen oder sich mit dem ein oder anderen Einheimischen unterhalten. Ich habe zwar noch nie in den USA gelebt, möchte das auch nicht und bin zudem absolut kein Country (oder Western) Fan, aber die Band ist mir zumindest vom Namen her bekannt, da ich gerne die Grammy Awards verfolge. Dort wurde ihr Album im letzten Jahr ausgezeichnet. Und der aktuelle Release scheint ja gerade Nummer 1 der Billboard 200 zu sein, was ja zumindest dafür zu sprechen scheint, dass der ein oder andere Amerikaner sie kennen könnte, nicht wahr? Aber grämen Sie sich bitte nicht. Ich kenne einige (deutsche) Landsleute, die seit ihrer Geburt hier leben und die davon, was hierzulande musiktechnisch im Trend liegt, auch keinerlei Ahnung haben. Es gibt vermutlich schlimmere Bildungslücken.
5.
P.Delalande 22.08.2013
Zitat von petermgrafCivil Wars begeistert in den USA die Massen? Ich wohne seit Jahrzehnten in Los Angeles, nie von denen gehoert, keiner spricht von ihnen.
Na ja, irgendjemand scheint die doch zu kennen. Zwei Grammys 2012 u.a. für das beste Folk/Country Album, aktuell Nummer 1 Album bei den Billboard "Hot 100" Charts.
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