Nachruf auf Claus Ogerman Der Weltstar hinter der Musik

Was lange vermutet wurde, hat sich nun bestätigt: Der legendäre Arrangeur und Komponist Claus Ogerman ist tot. Der scheue Weltstar ließ mit seinem Sound Stars wie Sinatra, Jobim oder Streisand glänzen.

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An einem glühend heißen Münchner Sommertag stand Claus Ogerman mal in einem weißen Pelzmantel vor dem Hotel "Bayrischer Hof", als sein Handy klingelte. Irritiert wie nur jemand sein kann, der so ein Gerät nur selten und widerwillig benutzt, fummelte er es aus der Manteltasche und wiegelte knapp ab: "Barbra, I can't talk right now. I'll call you later." Die Streisand sei eben hartnäckig, sagte er, lachte, enterte das Nobelhotel und orderte zur Abkühlung eine Flasche eiskalten Champagner.

Claus Ogerman war ein scheuer Weltstar, der das Rampenlicht mied. Ein Künstler, der sich hinter den Kulissen wohlfühlte und dessen Name vor allem Menschen bekannt ist, die das Kleingedruckte auf Schallplattenhüllen studieren. "The Man behind the Music" war dann auch der passende Titel einer umfangreichen Ogerman-Werkschau, die vor einigen Jahren als CD-Box erschien. Die Liste der Künstler, denen der Arrangeur, Komponist und Musiker im Laufe seiner Karriere zur Hand ging, ist lang und eindrucksvoll. Sie reicht von Frank Sinatra, Antonio Carlos Jobim, Astrud Gilberto, George Benson, Sammy Davis Jr, Barbra Streisand, Joao Gilberto, Stan Getz, Oscar Peterson, Bill Evans, Wes Montgomery, Dr John, Stephane Grappelli und Gidon Kremer bis hin zu Diana Krall.

Claus Ogerman verstand sich auf alle nur denkbaren Genres; er beherrschte Jazz, Bossa Nova, Pop, Rock, Klassik, Musical und, wenn es sein musste, auch Schlager. Vor allem aber bot er den raffinierten Ogerman-Sound, mit dem er selbst mittelprächtige Vorlagen zum Glänzen bringen konnte. Er zauberte Streicher-Arrangements, die elegant und wehmütig zugleich klangen. Ein sehnsüchtiger und individueller Sound, der bei weniger Begabten vielleicht ins Kitschige gekippt wäre, bei Ogerman aber stets erlesen klang. Das alles verbindende Element in seiner Arbeit war eine große Melancholie, von der er selbst einräumte, dass sie tief säße und auf seine Jugend zurückzuführen sei.

Geboren wurde er als Klaus Ogermann 1930 in Ratibor, Preußen, dem heutigen Polen. Von Musik umgeben war er früh, da sein Vater unter anderem mit Schallplatten handelte. Als Vertriebene landeten die Ogermanns in Bayern. Die Mutter überlebte die Flucht nicht. Das Entsetzen darüber verließ ihren Sohn nie.

Ogerman eilte von Session zu Session

Jazz war die Musik, die Ogerman bereits in jungen Jahren besonders ins Herz geschlossen hatte. In München fiel er bald als musikalisch begabt auf. Zu seinem ersten prominenten Auftritt kam er, als er gebeten wurde, den Trompeter Chet Baker bei einem Radiokonzert am Klavier zu begleiten. Ansonsten arrangierte und schrieb er Schlager und träumte vom Jazz. Als er genug Geld gespart hatte, reiste er 1959 nach New York, um dort, mit einem "n" weniger, als Claus Ogerman sein Glück auf internationaler Ebene zu versuchen. Und das kam schnell. Auf einer Party lernte er Don Costa und Quincy Jones kennen, die ihm Aufträge zuschanzten. "It's my Party" von Lesley Gore war der erste Nummer-eins-Hit, den er betreute.

Schnell wurde er einer der gefragtesten Arrangeure der US-Branche - und einer der fleißigsten. Damals, zu Beginn der Sechziger, galt Bossa Nova in den USA als der letzte Schrei. Als der Titan des brasilianischen Genres, Antonio Carlos Jobim ("The Girl from Ipanema"), Ogerman nach Rio einlud, machte der sich auf den Weg. Die sechs Alben, die Ogerman mit Jobim einspielte, gelten längst als Klassiker des Genres. Beeindruckt war auch Frank Sinatra, der Jobim vorschlug, ein gemeinsames Album einzuspielen. Der wiederum bestand darauf, dass sein mittlerweile enger Freund Ogerman mit von der Partie sein müsse.

Besser als auf dem Album "Francis Albert Sinatra & Antonio Carlos Jobim" hat Sinatra selten gesungen. Für den Bossa-Nova-Deluxe-Sound, der Sinatras Stimme zum Strahlen brachte, sorgte Ogerman als Arrangeur und Dirigent. Spätestens danach galt er in der Branche offiziell als Star. Der "Preuße" nannte ihn Sinatra, der "Meister" war er für Jobim. Damals eilte Ogerman von Session zu Session und arbeitete mit den Größen der Jazz-Branche bis zum Umfallen. Neunzehn Mal war er für einen Grammy nominiert, zwei Mal gewann er.

Von Jazz und Pop zur E-Musik

Geschäftstüchtig war der "Preuße" allerdings auch. Früh verstand er, wie wichtig und lohnenswert das Urheberrecht ist, und sicherte sich mit eigenen Musikverlagen die Rechte an seinen Arbeiten. Als er gegen Ende der Siebzigerjahre beschloss, genug von Jazz und Pop zu haben, und sich abrupt aus der Branche zurückzog, konnte er sich das finanziell lässig leisten. Die Trauer in der Musikwelt war groß, aber Claus Ogerman hatte konsequent abgeschlossen mit dem Populären, um sich künftig ausschließlich der E-Musik zu widmen.

Beeindruckend ist auch die Liste der Musiker, die Ogerman in den Jahren danach bedrängten, für sie eine Ausnahme zu machen: Dr. Dre, Wynton Marsalis, Phil Collins, Michael Jackson und immer wieder Prince. Sie alle versuchten, Claus Ogerman für ihre Projekte zu begeistern. Ohne Erfolg. Für Diana Krall machte er 2001 noch mal eine Ausnahme, unter der Bedingung, dass ihr Mann, der Ogerman-Superfan Elvis Costello, ihnen im Studio nicht auf die Nerven fallen dürfe. Das gemeinsame Album "The Look of Love" wurde dann mit einem Grammy ausgezeichnet. Auch dem Jazz-Pianisten Danilo Perez veredelte Ogerman vor sechs Jahren nochmal das großartige Album "Across the Crystal Sea".

In den letzten Jahren pendelte Ogerman zwischen München und New York. Sein beliebtestes Kommunikationsmittel war auch in diesem Jahrtausend nicht das Handy, sondern das Faxgerät. Auf die meisten Anfragen reagierte er aber sowieso nicht mehr.

Claus Ogerman verstarb bereits am 8. März im Alter von 85 Jahren. Eine traurige Nachricht, die bereits seit Monaten von Freunden und Kollegen in den sozialen Netzwerken verbreitet wurde. Ogermans Familie hatte allerdings beschlossen, sein Ableben vertraulich zu behandeln. So fehlte eine offizielle Bestätigung seines Todes, was dazu führte, dass alle Nachrufe, so auch dieser, auf Eis lagen. Nun bestätigte Tommy LiPuma, berühmter Produzent und langjähriger Chef des Labels "Verve", Ogermans Tod. Ein letztlich passender Abgang eines Künstlers, der immer lieber im Hintergrund blieb.

Natürlich werde er die Streisand irgendwann zurückrufen, sagte Claus Ogerman damals in München. Aber das, was sie wolle, habe er leider nicht mehr zu bieten.



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