Club-Hit "3 Tage wach": Soundtrack zum Suffkoma

Von Thomas Winkler

Mit Ironie hat's die Masse ja nicht so. Das stellte Tobias Lützenkirchen fest, als seine Drogenhymne "3 Tage wach" plötzlich nicht mehr Undergound-Clubber amüsierte, sondern Flatrate-Partys beschallte. Jetzt will der Techno-DJ seinen Ruf retten - und dabei trotzdem abkassieren.

Manchmal reichen drei Minuten Musik. Um eine Diskussion auszulösen. Um einen Scheideweg zu erreichen. Um ein Lebensgefühl auf den Punkt zu bringen. Um den Zeitgeist einzufangen. Um vielleicht nicht die Welt zu verändern, aber ihr beim Verändern zuhören zu können. Manchmal reichen drei Minuten Musik, um zum Helden zu werden. Oder zum Sündenbock.

Techno-DJ Lützenkirchen: "Diese jungen Wilden sind feiergeil"
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Techno-DJ Lützenkirchen: "Diese jungen Wilden sind feiergeil"

Noch ist nicht entschieden, als was Tobias Lützenkirchen in die Geschichte der populären Musik eingehen wird. Bisher steht nur fest, dass "3 Tage wach", ein Track des Münchner DJs, nicht nur in jeder Discothek durchgenudelt wird und nun seit Wochen schon an der Spitze der Club-, Download- und Klingelton-Charts steht, sondern auch leidenschaftlich und kontrovers diskutiert wird, in den Internet-Foren der Techno-Szene ebenso wie in der breiteren Öffentlichkeit.

Und das alles nur wegen drei Minuten, in denen über einem eher schleifenden Beat in wenigen Worten beschrieben wird, wie es sich anfühlt, drei Tage lang zu feiern, auf Schlaf zu verzichten und reichlich Alkohol und Drogen zu sich zu nehmen. Da reimt sich "Bunte Pillen Fete" auf "Puls wie ’ne Rakete", "Flasche leer" auf "Feuerwehr" und "Notfall Apotheke" auf "Rotz auf der Tapete".

Aus dem Bauch der Republik

Ob die Ironie verstanden wird oder nicht: Auf den Tanzflächen von Flensburg bis Passau reißen nun die Partygänger zu "3 Tage wach" die Hände in die Höhe und grölen den rudimentären Text begeistert mit. Und kaum einer der vielen Fernsehberichte über Flatrate-saufen-geschädigte Jugendliche mag dieser Tage darauf verzichten, von "3 Tage wach" unterlegt zu sein. Der Song ist, so sieht es Lützenkirchen, "ein Spiegel der Szene", eine Reportage aus dem Bauch der Republik. Und es sind keine guten Nachrichten.

Lützenkirchen, bislang ein respektierter, aber eher durchschnittlicher Techno-DJ, wundert sich noch heute, wie das passieren konnte: "Das war ein reiner Glückstreffer." Dieser Glückstreffer allerdings trifft offensichtlich einen wunden Punkt in einem verunsicherten Land, das momentan, erschüttert von Pisa-Schock und Bildungskrise, auch an seiner eigenen Jugend zweifelt, die sich lieber vergnügt anstatt ein neues Wirtschaftswunder einzuleiten.

Diese Jugend, das hat Lützenkirchen beobachtet, drängt wieder vermehrt in die Clubs. Und feiert dort, findet der 31-Jährige, noch intensiver als es früher üblich war: "Diese jungen Wilden sind feiergeil und die wollen Abfahrt. Ich will nicht sagen, das ist erschreckend, aber manchmal denkt man schon, das ist jetzt zwei, drei Etagen zu krass."

Warum das so ist? "Darüber kann man nur spekulieren", sagt Lützenkirchen, "aber es gibt eine generelle Unzufriedenheit der Menschen mit ihrem Alltag. Das ist Motivation Nummer eins: Die Woche abhaken. Das Feiern ist der Ausgleich zum Wochenstress, also geben sie am Wochenende Vollgas, bis nichts mehr geht."

Dieser Generation, die Vollgas gibt bis nichts mehr geht, der ist sein Song nun zum Soundtrack geworden. Dabei hatte alles ganz harmlos begonnen. "Wir waren zwar nicht drei Tage feiern, sondern nur einen Abend", erzählt Lützenkirchen, "aber danach sind wir im Studio gelandet und spontan habe ich das Ding dann zusammengeschustert. Ich war gut beieinander, hatte einiges getrunken, und dann habe ich Vocals durch den Vocoder gejagt und mir den Arsch abgelacht. Das war endlustig, aber in dem Moment hab ich mir gar nichts dabei gedacht. Das war eine reine Spaßsache."

In-Crowd und doofe Proll-Raver

Wahrscheinlich musste der Track genau so entstehen. Ohne viel Kontemplation, schnell gemacht bringt er nun auf den Punkt, was jedes Wochenende in den Tanztempeln dieses Landes abgeht. Und dank Lützenkirchen findet so endlich zusammen, was eh schon immer zusammen gehörte. Die sich immer noch irgendwie alternativ und undergroundig wähnende Techno-Szene musste erkennen, dass sie inhaltlich gar nicht so weit entfernt ist von den Ritualen der verachteten Masse.

Denn zuerst wurde "3 Tage wach" vor allem in den Underground-Clubs von Berlin oder München als Novelty-Stück gespielt. Eine gute Gelegenheit für die In-Crowd, mal wieder über die doofen Proll-Raver abzulachen, die schon die Love Parade kaputtgefeiert hatten. Doch als der Track die Großraumdiscotheken erreichte, wuchs die Kritik an Lützenkirchen. Nun war der Song vielen zu primitiv, und andere entdeckten plötzlich, dass der Beat doch eher lahmarschig sei.

Angesichts dieser Situation versucht sich der Urheber der Kontroverse an einem Balance-Akt. Nun, da sein erstes Album "Pandora Electronica" erscheint, will Lützenkirchen die in langen Nächten hinterm DJ-Pult erworbene Reputation behalten, die hart erarbeitete wirtschaftliche Grundlage sichern, nicht als Mr. "3 Tage wach" die Gunst jener Clubbetreiber verspielen, die ihn bislang regelmäßig buchten. Verständlicherweise ist er aber auch daran interessiert, das neue Publikum zu behalten, den Kundenstamm zu erweitern.

Ausgerechnet Scooter

So lässt er sich nun einerseits in seine Verträge schreiben, dass mit dem berühmt-berüchtigten Track nicht auf Plakaten oder Flyern geworben werden darf, und lehnt Angebote, am Ballermann oder in Lloret de Mar aufzulegen, konsequent ab. Auch soll "3 Tage wach" vorerst sein erster und letzter Track mit Text bleiben. "Ich will unbedingt verhindern, der König von Mallorca im Techno-Bereich zu werden", sagt er. Andererseits aber hat er zugestimmt, als seine Plattenfirma ausgerechnet Scooter, die Regenten des Ballermann, damit beauftragte, einen Remix von "3 Tage wach" zu fertigen.

Ob dieser Spagat gelingt, davon wird abhängen, ob Lützenkirchen weiter als Plattenaufleger seine Brötchen wird verdienen können. Ein Plätzchen in der Geschichte der populären Musik ist ihm allerdings schon jetzt sicher. Manchmal reichen dazu eben drei Minuten.


Lützenkirchen: "Pandora Electronica", (Great Stuff/ Groove Attack)

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