Comeback-Plan Zwei Minuten Jacko-Spuk

Es war keine Pressekonferenz, sondern ein Spektakel: Michael Jackson hat vor jubelnden Fans ein Comeback mit zehn Konzerten in London angekündigt. Doch Zweifel an seiner Bühnentauglichkeit bleiben - bei Buchmachern laufen schon Wetten gegen den alternden King of Pop.


Ein Starbucks, ein O2-Laden und ein Burger-Restaurant - die Eingangshalle der O2-Arena in London versprüht den Charme eines durchschnittlichen Einkaufszentrums. Es ist das Ambiente, das sich der erfolgreichste Sänger aller Zeiten für sein Comeback ausgesucht hat. Eine Bühne mit Mikrofon ist aufgebaut. Auf elektronischen Laufbändern in der zugigen Halle steht weiß auf rot: "Michael Jackson - King of Pop".

Jahrelang war der einstige Superstar von der Bildfläche verschwunden, seit seinem Freispruch wegen Kindesmissbrauchs 2005 war er ins Privatleben abgetaucht. Seine Karriere schien beendet. Doch eine kurze Mitteilung auf seiner Homepage am Mittwoch genügte, um hunderte von Fans am Donnerstag in den früheren Millennium Dome am Ufer der Themse zu locken. Jackson habe eine "besondere Ankündigung" zu machen, stand geheimnisvoll im Internet. Die Pressekonferenz war für vier Uhr anberaumt, doch es wurde geraten, drei Stunden früher da zu sein, schließlich gelte "First come, first served".

Die ersten Fans kamen bereits am Abend vorher und campierten vor der Arena. Das Geheimnis war schnell durchgesickert: Jackson wird wieder auftreten, zehn Konzerte will er in London geben, das erste am 8. Juli. Die ersten Werbeplakate tauchen bereits im Lauf des Tages in der U-Bahn auf.

"Wir warten seit vier Stunden, ihr Fucker"

Iram steht seit mittags vor der Bühne. Die 22-jährige Studentin weiß nicht, wie teuer die Tickets sind, aber sie will auf jeden Fall Jackson live erleben. "Egal, was es kostet". Der 27-jährige Omar Ali hat nur ein T-Shirt an. Er friere gern, sagt er. "Für Michael". Seit 20 Jahren sei er Fan.

Es ist keine Pressekonferenz, es ist ein Spektakel. Als die zig Journalisten aus aller Welt in den abgesperrten Bereich zwischen Fans und Bühne geführt werden, bricht ein Proteststurm los. "Weg da", "runter", brüllen die Fans. "Wir warten seit vier Stunden, ihr Fucker". Eine Frau ruft: "Erst nennt ihr ihn einen Kinderschänder, und jetzt drängt ihr in die erste Reihe".

Stunde um Stunde verstreicht, und nichts passiert. Gegen fünf Uhr heißt es, Jackson sei vom Hotel abgefahren. Um halb sechs wird ein Einspielfilm gezeigt. "Das Warten hat ein Ende, die Zeit ist reif, der King of Pop kehrt zurück", flimmert es über die Großbildleinwand. Das Geschrei ist ohrenbetäubend.

Sexy Michael im hautengen Goldanzug, der Griff in den Schritt, der Moonwalk, das Feuerwerk, die heulenden Mädchen, der Film lässt den Mythos der achtziger Jahre wiederauferstehen. Dann endlich, um 17.38 Uhr, tänzelt er auf die Bühne. Schwarze, lange Haare, überdimensionale Sonnenbrille, eine goldbestickte Uniformjacke. Er sieht so aus, wie die Fans ihn in Erinnerung haben.

Ein entrücktes Lächeln

Er macht ein Victory-Zeichen und sagt: "Das ist es. Dies werden meine letzten Auftritte in London sein". Er blinzelt ins Publikum, lächelt entrückt, wirft Küsschen in die Menge. Und er sagt immer wieder den einen Satz. "Das ist es. Wenn ich sage, das ist es, meine ich, das ist es. Wirklich, das ist es. Das ist der letzte Vorhang. Ich sehe Euch im Juli". Er tänzelt ein bisschen vor und zurück, und mit den Worten "Ich liebe Euch" verlässt er die Bühne.

Es ist 17.40 Uhr. Zwei Minuten, und der Spuk ist vorbei. Zurück bleiben die Fans - frisch verliebt. "Er war brilliant", sagt Stephen, ein Reisebüroverkäufer, und verdreht die Augen. "Es war nicht lang, aber es war großartig", sagt Omar, der seit sechs Stunden in der Halle steht. Ob sich das Warten gelohnt hat? Was für eine Frage. "Definitiv."

Die Fans tun an diesem Tag alles, um ihrem Idol ganz nah zu kommen. Die 15-jährige Julie bettelt Reporter an, ob sie nicht eine Assistentin bräuchten. "Pleeease", sagt sie. Sie hat Michael Jackson noch nie gesehen. Als er das letzte Mal auf Tournee war, war sie erst drei Jahre alt. 1996/97 war das, die HIStory-Tour durch 58 Städte.

Seit 2001 hat der 50-Jährige kein komplettes Konzert mehr gegeben. Sein letzter Live-Auftritt 2006 blieb als Blamage in Erinnerung: Bei den World Music Awards in London sang er nur die ersten Zeilen von "We are the World", dann verließ er abrupt die Bühne.

Im Laufe der Jahre hatte es immer wieder Gerüchte über ein Comeback gegeben. Stets hatten sie sich als unbegründet erwiesen. Eine Comeback-Tour mit den Jackson Five sagte er kurzfristig ab. Ein Album, für das der Scheich von Bahrain sieben Millionen Dollar gezahlt hatte, wurde nie produziert.

Zweifel an der Bühnentauglichkeit des King of Pop

Als daher in den letzten Wochen die ersten Meldungen liefen, Jackson plane eine Konzertserie in Las Vegas oder London, wurden sie mit Skepsis aufgenommen. Es gab Zweifel an seiner Bühnentauglichkeit. Vergangenes Jahr waren Fotos im Umlauf, die ihn im Rollstuhl zeigten. Im Dezember hieß es, er brauche eine Lungentransplantation.

Doch soll diesmal nichts schief gehen. Jackson sei medizinisch untersucht worden, bevor der Deal unterschrieben wurde, teilt der Veranstalter Anschutz Entertainment Group mit. Er sei fit. Auch sei man für den Fall versichert, dass Jackson ausfällt. Es wird erwartet, dass die Konzerte binnen kürzester Zeit ausverkauft sind. Vorbild ist Prince, der 2007 eine Serie von 21 Konzerten in der Londoner Arena gegeben hatte.

Hochverschuldet und mit einer Menge Negativschlagzeilen

50 Millionen Pfund soll die Gage für Jackson betragen. Die braucht der hochverschuldete Star dringend. Seine Ranch Neverland in Kalifornien stand zwischenzeitlich zur Zwangsversteigerung. Im letzten Jahrzehnt hatte er ausschließlich Negativschlagzeilen produziert. Vorwürfe des Kindesmissbrauchs, Schönheitsoperationen, finanzieller Ruin, gesundheitliche Probleme, darin erschöpfte sich das öffentliche Image des einstigen Superstars.

Mit den Abschiedskonzerten will er nun seinen Ruf wieder aufbessern. Es werde das "Musikereignis des Jahrzehnts", jubeln die Veranstalter. Doch auch nach seinem Blitzauftritt in der Öffentlichkeit bleiben Zweifel. Beim Buchmacher William Hill in London laufen Wetten, dass die Konzerte nicht stattfinden. Es gibt Gerüchte, dass der Sänger nur mit Playback auftreten wird.

Vielen Fans ist das egal. Hauptsache, er steht auf der Bühne. Stephen hat sich per SMS für drei Konzerte beworben. Er hat Jackson 1997 in London und 2001 im Madison Square Garden in New York gesehen. Mit dem Comeback hatte er nicht mehr gerechnet: "Es ist ein Wunder".



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dehnübung 05.03.2009
1. Jackson
Die ganze Aktion und insbesondere die Reaktion bringt uns auf den Boden der Tatsachen zurück, was mann/frau mit den Menschen alles machen kann. Insofern sind die Rätsel der Vergangenheit/Geschichte, wie Menschen sich immer wieder haben verführen lassen, oder verführt werden wollten, beantwortet. Alles ist möglich, nicht zuletzt inclusive des Kaufs von "Geländewagen" für den Autobahn- und Stadtverkehr. Im Prinzip alles der gleiche Irrsinn, das gleiche Strickmuster. Es funktionierte gestern, heute und morgen. Mein Vater pflegte schon vor 40 Jahren zu sagen: "Die Menschen haben seit Jesus Christus nichts dazugelernt."
TommIT, 05.03.2009
2. Diesmal
schafft es der Zom... sich die eigenen E i ei ei anzureissen, denn die halten seit den 2 Mio OPs nicht mehr so. Man sollte den gesunden Menschenverstand eben nicht durch im Reagenzglas geklonter Ärztegenies enstandene gezüchtete Hirnzellen ersetzen, auch wenn man das Geld dazu hat. ABer die ganzen kreischer hätten ja garkeine Unterhaltung mehr, wenn nicht ab ubd zu die Nase auf den Boden fiele.
mk+ 06.03.2009
3. "Das ist der letzte Vorhang"
Sicher, ob und wie die angekündigten Auftritte vonstatten gehen werden, bleibt natürlich abzuwarten. Aber wenn er, nach Jahren der Bühnenabstinenz, die geplanten Konzerte dann gleich noch als seine letzten bezeichnet, dann ist es doch klar, dass die Fans aus dem Häuschen sind. So sind Fans und davon hatte er mehr als genug. Jackson, das Faszinosum - auch nach langer "Abwesenheit". Noch interessanter wäre aber die Frage, was er anschließend plant. Der Mann hat gerade erst haarscharf die fünfzig überschritten und ist (angeblich) hochverschuldet, von dem werden wir also ganz sicher wieder hören, ob wir nun wollen oder nicht. Zumal ich es ohnehin spannend finde, wie es jemand, der Jahrzehnte lang - gewollt und ungewollt - medial derart präsent war, geschafft hat, die letzten Monate praktisch gar nicht mehr in den Medien aufzutauchen. Übrigens, Ihr Autor weiß hoffentlich, dass der "hautenge Goldanzug" nicht aus den 80ern stammt, der gehörte erst ab der Dangerous-Tour '92 zum Repertoir.
anaxi 06.03.2009
4. erster
Die letzten Jahre hat er wohl gebraucht um sich gesund zu schrumpfen und seine Finanzen wenigstens einigermaßen wieder in den Griff zu bekommen, genügend Ideen dazu hatte er ja wohl. Anscheinend braucht er noch eine weitere kleine Geldspritze zum begleichen der Restschulden. Ich frage mich allerdings was den Mann die letzten Jahre daran gehindert hat es wirklich anzupacken und neu durchzustarten mit weiteren Alben auf altem Niveau.
do_aus_ob, 06.03.2009
5. Wie wichtig kann diese Nachricht sein?
Wenn interessiert es? Wahrscheinlich genügend, um noch einmal Reibach zu machen. Und selbst das: Es ist so irrelevant!
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