Spitzenorchester Wenn ein Schelm die Welt anhält

Das Concertgebouw-Orchester aus Amsterdam gehört zu den internationalen Topensembles. Gemeinsam mit dem temperamentvollen Dirigenten Andris Nelsons spielten die "Königlichen" in Hamburg - und lieferten ein Weltklassekonzert ab.

Dirigent Andris Nelsons: Der Lette sorgte mit dem Concertgebouw-Orchester für einen unvergesslichen Abend
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Dirigent Andris Nelsons: Der Lette sorgte mit dem Concertgebouw-Orchester für einen unvergesslichen Abend

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"Verführung" lautet das etwas nebulöse Motto des neu installierten Hamburger Musikfestes 2014. Hanseatisch salopp à la "Fix was los!" wäre auch okay gewesen, denn ebenso wie die knalligen Farben des Event-Posters rangiert auch das Programm zwischen Klassik, Jazz und Pop, womit rund sechs Wochen lang das kulturelle Frühlingsloch in der Hansestadt gestopft werden soll. Gut, wenn so hochklassige Teams wie das Amsterdamer Concertgebouworkest auflaufen, noch dazu mit dem immer noch jungen Wilden Andris Nelsons am Pult: Es wurde ein denkwürdiges Ereignis.

Auf der sicheren Seite bewegte sich das Programm der Amsterdamer: Zweimal Richard Strauss zum 150. Geburtstag, dann Brahms' zweite Symphonie als Reverenz an Hamburg, das zeugt nicht gerade von Wagemut, wenn auch mit "Macbeth" op. 23 eine eher selten gespielte Symphonische Dichtung von Strauss auf dem Programm stand. Mit dem Konzerthallen-Hit "Till Eulenspiegel" gut flankiert, konnte aber wenig schiefgehen. Ohnehin gilt Andris Nelsons als stilistischer Tausendsassa, der auch bei seinem Bayreuth-Debüt 2010 mit dem "Lohengrin" (in einer Inszenierung von Hans Neuenfels) voll überzeugte. Nelsons galt mal als möglicher Nachfolger für Sir Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern, bis er kurz entschlossen als Chef beim Boston Symphony Orchestra ab der Saison 2014/15 unterschrieb.

Präzision in heiklen Momenten

Schade für Berlin, denn wie Andris Nelsons seine Amsterdamer über die komplette Konzertdistanz im Griff hatte, das sorgte für Gänsehaut-Momente quer durchs Konzert. Faszination aus dem Stand: Schon in den ersten Takten der "Macbeth"-Komposition baute sich durch Streicher-Präzision und sichere Akzentuierung viel Atmosphäre und Spannung auf, die sofort auf alle Instrumentengruppen übersprang. Die gewitzten und gewagten Stimmungs- und Rhythmuswechsel, mit denen Richard Strauss das Shakespeare-Drama dicht am Text nachzeichnete, verlangen nicht nur perfekte Technik von jedem Musiker, sondern Konzentration, die nicht lähmen darf.

Andris Nelsons erreicht dies mit einer Schlagtechnik, die weit über das reine Handwerk hinausgeht. Sein Körpereinsatz, seine zeichnenden Hände, sein unablässig prüfender Blick, seine schnelle Reaktion, seine Spontanität reißen das Orchester mit. Er verströmt Autorität, aber er wirkt nicht als Diktator. Selbst in den heiklen Tutti-Momenten, wenn Blechbläser und Streicher einander ergänzen und nicht erschlagen müssen, führt er sicher, aber elegant. Liegt es daran, dass er fast immer lächelt? Es scheint, als ob seine Musikerinnen und Musiker mit echter Spielfreude zurücklächeln - so klingt die Musik.

Nuancen statt knalliger Effekte

Daher überrascht Andris Nelsons' Lesart von "Till Eulenspiegels lustige Streiche" op. 28: Meist geben Dirigenten hier flott Gas, schließlich ist Eulenspiegel ein anarchischer Schalk, der seinen Mitmenschen derbe Streiche spielt. Nelsons hält die Zügel fest und arbeitet die melancholischen Aspekte der Partitur heraus. Keine knalligen Effekte stehen im Vordergrund, jede instrumentale Nuance bei den Holzbläsern blüht auf, keine kammermusikalischen Momentaufnahme geht unter. Sein durchaus gemessenes Tempo fächert jedes musikalische Geschehen auf und erzählt mit langem Atem. Das Amsterdamer Orchester folgt dem jugendlichen Kapellmeister begeistert und engagiert: So wird aus dem viel gespielten "Eulenspiegel" ein bewegend frisches Ereignis.

Wie sich aus der Totenstille nach der Gerichtsszene ein Wiederaufleben des unsterblichen Narren entwickelt, das wurde ein Wunder an Klangkultur, und die Zeit scheint stillzustehen. Hier wurde ein weiteres Mal klar, weshalb das "Koninklijk Concertgebouworkest Amsterdam", wie es korrekt heißt, für viele als das beste Symphonieorchester der Welt gilt.

Der reine, wahre Brahms

Den ganz großen Atem bewiesen Nelsons und das Concertgebouworkest dann mit einer hoch konzentrierten, klar strukturierten und überlegen disponierten Version von Johannes Brahms' zweiter Symphonie D-Dur. Auch hier wählte Nelsons gemäßigtes, nicht aber breites Tempo, das Raum zu einer ausgetüftelter Dramaturgie wie für grandiose Details ließ. In der Klarheit liegt für den lettischen Dirigenten die Wahrheit, und dieser Brahms war in der Tat das Wahre, die reine Lehre.

Als das jubilierende Finale der Symphonie nach satten 45 Minuten mit all seinen Bläser-Eruptionen vorüber war, brandete Andris Nelsons und seinem Ensemble frenetischer Jubel entgegen. An den Amsterdamer Könnern muss sich jedes Orchester der Welt messen - aber eine größere Perfektion als an diesem Abend ist schwer denkbar.



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