Dragqueen Conchita Wurst "Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass der ESC reicht"

Neues Buch, neue Single - alles Wurst? Die 26-jährige ESC-Gewinnerin Conchita Wurst lässt sich Zeit mit der Entscheidung, ob sie Musikerin, Modemuse oder Polit-Aktivistin sein will. Vielleicht sollte die Dragqueen mal nach Moskau reisen.

Ein Interview von


Berlin, Soho House, Conchita Wurst hat eingeladen: Seit dem Sieg der Dragqueen beim Eurovision Song Contest in Kopenhagen ist fast ein ganzes Jahr vergangen. Außer ihrem Gewinnersong "Rise Like a Phoenix" und der schnell hinterhergeschickten Single "Heroes" gab es nicht viel zu hören von der 26-jährigen Kunstfigur aus Österreich. Jetzt erscheinen ihre (von einem Ghostwriter verfasste) Biografie "Ich, Conchita" und der neue Song "You Are Unstoppable", den Wurst am Donnerstag beim deutschen ESC-Vorentscheid vorstellen wird. Ihr Debüt soll im April veröffentlicht werden.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie sich als Künstlerin bisher so auffällig zurückgehalten?

Wurst: Ich brauche Vorbereitungszeit, um Songs für mein Album zu finden, die schreibe ich ja nicht selbst. Das hat mich das letzte halbe Jahr beschäftigt. Auf der anderen Seite hat es mir ermöglicht, zu reisen, Menschen kennenzulernen, Erfahrungen zu sammeln. Ich kann verstehen, dass es den Leuten wie eine ewig lange Zeit vorgekommen ist, aber für mich war das die perfekte Geschwindigkeit. Ich brauche halt meine Zeit, um über Dinge nachdenken zu können.

SPIEGEL ONLINE: Was kann man denn vom Album erwarten?

Wurst: "Heroes" und "Unstoppable" weisen da schon ganz gut die Richtung: viele Orchester-Elemente. Ich liebe nun mal die großen Gesten und die Dramatik, und ich glaube, dabei wird es auch bleiben. Aber es wird kein "Rise Like a Phoenix"-Album, es folgt nicht ein Bond-Song nach dem anderen.

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Conchita Wurst: Vorfreude auf das ESC-Heimspiel
SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie denn überhaupt Musikerin sein - oder eher doch Modemuse oder gar Polit-Aktivistin und Botschafterin der schwul-lesbischen Sache? Bisher ist Ihr Profil als Künstlerin ja noch recht diffus.

Wurst: Ja. Ich weiß nur nicht, ob das zwingend negativ ist. In der Musik spüre ich mich am meisten, aber brauche ich so einen Stempel überhaupt? Modetante? Sängerin? Für viele Menschen wäre das wohl hilfreich, weil etwas leichter zu verstehen ist, wenn man es kategorisieren kann. Gerade jetzt aber nehme ich mir die Frechheit heraus, alles zu machen, worauf ich Lust habe.

SPIEGEL ONLINE: Umkehrschluss: Wenn Single und Album floppen, war's das dann mit Musik?

Wurst: Nein, ich denke nicht, dass ich die Musik an den Nagel hängen würde. Wahrscheinlich würde ich mich aber damit abfinden, dass es das momentan einfach nicht ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben vor dem Europaparlament und den Vereinten Nationen für Toleranz und Akzeptanz von Schwulen und Lesben geworben. Wann treten Sie denn endlich in Russland auf, wo Homosexuelle offen diskriminiert werden?

Wurst: Das Problem ist: Es muss ja auch eine entsprechende Einladung geben. Hätte ich bereits ein Album und ginge normal auf Tournee, wäre es etwas anderes, dann ginge die Initiative von uns aus. Im Moment kann ich vielleicht zwei, drei Lieder singen und eine Rede halten, aber dazu muss man mir halt eine Plattform bieten. Und daran hakt's.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben also keine Angst vor Anfeindungen oder Aggression?

Wurst: Im Gegenteil, ich würde das wahnsinnig gerne machen! Was soll schon passieren? Es wäre natürlich nicht wie in jedem anderen Land, aber für mich fühlt es sich gerade nicht so an, als dürfte ich mich nur umringt von Security nach Russland trauen.

SPIEGEL ONLINE: Basierend auf Ihren Erfahrungen der letzten Monate: Geht es voran mit der Toleranz auf der Welt? Oder schwingt das Pendel eher wieder Richtung Ressentiments?

Wurst: Pendel ist das richtige Wort. Es schlägt halt immer nach beiden Seiten aus. Ein klares Zeichen dafür war damals mein Sieg… Und drei Wochen später die Europawahl, bei der rechtsnationale Parteien zugelegt haben. Konträrer geht es kaum. Ich glaube an die Bedeutung von Ereignissen wie dem ESC, weil sie uns einer respektvollen Gesellschaft näherbringen, aber ich bin nicht so naiv zu glauben, dass das reicht.

SPIEGEL ONLINE: Und was können Sie als Botschafterin der Toleranz selbst noch tun?

Wurst: Ich sehe mich selbst nicht als Botschafterin oder gar Ikone. Solche Begriffe verbinde ich immer mit Selbstaufgabe, die ich aber gar nicht verkörpere: Mich kostet es keine Mühe, so zu sein, wie ich bin, deshalb steht mir so ein Titel nicht zu. Ich werde immer wieder gefragt, wie viel Mut es erfordert, so zu sein wie ich. Es hat nichts mit Mut zu tun, man selbst zu sein, schon gar nicht in einer so privilegierten Umgebung wie der, in der ich lebe. Was ich noch tun kann? Das einzige, was ich versprechen kann: Ich werde immer das sagen, was ich denke und fühle.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
spibufobi 03.03.2015
1. Soll sie doch nach Moskau...
Die hat beim ESC gar nicht soo wenige Punkte aus Russland bekommen. Soll sie danach mal in die redneck Südstaaten der USA reisen. Die Chance von von us-schwulenhassern getötet zu werden ist größer als in Russland... Unabhängig davon mit 26 Jahren eine Autobiographie zu schreiben, ist lächerlich...
fliegender-robert 03.03.2015
2. Österreicher mit Bart
http://www.spiegel.de/fotostrecke/satire-spiegel-online-beste-bilder-2014-fotostrecke-121574-14.html
thakilla 03.03.2015
3.
Sehr angenehm das sich Frau Wurst hier selbst zurück nimmt und sich auf das wesentliche konzentriert. Sie möchte sich nicht instrumentalisieren lassen und versucht sie selbst zu sein. Auch wenn der Musik geschmack nicht der meine ist respektiere ich Persöhnlichkeiten mit eigenem Willen. Weiter so.
vhn 03.03.2015
4. 10 Jahre zu spät
Wie sagte Helge Schneider Do schön: Conchita Wurst kommt mit ihrer Sache 10 Jahre zu spät. Das kratzt doch keinen mehr. Höchstens in Russland könnte es sich noch lohnen, für die Schwulensache einzutreten. Also, bitte mehr Inhalte, Frau Wurst!
iwokiwo 03.03.2015
5. warum ausgerechnet Moskau?
Warum nicht nach Mekka? Gegen Saudi Arabien gibt es keine Sanktionen = ist also Deutschlands zuverlässiger Partner. Immer diese russophobe Propaganda hier.
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