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Country-Legende Johnny Cash: "Er hatte einen unbeugsamen Willen"

Es sind die letzten Lieder des Country-Giganten: Die Songs, die jetzt auf dem Album "Ain't No Grave" erschienen sind, nahm Johnny Cash kurz vor seinem Tod 2003 auf. "Er investierte Leidenschaft und Hingabe wie nie zuvor", sagt sein Sohn John Carter Cash im SPIEGEL-ONLINE-Interview.

Johnny-Cash-Bildband: Ansichten eines späten Comebacks Fotos
Andy Earl

SPIEGEL ONLINE: Mr Cash, mit "American VI: Ain't No Grave" erscheint nun das finale Album ihres Vaters Johnny Cash. Ist es nicht quälend für Sie als Sohn, sich immer wieder auseinandersetzen zu müssen mit diesen eindringlichen, sehr düsteren Abschiedsliedern?

John Carter Cash: Die sogenannten "American Recordings" sind die wichtigsten Aufnahmen in der langen Karriere meines Vaters. Ich bin froh, dass ich dabei war und dass ich diese Lieder bis heute als Produzent betreuen kann. Auch diese Platte ist so wichtig wie alle anderen zuvor.

SPIEGEL ONLINE: Sie halten die "American Recordings" tatsächlich für die besten Johnny-Cash-Platten? Manche Country-Puristen sind da anderer Meinung.

Carter Cash: Für mich sind das definitiv seine besten und wichtigsten Platten, und das sah mein Vater genauso. Natürlich hat er viele andere großartige Platten aufgenommen, von den Sun-Sessions bis "Ring of Fire", aber in diese letzten Lieder investierte er so viel Kraft, Leidenschaft und Hingabe wie nie zuvor. Weil sie so von Herzen kamen, müssen es seine besten sein. Ich war dabei, als sie entstanden, und wenn ich heute seine Stimme höre, treibt es mir natürlich manchmal die Tränen in die Augen, wenn er so schwach und matt klingt. Aber es überwiegt die Erinnerung an einen Mann, der immer wieder aufgestanden ist, der sich nie unterkriegen ließ, egal, was ihm zustieß und welche Schmerzen er zu bewältigen hatte - und diese Stimmung ist auch enorm belebend, die trage ich bis heute in mir.

SPIEGEL ONLINE: Rick Rubin, der Produzent dieser Aufnahmen, sagt, dass Ihr Vater gerade bei den letzten Sessions gesundheitlich schwer angeschlagen war. Was trieb Johnny Cash trotzdem immer wieder ins Studio?

Carter Cash: Wille und Glaube. Ich erinnere mich, wie ich ihn im Krankenhaus besuchte, wo er mit einer Lungenentzündung lag. Das erste, was er sagte, war, dass ich dafür sorgen solle, dass er in spätestens drei Tagen wieder zurück im Studio sein könne. Zur Not würde er sonst auf eigene Verantwortung gehen.

SPIEGEL ONLINE: Sagten Sie nie so etwas wie: "Dad, es reicht, sei nicht unvernünftig, ruh' dich aus und werde erstmal gesund"?

Carter Cash: So sprach man mit meinem Vater nicht. Er hatte einen unbeugsamen Willen. Er ruhte sich nur dann aus, wenn er der Meinung war, dass es unvermeidlich sei. Wir haben ihn alle immer wieder gefragt, ob er sicher ist, dass er weitermachen möchte. Als am Ende seine Kräfte drastisch nachließen, spielte er ein paar Lieder und ruhte sich danach aus. Manchmal sprach er laut Gebete, um seine Stimme zu finden. Er hatte in den letzten Jahren täglich mit gewaltigen Schmerzen zu kämpfen. Das Aufnahmestudio war gegenüber von seinem Wohnhaus, er musste also nur über die Straße gehen, um sich ein Weilchen hinzulegen. Aber man darf auch nicht vergessen, dass es eben diese letzten Lieder waren, die ihn trotz schwerer Krankheit und gebrochenem Herzen noch so lange weitermachen ließen. Er konnte am Ende kaum noch etwas sehen, selbst das Atmen fiel ihm immer schwerer, und dann starb noch meine Mutter June Carter Cash. Aber man musste Dad nicht ins Studio locken, im Gegenteil: Er trieb alle anderen immer wieder zur Arbeit. Er hatte keine Zeit, keine Stunde, keine Minute zu verschwenden. Diese Lieder waren seine Katharsis, sagte er.

SPIEGEL ONLINE: Rick Rubin sagt, dass Ihr Vater nach dem Tod Ihrer Mutter ein gebrochener Mann war.

Carter Cash: Er war ein trauriger Mann nach ihrem Tod, ja, aber er hat nie geklagt, sein Glaube war unerschütterlich. Dad war bei ihr im Krankenhaus, als sie starb. Danach fuhr er direkt zu mir und das erste, was er sagte, war: "Ich möchte sofort im Studio weitermachen." Also trommelte ich die Gang von Musikern zusammen, die bei den meisten dieser Aufnahmen mitspielten, und dann fuhren Dad und ich ins Studio und machten Musik, wunderschöne Musik. Wissen Sie, der Geist und Wille meines Vaters gaben nie auf, nur sein Körper konnte eines Tages nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Was war Ihre Rolle bei den "American Recordings"?

Carter Cash: Ich habe ihm viele der Songs vorgeschlagen, die er auf diesen Platten gecovert hat. Rick Rubin hatte meinen Vater motiviert, so viel Zeit wie nur möglich im Studio zu verbringen und viel auszuprobieren. Wenn Rick nicht da war, übernahm ich die Rolle des Produzenten, was mir eher unheimlich war, aber Rick ist nun mal ein vielbeschäftigter Mann. Ich habe meistens meine Klappe gehalten, wenn diese Profis am Werk waren und versucht, so viel wie möglich zu lernen. Dad fragte mich bei jedem Lied, was ich davon halte, und wir haben ausgiebig debattiert.

SPIEGEL ONLINE: Rubin sagt, dass Ihr Vater zu manchen Songs lange überredet werden musste. Von Depeche Modes "Personal Jesus" oder "Hurt" von Nine Inch Nails hielt er anfangs nichts.

Carter Cash: "Rusty Cage" von Soundgarden konnte Dad auch erst nicht ausstehen. Rick spielte ihm die Lieder dann auf akustischen Gitarren vor und erläuterte ihm, wie er den Text versteht, und dann sah Dad, warum Rick diese Songs ausgewählt hatte. "Hurt" ist ein irrwitziger Song, getragen von so viel Schmerz. Und Dad schaffte es, eine Version aufzunehmen, die klang, als hätte er dieses Lied geschrieben. Aber ich hatte auch Zweifel, ob es zu Dad passen würde. Ich war vertraut mit dem Original von Trent Reznor, musste aber auch überzeugt werden, dass es zu meinem Vater passt. Am Ende habe ich sogar mitgesungen, und glauben Sie mir, ich habe geheult, als wir fertig waren. Es ist umwerfend geworden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Lieder haben Sie vorgeschlagen?

Carter Cash: "I Hung my Head" von Sting war meine Idee. Viele Songs von "American III" und "IV". Aber Dad hatte immer dass letzte Wort. Auch wenn ich nicht nachvollziehen konnte, warum er einen Song ausgewählt hatte, vertraute ich ihm blind.

SPIEGEL ONLINE: Die "Akademie Mathematique of Philosophical Sound Research" in Los Angeles, wo laut CD-Booklet viele Lieder aufgenommen wurden, ist eigentlich das Wohnzimmer von Rick Rubin in Malibu, oder?

Carter Cash: Stimmt, man kann von seinem Wohnzimmer aus die Delphine im Ozean springen sehen. Ein sehr spiritueller Platz.

SPIEGEL ONLINE: Rick Rubin sagt, dass er längst den Überblick verloren hat, was damals alles aufgenommen wurde. Glauben Sie, es reicht für eine weitere Platte, oder ist jetzt wirklich Schluss?

Carter Cash: Wenn Rick Rubin nicht weiß, was noch da ist, habe ich erst recht keine Ahnung. Aber soweit ich es überblicken kann, sollte das die letzte Platte meines Vaters gewesen sein. Mein Vater hatte hohe Qualitätsstandards, und was jetzt noch herum liegt, sollte auch besser nicht öffentlich gemacht werden. Diese CD ist die letzte.

SPIEGEL ONLINE: Mögen Sie eigentlich den Begriff "Man in Black" für Ihren Vater?

Carter Cash: Er hat gut damit gelebt. Viele Menschen sehen Johnny Cash als diese düstere Gestalt, aber das war immer ein Missverständnis. Er war sogar meistens ein besonders gutgelaunter, fröhlicher Mensch. Die Düsternis war sicher auch da und begleitete ihn sein Leben lang, aber Dad personifizierte immer auch Hoffnung. Er hat lauter gelacht als jeder Mensch, den ich jemals getroffen habe.

Das Interview führte Christoph Dallach


Johnny Cash: "American VI: Ain't No Grave" (Universal)

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1. ++
saul7 01.03.2010
Zitat von sysopEs sind die letzten Lieder des Country-Giganten: Die Songs, die jetzt auf dem Album "Ain't No Grave" erschienen sind, nahm Johnny Cash kurz vor seinem Tod 2003 auf. "Er investierte Leidenschaft und Hingabe wie nie zuvor", sagt sein Sohn John Carter Cash im SPIEGEL-ONLINE-Interview. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,680934,00.html
Cash war ein sehr authentischer Mensch und ein begabter Sänger, der sowohl berufliche wie private Schläge hat einstecken müssen. Respekt!! Walk The Line...
2. von jedem
Dr.Schnabel, 01.03.2010
toten Rockstar erscheint alle paar Jahre, das letzte unveröffentlichte Material, sentationelle Archivfunde usw. Meistens Zeug, das hinter den bekannten Veröffentlichungen weit zurückbleibt und nur für Komplettisten interessant ist. Aber es bringt ja Geld ... Dass Cash hierzulande über Jahrzehnte als Musiker für Truckfahrer und Pickup-Gewehr-Haber verkannt wurde ist genausolcher Unsinn wie die Heiligsprechung seit sich Rick Rubin seiner annahm.
3. Gut
Tanja Krienen 01.03.2010
Johnny Cash hat auch im Alter noch ein erstaunlich hohes Niveau gehalten, das ist ein Fakt. Seine Lebensführung war sicherlich nicht immer die effektivste, aber alles in allem bleibt er ein Vorbild in puncto Gradlinigkeit und Echtheit.
4. Wenn man...
aqualung 01.03.2010
Zitat von Dr.Schnabeltoten Rockstar erscheint alle paar Jahre, das letzte unveröffentlichte Material, sentationelle Archivfunde usw. Meistens Zeug, das hinter den bekannten Veröffentlichungen weit zurückbleibt und nur für Komplettisten interessant ist. Aber es bringt ja Geld ... Dass Cash hierzulande über Jahrzehnte als Musiker für Truckfahrer und Pickup-Gewehr-Haber verkannt wurde ist genausolcher Unsinn wie die Heiligsprechung seit sich Rick Rubin seiner annahm.
...keine Ahnung hat...einfach mal den Schnabel halten. Fehler Nr. 1: Cash war kein Rockstar, weder ein toter noch ein lebendiger. Fehler Nr. 2: nix Archivfund, keine gammeligen alten tapes aus verrotteten Kellern. Frische Ware, die explizit zur VÖ eingespielt wurde. Und zwar kontinuierlich seit 1994, ein folgerichtig und mit innerer Logik angelegter Song-Zyklus. Ob vollendet...who knows ? Fehler Nr. 3: Das "Zeug" bleibt nicht zurück, es steht gleichwertig neben früheren VÖ, genauso wie diese gleichwertig neben den jetzigen. Mit "Komplettisten" meinen Sie wahrscheinlich jene nerds, die jede per Diktaphon beim Pinkeln aufgenommene Note eines Musikers ihr Eigen nennen wollen. Die sind gelegentlich befremdlich (also: die nerds), aber harmlose Sammler. Daraus resultiert Fehler Nr. 4: die "American recordings" sind top-professionelle Aufnahmen aus einem state-of-the-art-Studio und umfassen eine fast zehnjährige Arbeit. In anderen Genres neigt man dazu, so etwas eine "Phase" oder "Periode" eines Künstlers zu nennen. Wer solches ausblendet, reduziert einen Künstler. Aber dann passt er halt besser in genehme Schablonen. Dass "hierzulande" Truckstop und Gunter Gabriel für authentische Countrymusiker gehalten wurden/werden, liegt nun nicht an Cash, sondern daran, dass es solche Flachpfeifen durchaus auch im amerkanischen Business gibt. Natürlich ist das Unsinn, macht ja auch keiner. Cash war immer ein sinner, niemals ein saint. btw: da ich ein areligiöser Mensch bin, trennen mich eigentlich Welten von Cash. Trotzdem gehören seine Aufnahmen zu den Schätzen meiner Sammlung, die ich nicht missen möchte. Und das, obwohl seine letzten Aufnahmen eigentlich nur im Gewand des Country daherkommen, in der Substanz aber eigentlich spirituals sind. Achja, Geld: doch, ich nehme an, das die CD zu handelsüblichen Preisen gehandelt werden wird. Picassos noch unveräusserte Werke wurden nach seinem Tod ja auch nicht auf dem Flohmarkt verramscht.
5. ....
aqualung 01.03.2010
Zitat von Tanja KrienenJohnny Cash hat auch im Alter noch ein erstaunlich hohes Niveau gehalten, das ist ein Fakt. Seine Lebensführung war sicherlich nicht immer die effektivste, aber alles in allem bleibt er ein Vorbild in puncto Gradlinigkeit und Echtheit.
Effektivität - das war wohl auch das Letzte, wonach Cash strebte. Ein neo-lib-Mantra..näää, dat passt ja nu gaanich
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