Country-Pop-Phänomen Taylor Swift Kuhmädel im Paillettenkleid

Eine 19-Jährige macht Country für 19-Jährige, die kein Country mögen: Das zuckersüße Blondlöckchen Taylor Swift hat mit Teenie-Herz-Schmerz dem Opa-Sound aus den USA ein junges Publikum erschlossen. Wirkt total niedlich und harmlos? Von wegen.

Von Thomas Winkler


Dann passierte das Schlimmste, was im Leben eines Teenagers passieren kann: Ein Hacker auf der MySpace-Seite. Der Eindringling löschte Fotos, brachte die Freundesliste durcheinander, richtete eben "ein Chaos an". Das war vor einem halben Jahr, aber wenn Taylor Swift daran denken muss, rauft sie sich noch heute die goldenen Locken.

Taylor Swift mag mit ihrem zweiten Album "Fearless" rekordverdächtige elf Wochen an der Spitze der amerikanischen Charts gethront haben. Sie mag vielfache Einkommensmillionärin sein, vom Cover des "Rolling Stone" lächeln und von der "New York Times" zu "einer der besten Pop-Songschreiber" gekürt worden sein - vor allem aber ist Taylor Swift ein 19 Jahre alter Teenager und ihre MySpace-Seite das Zentrum ihres Lebens.

Das sagt einiges aus über die Sängerin aus Nashville: Sie ist der Country-Star für die Generation 2.0. Einem Genre, das von grimmigen bärtigen Männern und dickbusigen Frauen beherrscht wird, eröffnete sie eine vollkommen neue Konsumentengruppe. Amerikanische Teenager, die bei ihren Eltern notgedrungen mit Country konfrontiert wurden, hatten endlich eine eigene Stimme in diesem Segment – und hievten Swift, die Konzerte gern mit einer Rap-Einlage aus Eminems Klassiker "Lose Yourself" eröffnet, konsequent an die Spitze der Pop-Charts.

Eine Stunde täglich investiert Swift in ihren MySpace-Auftritt, sagt sie: stellt neue Live-Termine online, aktuelle Bilder oder einen neuen Song. Ebenso berühmte Kollegen lassen den im Musikgeschäft mittlerweile unverzichtbaren Auftritt im Social-Community-Portal längst von Angestellten oder einer Agentur betreuen. Aber hier aktualisiert der Star noch selbst: "Ich habe mit 14 Jahren meine eigene MySpace-Seite gebaut, weil man das in dem Alter eben so macht und alle meine Freunde so kommunizieren. Ich weiß nicht, warum ich das jetzt ändern sollte."

So enthüllt Swift ihre aktuellen Vorlieben für Musik und Fernsehserien und berichtet davon, wie sie bei der Verleihung der Country Music Awards ihrem großen Idol Shania Twain die Hand schütteln durfte.

Twain war die letzte Abgesandte aus Nashville, der in Europa nennenswerter Erfolg beschieden war. Dazu ließ sie sich poppige Versionen ihrer Country-Hits zurechtmischen. Einen ähnlichen Weg versucht nun Swift: Die europäische Version ihres Nummer-Eins-Albums "Fearless" ist nicht nur mit einigen Songs von ihrem drei Jahre alten Debütalbum erweitert, sondern soundtechnisch auf den hiesigen Markt zugeschnitten. Auch in den Presseinformationen ihrer Plattenfirma wird die Genrebezeichnung "Country" konsequent vermieden.

"Ich will keine Puppe sein"

Auch sonst ist man vorsichtig: Vor den Interviews mit Swift hatte ihr Management schriftlich darauf hingewiesen, dass sie keine Fragen beantworten werde zu: 1. Politik, und 2. ihrem Ex-Freund. Denn der trägt den Namen Joe Jonas, ist ein Drittel der Jonas Brothers, einer vom Disney-Konzern systematisch aufgebauten und in der "Bravo" permanent vertretenen Teenie-Rockband, und soll Swift bis vor kurzem verbunden gewesen sein. Und mit der ebenfalls aus dem Disney-Unterhaltungskosmos stammenden Miley Cyrus verbindet Swift eine innige Mädchenfreundschaft.

Trotz dieser Verbindungen entspricht Taylor Swift ganz und gar nicht dem Klischee des von Agenten und Produzenten gelenkten Starlets. "Ich will keine Puppe sein", sagt sie ebenso sanft wie bestimmt. Tatsächlich schreibt sie ihre Songs selbst, behält sich in allen Entscheidungen das letzte Wort vor und gilt in der Branche als Kontroll-Freak, der noch ins allerletzte Detail der Karriereplanung involviert sein möchte.

Diesen Status musste sie sich hart erarbeiten. Mit sechs Jahren entdeckte sie LeAnn Rimes als Nashville-Kinderstar. Mit neun Jahren gewann sie einen Gedichtwettbewerb, mit zehn absolvierte sie die ersten Auftritte in ihrem Heimatstädtchen Wyomissing, Pennsylvania. Mit zwölf Jahren begann sie Gitarre zu spielen und schrieb ihre ersten Songs. Mit 14 zog ihre Familie nach Nashville, um die Karriere des Töchterchens voran zu bringen. Mit 15 lehnte sie ihren ersten Plattenvertrag ab, weil man ihr nicht zugestehen wollte, ihre eigenen Songs aufzunehmen. Und mit 16 brach sie die Schule ab und veröffentlichte ihr erstes Album auf einem Independent-Label.

Damit gelangte sie bis in die Top Ten der Billboard-Charts und erklomm die Spitzenposition der Country-Hitlisten. Nun, da sie 19 Jahre alt ist, ergötzt sich die US-Presse zwar immer noch an ihrem "süßen Überbiss" - aber Swift hat bereits mehr als sechs Millionen Alben verkauft, und das fast ganz ohne den europäischen Markt.

Schmerzhaft authentische Songs

Auf dem Weg zum Erfolg begegneten dem Wunderkind immer wieder alte Männer, erinnert sie sich, "die einem tatsächlich ins Gesicht sagen: Kleines Mädchen, kümmer’ du dich mal ums Singen, ich kümmere mich um die Produktion. Ich habe immer versucht, höflich zu bleiben, aber insgeheim habe ich diese Typen gehasst."

Wichtig auf diesem Weg nach oben aber war, natürlich, vor allem ihre MySpace-Seite. Bevor sie noch einen Plattenvertrag unterzeichnet hatte, stellte sie dort die ersten Demoversionen ihrer Songs ein. Songs, die von erster Liebe handelten und von ersten Enttäuschungen, von Problemen mit den Eltern und in der Schule. Songs, die aus dem Erfahrungshaushalt einer Heranwachsenden gegriffen waren, Songs, die geradezu schmerzhaft authentisch waren: Die Wahrhaftigkeit von Swift geht soweit, in ihren Texten sogar ihre Ex-Freunde beim Namen zu nennen. So wurden ein gewisser Sam und ein gewisser Drew zu Internet-Berühmtheiten.

Hierzulande wird Swift fast ausschließlich als Teeniestar vermarktet. Eine Ausrichtung, die ihr sichtlich unangenehm ist, aber wohl funktionieren wird: "Ich bin, so leid es mir tut, einfach nur ich selbst. Ich habe nun mal lockige, blonde Haare, ich trage schon immer Stiefel und Kleider, und ich schreibe Lieder über mein Leben. Ich gebe zu, von außen mag das so wirken, aber hinter mir steht kein cleveres Marketing-Konzept."

Der "Bravo" sind solche Überlegungen eher egal. "Ich wünsche mir einen Normalo-Freund", titelte das Teenie-Zentralorgan in unschuldigem Weiß auf pinkfarbenem Untergrund – und sogar das Foto zeigte keine selbstbewusste Singer/Songwriterin, die ihre Karriere fest im Griff hat, sondern einen pausbäckigen Backfisch.

Wer diesem Image glaubt, der unterschätzt Taylor Swift.



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