Covergestaltung im Jazz Aufs Auge gedrückt

Jazzplatten und Covergestaltung - ein ewiges Zusammenspiel großer Kunst. CD-Hüllen und Internet-Thumbnails bieten allerdings weniger Fläche für Kreatives. Was tun? Ein Blick auf aktuelle Alben.

Cover zum Album "Tubed" von Soft Kill Option

Cover zum Album "Tubed" von Soft Kill Option


Name der Band? Namen der Musiker? Nie gehört. Aber im Haufen der Neuerscheinungen fällt die Platte auf. Die CD-Hülle zeigt eine tropfende "Soft Lotion"-Tube, als Comic gezeichnet. Mal reinhören: Ein Baritonsaxofonist, ein E-Bassist und ein Drummer spielen rockigen Jazz. Nicht übel. Das Trio aus Österreich nennt sich - in Anlehnung an den Namen auf der Tube - "Soft Kill Option"; der Titel der CD "Tubed" bedeutet andersrum "Debut". Das alles ist nicht leicht zu fassen; aber die Musiker und Grafiker haben sich Gedanken gemacht - und erregen Aufmerksamkeit.

Jazz-Tonträger verkaufen sich auch über ihre Verpackung. In der Blütezeit der LPs war die Cover-Gestaltung eine regelrechte Kunstform. Zu den Sounds für die Ohren gab es Eindrücke für die Augen; mit der Platte erwarben Fans auch Kunst, sogar Andy Warhol gestaltete LP-Hüllen. CD-Cover und Mini-Thumbnails in Internetdiensten bieten weitaus weniger Fläche als eine Plattenhülle. Doch das "Artwork" gehört nach wie vor zum Geschäft. Wie unterschiedlich die künstlerische Verpackung ausfällt, zeigt ein Blick auf aktuelle Alben. Bei einigen ist auf Anhieb auszumachen, woher sie kommen.

So ist "Sun Blowing" von Lars Danielsson (Bass), Marius Neset (Tenorsaxofon) und Morten Lund (Drums) sofort als Produkt der Plattenfirma ACT zu erkennen: Der farbige Ausschnitt eines abstrakten Gemäldes auf weißem Grund, dazu die Namen der Musiker in klarer, zeitloser Typografie - das ist das Markenzeichen des Labels. Ähnlich verhält es sich mit "Alba", dem Duo-Album des Trompeters Markus Stockhausen und des Pianisten Florian Weber: Ein dunkles Farbfoto, mit verwischten Lichteffekten, und ein weißer Streifen am oberen Rand mit Angaben über Musiker, Titel und dem Label-Logo signalisieren unverkennbar ECM. So wie für den Sound seiner Musik ist das deutsche Erfolgslabel auch für seine Coverästhetik weltbekannt.

Mal dominieren Künstler, mal das Label

Während Fans aus den abstrakten ECM- und ACT-Covern die jeweilige Label-Philosophie herauslesen können, steht beim Okeh/Sony-Album "Sonny Rollins - Holding the Stage" der Künstler ganz im Vordergrund. Ein farbiges Profil-Foto des Tenorsaxofonisten auf dem Cover korrespondiert mit seinem in Versalien gedruckten Namen. So erinnert das Album an Blue-Note-Veröffentlichungen aus dem vergangenen Jahrhundert. Der immer noch aktive, 85-jährige Rollins zählt zu den wenigen lebenden Musikern, die Fans in aller Welt sofort erkennen. Auch deshalb bietet es sich an, sein Konterfei auf das Album zu setzen.

Sehr gerne tut man das mit Fotos von Frauen - oft genug nur des Sex Appeals wegen. Nicht so beim neuen Album der Münchner Gitarristin, Bandleaderin und Sängerin Monika Roscher. Das Gesicht der attraktiven 31-Jährigen erscheint schwarzweiß auf einem Hintergrund aus farbigen, grafischen Elementen. Es sind Federn und ein Gewirr von bunten Schnitzeln und Schlangen, die einen Bezug zum Plattentitel haben - "Of Monsters and Birds". So illustriert die Grafikerin und Künstlerin Sascha Banck Roschers fantasievolle Kompositionen und Arrangements für ihren besonderen Bigband-Sound. Avantgardisten unter sich.

Eher konventionell klingt dagegen das Album des Gitarristen Dominic Miller mit dem kubanischen Pianisten Manolito Simonet und dessen Band. Doch das Cover ist ein Hingucker: Kubas Flagge bedeckt eine angedeutete Kiste und die Schrift mit dem Plattentitel "Hecho en Cuba" ("Made in Cuba") erinnert an Aufdrucke auf Verpackungen für Exportwaren. Aufgenommen wurde die Platte schon 2012 in Havanna, aber auf den Markt kommt sie zum richtigen Zeitpunkt, passend zur politischen Annäherung zwischen den USA und der sozialistischen Karibik-Insel.



insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
cipo 24.04.2016
1.
Erwähnen sollte man in solch einem Artikel unbedingt ein Cover der Band Mostly Other People Do the Killing. Das erinnert einen nämlich frappierend an ein anderes Cover... http://1.bp.blogspot.com/-tnlf-QENSuY/TZuDJTfY4lI/AAAAAAAAFlM/dM89WnFENNc/s1600/MOPDTK+coimbra.jpg
maohl 24.04.2016
2. Soft kill option
Erwähnen sollte man auch unbedingt die Gestalter der jeweiligen Cover. Im Falle von SOFT KILL OPTION ist das übrigens der Cartoonist Martin Perscheid.
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