Abgehört - neue Musik Viel gelernt er hat, der junge Panda

Easy, diese neuen Trap-Synthies: Das neue Album von Pandamasken-Rapper Cro klingt besser als gedacht. Außerdem: Princess Nokia bastelt an ihren Hexen-Skills, Zola Jesus trauert zu viel und Mount Kimbie haben gute Gäste.

Von , Julia Friese, und


Cro - "Tru"
(Chimperator/Groove Attack, ab 8. September)

"Easy", "Sunny", "Baby, mach' dir nie mehr Sorgen um Geld", sonst "Bye Bye", weil er es im Bus eh nicht packt, SIE anzusprechen. Das war Cro bisher. Pop-Rap, den er Raop nannte. Zwei Alben, zwei Nummer Einsen, dazu das T-Shirt-Label VioVio, ein MTV Unplugged, eine Koop mit H&M und eine mit Til Schweiger: Cros Quasi-Biopic "Unsere Zeit ist jetzt", das 2016 wirklich niemand gesehen hat. Vielleicht, weil Cros Zeit eben 2011 war, und die, die ihn damals in der Grundschule noch hörten, jetzt eben Trap hören. Die jetzt die "Live from Earth"-Posse wollen, Synthies, Yung Hurn, RIN - und in jedem Fall lieber einen Hoodie von Gosha Rubchinskiy als von VioVio.

Der Stuttgarter mit der Pandamaske, der eigentlich Carlo heißt, wirkt nun leicht antiquiert. Kein Wunder eigentlich, dass er mit seinen beiden Vorab-Singles vom neuen Album "Tru" nun plötzlich nach RIN und Hurn klingt: Stimmverzerrer, Konsum-Poesie. "Girls, Cash, pretty Things, n'wunderschönen Benz in weiß, und all der ganze fancy Scheiß." "Unendlichkeit" klingt dabei überraschend gut und setzt die Themen des dritten Studio-Albums: Es geht um Girls, Cash und all den fancy Karrierescheiß.

War Cros altes Werk also "Bernd das Brot", ist sein neues das "Sweet Valley High". Ein süßes Teenager-Deodorant, eine Wolke ohne Schwere. Denn Money hat er, singt er, braucht er also nicht so dringend wie Liebe. Aber Frauen können es ihm nicht recht machen. Meistens, weil sie ihm zu schön sind, nämlich entweder "Computiful" - also auf Instagram - oder sie sind "Paperdreams", also nur in der Zeitung schön, im wahren Leben aber "fake yous". Und das passt ihm nicht, denn er ist ja "tru".

Und Tindern? To the left, to the left, nickt er zu Beyoncé, nur um sich dann zu beklagen, dass eine nach rechts gewischte Tinder-Maria sich tatsächlich erdreistet, ihn auf Kippen und Wein zu sich nach Hause einzuladen. "Slut", straft er sie ab. Okay, das ist Slutshaming, Cro. Zur Versöhnung zitiert er kurz darauf Lauryn Hill: "We all don't know real love. Because if a person stops stimulating you, it's goodbye."

Die einzige Frau, die ihn, das "Alien" in seinem süßen, sphärischen Rumgehänge versteht, ist Siri, weswegen sie in "0711" "Alle meine Entchen" singen darf. Was natürlich Rückschlüsse darauf zulässt, dass der Künstler offensichtlich ziemlich häufig ziemlich allein mit seinem Handy ist. Gäste wie Ace Tee, Patrice oder Wyclef Jean können daran auch nichts ändern.

Erst im letzten Track fällt dem Einsamen ein: Ach Mensch, da war doch noch eine Frau, die ganz super ist: Mama! Auf "2kx" klingt er ausnahmsweise mal nicht wie RINs kleiner Bruder, sondern klingt nach dem anderen, dem alten Stuttgart: Freundeskreis. Chor, Schnipsen, Schlagzeug und Kindergeschrei. Die alte Schule schließt "Tru" mit Lyrics wie: "Mum, weißt du noch wie ich ständig nachsitzen musste? Nur weil ich 'ne andre' Farbe benutzte?"

Die neuen Trap-Synthies stehen ihm besser. Richtig gut sogar. (5.25) Julia Friese

Princess Nokia - "1992 Deluxe"
(Rough Trade Records, ab 8. September)

Destiny Frasqueri aus New York macht gerne klare Ansagen: Als sie im vergangenen April in Berlin auftrat, richtete sie sich zuerst an ihre Geschlechtsgenossinnen im Saal: "Are all the girls safe?" - und forderte sie auf, ganz nach vorne an die Bühne zu kommen, zusammen mit allen "brown and black" people. Als weißer, zumal heterosexueller Mann war man hier nur geduldet. Schon okay. Die Show war dann zwar energisch und hinreichend kämpferisch, aber nicht so umwerfend wie das "1992"-Mixtape, das sie im September 2016 veröffentlicht hatte. Jetzt erscheint es, vom DIY-Charme und Tape-Rauschen befreit, als Deluxe-Version mit acht neuen Tracks als Princess Nokias Debüt-Album, wenn man so will.

Andreas Borcholtes Playlist KW 36
SPIEGEL ONLINE

01 Courtney Barnett & Kurt Vile: Over Everything

02 Mount Kimbie feat. James Blake: We Go Home Together

03 King Krule: Czech One

04 Kelela: Frontline

05 Jessie Ware: Selfish Love

06 Holland: Demons

07 Princess Nokia: Different

08 LCD Soundsystem: Tonite

09 Casper feat. Drangsal: Keine Angst

10 Tori Amos: Reindeer King

Die 25-Jährige mit puertoricanischen und nigerianischen Wurzeln machte sich ab 2012 zunächst als Rapperin Wavy Spice einen Namen in der New Yorker Szene, bis sie sich als Princess Nokia neu erfand - und mit queeren Selbstermächtigungshymnen wie "Tomboy" (auch auf "1992" enthalten) zur zornig-schnodderigen Ikone gegen Körperklischees, Schwulen-Diskriminierung und Rassismus wurde: "My little titties be bookin' cities all around the world", prahlte sie, um zu beweisen, dass man auch ohne dicke Titten oder pralle Hintern im Hip-Hop Karriere machen könne. Als "Bruja", Hexe, bezeichnete sie sich im gleichnamigen Track, der ihre Herkunft feiert. Die Beats dazu? Konsequent old school, dünn, paranoid und klapprig, wie es sich für Underground-Acts aus Nuyorica gehört. So weit, so gut und aufregend.

"I'm an old school hoe with a new school flow", heißt es nun im neuen Track "Receipts", und in "G.O.A.T.") nennt sich Nokia die "boss bitch that's running shit". Nicht nur der Sound klingt polierter, Frasqueri hat inzwischen auch ihren Rap-Stil verändert. Während ihr Flow exzellent und scharf bleibt, klingt ihre Stimme höher und gepresster; wenn sie sich in "Receipts" ihren Platz in der Rap-Szene zurechtdisst, erinnert sie an Nicki Minaj, Beats und irrlichternde Sounds stolpern immer noch vintage, aber auch dopey wie im aktuellen Trap- oder Codeine-Rap vor sich hin.

Das ergibt einen kuriosen Kontrast zu offenbar älteren Stücken wie "Goth Girl", den sie noch deadpan mit ihrer tieferen Stimme vorträgt. Und auch thematisch scheint es ihr momentan eher darum zu gehen, dass ihre neuen Vans-Sneaker nicht schmutzig werden, als dass jemand an ihren Weaves und damit an ihrer afrikanischen Identität herumzuppelt wie noch in "Mine": "No, you can't touch my fuckin' hair!" Das ist das, was Solange Knowles auch meinte, nur nicht ganz so seelenvoll und poetisch ausgedrückt, sondern voll in die Fresse.

Skills ausbauen, Ellenbogen ausfahren, Szene-Terrain abstecken, darum geht es vorrangig im zweiten, neuen Teil von "1992", das mit der "Suck my dick"-Attitüde des High-School-Schrecks Destiny beginnt und mit dem grandiosen Flow von "Different" endet: "I'm different, I'm different, I'm different", rappt sie im Refrain wie zur Selbstbeschwörung. Nein, doch eher an uns gerichtet: Sie selbst weiß ja, wer sie ist, das "Kentucky Fried Chicken in a Pizza Hut", wie es im albernen "Chinese Slippers" heißt. Wir hingegen sind die, die's noch kapieren werden, dass sich hier eine der talentiertesten und mutigsten Rap-Künstlerinnen allmählich in Stellung für einen ganz großen Wurf bringt. (7.6) Andreas Borcholte

Zola Jesus - "Okovi"
(Sacred Bones/Cargo, ab 08. September)

Musik kann am Ende nie so fies sein wie das Leben. Da arbeitet man sich gute zehn Jahre und fünf Alben lang in den düstersten Winkeln des Pop ab, vertont Schmerz, Trauer und Nihilismus in einen ganz eigenen Sound zwischen bittersüßer Klang-Zuckerwatte und sperriger Goth-Operette. Man spielt mit Jim Jarmusch zusammen und darf seine Songs exklusiv im New Yorker Guggenheim-Museum vorführen. Man denkt, dass es läuft. Und dann bricht ohne Vorwarnung alles unter einem zusammen.

So erging es Ende 2014 Nika Roza Danilova alias Zola Jesus. Kurz nachdem ihr fünftes Album "Taiga", ihr Debüt beim finanzkräftigen britischen Indie-Label Mute, ziemlich erbarmungslos gefloppt war, meldete sich besagtes Leben bei der damals 25-Jährigen aus Minnesota. Mehrere Menschen in ihrem engsten Umfeld hatten plötzlich mit jenen Umständen zu kämpfen, die Danilova bisher aus sicherem künstlerischen Abstand konfrontiert hatte: existenzielle Verzweiflung, Lebensmüdigkeit, Krankheit und drohender Tod. Die Musikerin zog kurzentschlossen zurück in ihr Heimatdorf und wühlte sich durch "einen dichten Nebel, ohne zu wissen, ob ich jemals auf der anderen Seite ankommen würde", wie sie es selbst ausdrückt.

Ihr neues Album "Okovi", nun wieder bei ihrem alten Label Sacred Bones in Brooklyn veröffentlicht, ist entsprechend als Befreiungsversuch zu deuten: "Okovi" bedeutet im Slowenischen so viel wie Fesseln. Man spürt in jeder der 40 Minuten des Albums, dass es hier darum geht, sich vom Knebel der Trauer zu befreien. Wenn Danilova etwa in "Soak" eine Tötungsszene aus dem Blickwinkel eines Serienkillers beschreibt, geht es dabei auch um die Hilflosigkeit im Angesicht des Unvermeidbaren: "Take me to the water, I am not free, but I am sorry, I am stone", singt sie. Oder in "Siphon", ganz direkt: " We just want to save you, Pull you from those dark nights." Danilova versucht, gegen die zugeschnürte Brust anzusingen, sich mit aller Macht eine neue Normalität zu schaffen.

Leider klingt "Okovi" auch so. Es ist ihr bisher angestrengtestes und bemühtestes Album. Es zieht in jedem Song jedes Register des Gefühls, gönnt kaum Pausen, sondern macht jede Note zu einem Baustein der großen, ersehnten Katharsis. Danilovas Stimme, irgendwo zwischen Fleetwood Macs Stevie Nicks und Elizabeth Fraser von den Cocteau Twins, ist auch weiterhin ausdrucksstark und zwingend, aber es fehlt die geisterhaft unheimliche Leichtigkeit, mit der sie etwa auf "Conatus" (2011) über ihre melodieselige Nachtschattenmusik hinwegschwebte. Aber kann es solche Momente der Loslösung angesichts der letzten beiden Jahre im Leben Danilovas überhaupt geben? Man wünscht sich und ihr, dass ihr die Entfesselung irgendwann gelingt. (6.0) Dennis Pohl

Abgehört im Radio

Abgehört gibt es auch im Radio! Jeden Mittwoch um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Mount Kimbie - "Love What Survives"
(Warp/Rough Trade, ab 8. September)

Alle spielen jetzt Golf, jeder fährt Passat, keiner tätowiert sich Wu-Tang auf'n Arsch, und niemand macht mehr Indie-Rock. Seit einigen Jahren ist das Genre ziemlich verrufen: zu weiß, zu männlich, zu hetero. Gleichzeitig wird exakt die gleiche Musik weiter produziert, gehört und gemocht. Sie wird jetzt nur in einer Mogelpackung präsentiert, auf der dann wie bei Warpaint "R&B" oder wie jüngst, bei Mount Kimbie, "(Post-)Dubsteb" steht.

Mit den verzerrten, entzerrten, wunderbar entsättigten Club-Sounds der zwei Vorgängeralben hat Nummer drei allerdings kaum mehr etwas gemein. Auf "Love What Survives" hicksen nun E-Gitarren, nörgeln Korg-Synthesizer und sägen Bassgitarren. Das ist per se kein Problem, aber die Ideenlosigkeit, mit der Kai Campos und Dominic Maker hier leidlich bekannte Stilelemente montiert haben, ist dann doch schlimm.

"Four Years and One Day", "Audition", "SP12 Beat", "Delta": Ein lasches Postpunk-Pastiche folgt auf das nächste, immer wieder baut sich dieselbe nervös zuckende Soundstruktur auf, um dann wahlweise von trockenen Drums oder drängendem Bass unsanft in den Hintergrund geschubst zu werden. Rip it up und startet wirklich again, Jungs!

Doch halt! Dann würden wohl auch die Gastgesänge wegfallen, und die sind allesamt toll. Gleich auf dem zweiten Track, "Blue Train Lines", übernimmt Punk-Jazz-Krawallkopf King Krule die Vocals und schmeißt den Song-Laden so sensationell, dass man die Wartezeit auf sein neues Album, das in diesem Herbst rauskommt, noch weniger ertragen kann. Auf "Marilyn" näselt sich dann Mica Levi aka Micachu entlang von Vibraphon und akustischer Gitarre durch eine entspannte Postrock-Nummer.

Den heimlichen Höhepunkt des Albums liefert aber ausgerechnet der älteste Mount-Kimbie-Mitmacher überhaupt, nämlich James Blake. Auf "We Go Home Together" erscheint erstmalig eine Bitterkeit durch, die man von dem sonst so bedächtig sehnenden Blake nicht kennt. In wenig mehr als zweieinhalb Minuten konstatiert er das Scheitern einer Beziehung, mehr abgekämpft als wütend oder traurig - und deshalb umso erschütternder: Hier scheint wirklich nichts mehr zu retten, auch wenn man ein letztes Mal gemeinsam nach Hause geht.

Die Guest-Features retten also das Album, doch der Ruf von Mount Kimbie dürfte trotzdem ruiniert sein. Schließlich sind durchwachsene Alben mit herausragenden Singles noch immer eines der wichtigsten Markenzeichen von… Rockbands. (5.7) Hannah Pilarczyk


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


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santosilver 05.09.2017
1. Och nö
Die große Verführung von"online" ist der endlos-Text. Bitte fassen Sie sich kürzer, es nervt. Auch nervt die Fokussierung auf eher pubertäre Aspekte der Popmusik - okay, meine Töchter hören Cro, aber ich mag nicht nur ein didaktisches Verhältnis zur Musik unterhalten, sondern auch für mich relevantes reflektieren. Mein Rat: grow up.
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