CTM-Festival in Berlin Das schöne Leben nach dem Menschen

Es geht um mehr als bloß Klänge: Die Club Transmediale in Berlin ist das wichtigste Festival für elektronische Musik in Deutschland. Die Eröffnung der 19. Ausgabe beschwor die Schönheit des Aufruhrs.

Votos/ Roland Owsnitzki

Von Tobi Müller


Die CTM (kurz für Club Transmediale) wurde 1999 als musikalische Begleitveranstaltung des Festivals für Medienkunst und digitale Kultur Transmediale unter anderem von Jan Rohlf gegründet. Seither entwickelte sich das Festival zu einem der bedeutendsten Bezugspunkte für elektronische und experimentelle Musik weltweit. Die 19. Ausgabe findet von 27. Januar bis 4. Februar unter dem Motto "Turmoil" in Berlin statt.

Eine Rede über die Ethik des Zuhörens von Festivalmacher Jan Rohlf, eine Performance mit Lautsprache, ein Konzert mit zwei Flügeln: So analog und ernsthaft begann der Eröffnungsabend der 19. Club Transmediale im Theater Hebbel am Ufer in Berlin, kurz HAU. Zugegeben, zwei Laptops haben die Pianos leicht bearbeitet. Doch die CTM hat den Begriff der elektronischen Musik schon lange abgestreift.

Im HAU gehörte auch die unverstärkte Stimme zum Abenteuer des "Festival for Adventurous Music and Art", wie sich die CTM im Untertitel nennt: Die polnische Künstlerin Zorka Wollny arrangierte einen Sprechchor im Parkett und auf den Rängen. Es begann leise mit Geräuschen, die durch die offenen Türen in den Saal strömten wie aus einem teuren Surround-System. Und es endete mit einer Nonsenssprache, die allzu expressiv an die Experimente des Stadttheaters von gestern erinnerte.

Es geht der CTM um das Abenteuer, mit Musik mehr zu meinen als bloß Musik. Mehr als ein Stimmungsregler im Auto, beim Joggen, Kuscheln, Kochen oder Tanzen. Bei der CTM will Musik das Leben nicht nur schmücken, sondern dem Leben ähneln. Schroff und schön, widerspenstig und geschmeidig, laut und leise, jung und alt.

Zarte Konturen und Schönheit gegen Zukunftsängste

Die aktuelle Festivalausgabe steht unter dem Motto "Turmoil", Englisch für Aufruhr: Der Begriff soll die Zukunftsängste um Rechtpopulismus, Ungleichheit und Klima zusammenfassen. Noch vor der offiziellen Eröffnung im HAU ging die erste Festivalnacht in der Technodisko Berghain über zwei Bühnen. Gegen fünf Uhr morgens entsprach das ultramännliche Geboller des deutschen DJ Boys Noize dem "Turmoil"-Thema am direktesten.

Doch die ersten beiden Abende und Nächte der CTM zeigten auch, dass Musik und Kunst nicht nur mit Sägezahngeräuschen, dunklen Kutten und depressivem Realismus auf Krisengefühle reagieren können. Die Umbrüche der Gegenwart führen in den Künsten zu offenen Utopien, zarten Konturen und ja, auch zu Schönheit.

Der südafrikanische, in London lebende Esa etwa schaffte es mühelos und beeindruckend, verlangsamte Echos auf den Ghostbusters-Soundtrack nach Zulu-Beats zu montieren. Die Türkin Nene H, eine Sängerin und Pianistin mit klassischem Hintergrund, hämmerte derweil einen dunklen Technoentwurf in den Betonsaal, der trotz Härte zart schimmerte.

Virtuos und ironisch

Das "Julius Eastman Memorial Dinner" beim Eröffnungskonzert am Samstag löste solche hohen Ansprüche virtuos und ironisch ein. Denn die Renaissance des afroamerikanischen Komponisten Eastman, der 1990 verarmt starb, trägt auch komische Züge: Eastman lockerte die strenge Minimal Music der Ostküste mit populären Harmonien. Doch der gegenwärtige Run auf sein Werk glättet die Musik, macht sie fast zart und romantisch.

Dabei kann seine Musik auch schroff und abweisend sein, wie der US-Autor und DJ Jace Clayton beim 65-minütigen Eröffnungskonzert unter Beweis stellte. Clayton stand in der Mitte und fügte den zwei Flügeln etwas Hall, Knistern und Flackern bei. Die Pianisten Emily Manzo und David Friend spielten mit dem Rücken zum Publikum zwei Stücke von Eastman, die böser heißen als sie klingen: "Evil Nigger" (1979) und "Gay Guerilla" (1980). Dabei behielten Clayton und die zwischen Partitur und Improvisation hellwach wechselnden Pianisten sowohl die Schönheit als auch die Schroffheit der Werke im Blick.

Ständig flossen die aktuellen Themen der Gegenwart in den Abend: In einem aufgezeichneten Video sprach Clayton mit der pakistanischen Sängerin und Komponistin Arooj Aftab, die in den USA lebt, aber kein Visum erhalten hatte für das Konzert in Berlin. Clayton bewarb sich darin als Julius-Eastman-Imitator, und Aftab antwortete, man werde jenseits von Hautfarbe oder sexueller Orientierung entscheiden. Wie, ein weißer Eastman-Imitator wäre auch möglich?

Aftab sprach ihre Texte betont unbeteiligt, fast roboterhaft. Am Schluss sang sie leise zur Livemusik auf der Bühne: "regardless of color...", unabhängig von der Hautfarbe. Ein gleichzeitig betörender, unheimlicher und lustiger Moment.

Abstraktes können wir knuddeln

Der Konzerteröffnung vorgegriffen hatte die Ausstellung im Kunstraum Kreuzberg in Bethanien. "Uncanny Valleys of a Possible Future!", kuratiert von den Festivalleitern Oliver Baurhenn, Remco Schuurbiers und Jan Rohlf, nimmt sich das Maschinenhafte des Menschen und die menschlichen Züge von Animationen zum Thema. Mit "uncanny valley" bezeichnen Wissenschaftler ein Phänomen, das unsere emotionale Akzeptanzkurve von künstlichen Figuren beschreibt: Völlig abstrakte Animationen wie Super Mario können Menschen dabei leichter annehmen als Figuren, die menschliche Züge haben. Denn Abstraktes können wir knuddeln, Beinahe-Menschliches schreckt uns wieder ab.

Die niederländische Künstlerin Anne de Vries führt mit einem Video vor, wie digitale Überwältigungsästhetik in einem Konzertrahmen totalitär erscheinen kann und doch das Potenzial hat, Differenzen auf Zeit zu überwinden. Und bei den ähnlich perfekten Sci-Fi-Videos von Lawrence Lek ist man sich nicht mehr sicher, ob die Erzählerstimme nicht bereits posthuman sei.

In der Bildenden Kunst nennt man dieses Genre Post-Internet-Art, die Berlin Biennale von 2016 des New Yorker Kollektiv DIS hatte es in Deutschland bekannter gemacht. Viele linke Kritiker waren damals erzürnt, weil sie den kritischen Standpunkt vermissten.

Dass diese Kunst nun in einem linken Kunstraum in Kreuzberg ankommt, ist ein gutes Zeichen. Es geht der Post-Internet-Art wie der klugen Festivalprogrammierung nämlich um etwas Ähnliches: Nicht nur über andere zu reden und sich solidarisch zu zeigen, sondern andere reden zu lassen, ihnen zuzuhören.

Das kann angeblich schwierige Musik sein aus angeblich anderen Herkunftszonen, es kann aber auch eine Stimme sein, die aus der Zukunft kommt und sich im Kern nicht mehr ausschließlich menschlich definieren lässt. Es fühlt sich seltsam an, aber auch schön. Man kann bei der CTM üben, diese Unentschiedenheit auszuhalten und als Qualität zu erkennen, während die Welt ringsherum ihre alternativen Gewissheiten schreit.

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