Abgehört - neue Musik Königin der Körpersäfte

Was Porno-Rap mit Feminismus, Queerness und Selbstermächtigung zu tun hat, demonstriert US-Rapperin CupcakKe auf ihrem neuen Album. Außerdem: Tune-Yards, First Aid Kit und ein Hamburger Indie-Barde.

Von und


CupcakKe - "Ephorize"
(Eigenveröffentlichung, seit 5. Januar)

Elizabeth Harris ist so versaut, dass sie sogar bei "Cartoons" nur an Sex denkt: Schlümpfe? "Give'em Smurf dick/ That's balls blue", rappt sie; Bugs Bunny und Batman kommen auch vor in dem Track auf ihrem neuen Album als CupcakKe. Die Rapperin aus Chicago machte 2016 mit dem Mixtape "Cum Cake" auf sich aufmerksam, seitdem hat sich die inzwischen 20-Jährige mit zahlreichen Veröffentlichungen einen Ruf als Königin der Porno-Reime ertextet. "Ephorize", das parallel zu einem prominenten Feature aus dem jüngsten Mixtape von Popsängerin Charli XCX (siehe "Abgehört" von letzter Woche) erscheint, ist ihr bisher interessantestes Album.

Zimperlich darf man nicht sein, wenn man Harris' Ergüssen aufmerksam zuhört: "My cakes got fatter by using cum as the batter" heißt es in "Duck Duck Goose", einer Partyhymne im Bounce-Stil der Achtzigerjahre. Auch den Refrain, mehr gestöhnt als gerappt, muss man sich zutrauen, falls man ihn im Konzert mitgrölen will: "I can make your dick stand up (Are you ready?)/ Like Statue of Liberty once we fuck (So hard)".

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Noch saftiger wird es in "Spoiled Milk Titties", wenn Harris ihrem Bettgenossen konkrete Anweisungen gibt, wie es zwischen den Laken laufen muss: "Pussy lips keep on flapping (it's flappin'!)/ If the dick soft it's just napping (it's nappin'!)/ When I eat the dick I be slurping (slurp)/ So when you eat this pussy, start smacking/ Can't control it, got this pussy rollin'". Das steht in schöner Tradition zu früheren CupcakKe-Highlights wie "CPR" vom "Queen Elizabitch"-Album, als Harris ihre "Hotbox" (also ihre Pussy) mit wie Beyoncés vermeintliche Nebenbuhlerin nannte: "Becky with the good Hair". Da erröten sogar Hardcore-Rapperinnen wie Nicki Minaj. Ihre Fans nennt CupcakKe liebevoll "Slurper", also Schlürfer. Ähem.

Borcholtes Playlist KW 3
SPIEGEL ONLINE
01 CupcakKe: Crayon
02 Hayiti: Kate Moss
03 Migos: Stir Fry
04 Jay Rock feat. Kendrick Lamar, Future & James Blake: King's Dead
05 Mark Batson: Fair To Love Me
06 Tune-Yards: Heart Attack
07 Tocotronic: Electric Guitar
08 Bernd Begemann: Ich frage mich, was es war
09 Cliff Richard: Devil Woman
10 Clayhill: Northern Soul

Nicht jede Metapher sitzt, manches ist so glitschig und geschmacklos wie alte Blowfly-Tracks, ins Weibliche gedreht. Aber gepaart mit angenehm Charts-autarken Old-School-Beats (produziert vom eher unbekannten DefStarz) und ein bisschen Tropical-House wird CupcakKes raunchy Flow zum befreienden, hochgradig unterhaltsamen Statement für sexuelle Selbstbestimmung.

Zu Erotikphantasmen über Weisheitszähne oder "Cinnamon Toast Crunch" addiert Harris aber auch nachdenkliche Szenarien. "2 Minutes" und "Self Interview" reflektieren ihr Leben als schwarze füllige Frau, die sich gegen Body Shaming, Rassismus und die Ungleichheit der der Männerwelt wehren muss: "Females have sex on the first night/ They get called a hoe for that one night stand/ Men have sex on the first night/ "Congratulations, you got around her bands".

"Crayons", ein weiterer karibischer Party-Tune, ist das bemerkenswerteste Stück auf "Ephorize", eine Ermutigungshymne an die Queerness, die als poliertes Update ihres früheren Tracks "LGBT" zu verstehen ist. Bekenntnisse zur Schwulen- oder Transgender-Szene aus dem Hip-Hop-Bereich sind rar, zumal von heterosexuellen Künstlern. Harris zeigt sich aber auch hier als von maskulinen Genreprägungen und -regeln emanzipierte Ausnahmeerscheinung, die das Erbe von Lil' Kim und Missy Elliott in sich vereint: "Boy on boy, girl on girl/ Like who the fuck you like/ Fuck the world". Time's up! (8.0) Andreas Borcholte

First Aid Kit - "Ruins"
(Columbia/Sony, ab 19. Januar)

Vom MySpace-Phänomen (ja, das gab's mal) unter Protektion von Karin "The Knife" Dreijer Anderson zum offiziellen Musikact bei der Nobelpreis-Verleihung an Bob Dylan vorletztes Jahr, das ist keine üble Bilanz für zehn Jahre Karriere: Die Schwestern Klara und Johanna Söderberg sind aus der neueren Americana-Folk-Szene nicht mehr wegzudenken. "Ruins" ist ihr viertes Album als First Aid Kit.

Eine weitere Modernisierung ihres Sounds haben die Schwedinnen bis auf wenige Ausnahmen ("My Wild Sweet Love") vermieden, obwohl das Pop-kompatible "My Silver Lining" vom letzten Album "Stay Gold" (2014) zu ihren bisher größten und bekanntesten Hits gehört. "Ruins", in den Texten von Klaras Klage über eine frisch gescheiterte Beziehung durchzogen (u.a. "It's a Shame"), pflegt eher wieder die Traditionen von "Lion's Roar" (2012), aber die Bandbreite hat sich hörbar erweitert - sie reicht von Fifties-Tweepop ("Fireworks") über Old-School-Country ("Postcard") bis zu den gewohnten Referenzen an Vorbildern wie Emmylou Harris ("To Live a Life").

Eine wohlklingende, gereifte Nummer sicher also, getragen weniger von Originalität als von den wie immer schön sonor harmonierenden Stimmen der beiden Schwestern. Umso mehr fällt auf, dass "You Are the Problem Here", der ruppige, quasi vorweggenommene Song zur #MeToo-Debatte, den First Aid Kit im März 2017 zum Weltfrauentag veröffentlichten, nicht auf dem Album enthalten ist. Ein bisschen mehr Wut hätte zum Thema und zum Zeitgeist gepasst. (6.5) Andreas Borcholte

Tune-Yards - "I Can Feel You Creep Into My Private Life"
(4AD/Beggars, ab 19. Januar)

Gleich im ersten Song, "Heart Attack", kommt Merrill Garbus mit einem Schock um die Ecke: dem genauen Gegenteil ihres früheren, im besten Sinne überambitionierten und verlässlich windschief gebauten Kunstuni-Pops. Sie singt mit klassischem Rockröhren. Also mit einer neuen Direktheit, die einen erst einmal ratlos zurücklässt. "I can feel you creep into my private life", kurios kleingeschrieben, klingt wie ein Rückschritt. Was ist da passiert?

Die einfache Antwort: Donald Trump, Stephen Bannon und Konsorten sind passiert. Leute also, die mit ihrem simplen bis irrlichternden Weltbild eine neue Irrationalität zur Antwort auf eine komplizierter gewordene Gegenwart erhoben haben - und damit bei einem großen Teil der US-Bevölkerung Gehör fanden.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Die Neuengländerin Garbus, seit jeher politisch aktiv, musste reagieren. Und kam zu der Einsicht, dass ihre Antwort kein selbstgerechtes Lamento sein könne. Sondern ein neuer Sound samt neuer inhaltlicher Herangehensweise: Musik, die kein Selbstzweck mehr ist, mit Texten, die in radikaler Weise den eigenen Beitrag zur Dysfunktionalität ihrer Heimat erforschen. Eine Gesellschaftskritik also, die da ansetzt, wo es am schmerzhaftesten ist: bei ihr selbst.

Etwa beim für Garbus leidigen Thema Cultural Appropriation: Seit ihrem Debüt "Bird-Brains" (2009) wurde sie immer wieder der kulturellen Aneignung bezichtigt, weil sie ihre im Kern ziemlich weiße Musik gerne mit Einflüssen aus west- und zentralafrikanischen Stilen ausstaffierte. "Colonizer", einer der zentralen Songs des neuen Albums, nimmt sich nun ganz unvermittelt der Vorwürfe an: "I use my white woman's voice to tell stories of travels with African men", singt sie mit süßlich-versöhnlicher Stimme. Richtig, sie als Weiße profitiert in ihrer Musik von der Grundlagenarbeit schwarzer Musiker. Wie zum Beweis klingt "Colonizer" dabei wie eine Hybrid aus Techno und Afro-Beat. Doch Garbus ist sich der eigenen Bigotterie bewusst: "I smell the blood in my voice."

Klingt kompliziert? Ist es auch. Das Album wirkt über weite Strecken wie ein tanzbares Schuldeingeständnis. Und der teils massentaugliche Sound wie ein Vehikel, um Garbus' Selbstzerfleischung möglichst barrierefrei in die Welt zu tragen. In "Coast To Coast" etwa, das sich mit der Betriebsblindheit der amerikanischen Linken auseinandersetzt: "Kept my head down, eyes closed (…) We let freedom ring/ But whose freedom?" Oder im Album-Highlight "Hammer": "Lullaby to sleep in a man-made high/ Living in a dream while the whole world cries".

Damit ist "I Can Feel You Creep Into My Private Life" natürlich ein künstlerisches Risiko, die Blaupause für einen kräftigen Schuss ins Knie. Aber ein Risiko, das im Grunde unumgänglich ist. Denn seit der Wahl Trumps zum US-Präsidenten kanalisierte Pop die politische und gesellschaftliche Wut vorrangig auf die Anderen. Bequeme Sache, klammert man damit doch die eigene Mitschuld konsequent aus. Das muss sich ändern, um voranzukommen. Merrill Garbus wagt einen Anfang. (8.8) Dennis Pohl

Bernd Begemann - "Die Stadt und das Mädchen"
(Pop-up Records, ab 19. Januar)

Sag Hallo zur Hölle, möchte man Bernd Begemann zurufen, wenn er am kommenden Montag im Kleinen Saal der Hamburger Elbphilharmonie auftritt. Ganz bürgerlich und brav, mit einem Liederzyklus aus drei Jahrzehnten Songwriter-Abrackern und Anarchie, nicht etwa begleitet von der Antwort oder der Befreiung, sondern lediglich vom treuen Pianisten Kai Dorenkamp.

Aber dann hört man diese nervöse, ungeerdete Stimme wieder, die sich immer gegen jede Gediegenheit gesträubt hat, um uns tiefer ins Herz zu treffen. Und man versteht einmal mehr, warum Begemann so beharrlich geliebt wird, dieser "Lieblingsbarde der deutschen Pop-Intelligenzija", wie die Elbphilharmonie mit ihm, dem Lokalmatador aus Rothenburgsort wirbt. Einst kam er aus Bad Salzuflen in die Hansestadt und guckte alsbald zusammen mit Jochen Distelmeyer "Rambo III" im Autokino. Auch wenn "Was macht Miss Juni im Dezember" hier enthalten ist; ein wirklich großer Hit gelang ihm nie, noch nicht mal - sexy und HOT - zusammen mit Olli Schulz.

Aber Hits sind es natürlich, die Begemann hier aus den Jahren geklaubt hat, um sie in diesen Zyklus über eine junge Frau, die aus München (Provinz) in die weite Welt (Hamburg) aufbricht, die Euphorie und dann die Einsamkeit und das Elend findet, bis es irgendwie okay endet. Rohheiten wie "Runter in den Keller und reiß dich zusammen" oder "Vielleicht hatten deine Eltern recht" aus den wilden Neunzigern passen erstaunlich gut ins Pianokonzept, werden sogar schärfer. Spätestens aber wenn Begemann seine Stimme ergreifend mühsam ganz hoch ins Verzweifelte presst, in "Ich frage mich, was es war", und dann im Abgrund der "Nacht vor der Abtreibung", weint man vor Rührung und vor Glück über diesen deutschen Jonathan Richman, der hier zum Klaus Hoffmann aus der Indie-Ecke wird. Die Hölle, das sind die anderen. (8.5) Andreas Borcholte


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
tomaraya 17.01.2018
1. Tune Yards
Für mich jetzt schon das Album des Jahres! Und wenn ich cupcakke höre, frage ich mich wann die deutschen endlich mit ihren erbärmlichen Versuchen zu rappen aufhören...
Motorpsycho 23.01.2018
2.
Und wenn ich CupcakKe sehe, stelle ich nur fest, dass diese Prollgepose völlig geschlechtsunabhängig völlig kakKe ist. Die Musik macht es dann leider auch nicht besser. Echt jetzt wieder nix relevanteres in dieser Woche?
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