Jubiläumsbuch zu 40 Jahren DAF "Mussolini" nach 2:0-Prinzip

Zum 40-jährigen Jubiläum von DAF huldigt eine aufwendige Biografie der Elektro-Band und ihrer großen Zeit Anfang der Achtziger - erstaunlich nur, dass die Erinnerungen der Musiker so unterschiedlich sind.

DPA

Nein, ein Nostalgiker ist er nicht, der Gabriel "Gabi" Delgado: "Es ist ja leider so - ich sag bewusst leider - dass die Sachen von früher da bleiben. Die Musiclovers kaufen Vinyl, das haptische Erlebnis", sagt er: "Wenn es nach mir ginge, würde alles, was älter als 30 Jahre ist, verboten werden! Weg damit, weg mit DAF! Wenn die Leute das wollen, müssen sie es noch mal machen. Ich bin auch nicht dafür, dass man in Museen 'Die Nachtwache' von Rembrandt immer wieder restauriert - lasst es verrotten, bis es weg ist! Zeigt, wie die Zeit Kunst macht!", ruft Gabi Delgado und lacht laut.

Der Sänger, Texter und Tänzer der Deutsch Amerikanischen Freundschaft, kurz DAF, die Anfang der Achtzigerjahre mit sinnlich-provokanten Maschinenbeat-Songs wie "Tanz den Mussolini" und "Der Räuber und der Prinz" berühmt wurden, ist mittlerweile ein drahtiger 59-Jähriger, der Schwarz trägt. Neben ihm sitzt Robert Görl, der die DAF-Musik schreibt und live Schlagzeug spielt. Der 62-Jährige, durchtrainiert, im grauen Pulli, lächelt und sagt: "Wenn du die Kultur immer wieder, wie du sagst, restaurierst, geht es nicht weiter." Fast würde seine weiche bairische Mundart darüber hinwegtäuschen, dass er den überschäumenden Delgado ab und an zurechtweist.

Zum 40-jährigen Jubiläum der Gründung erscheint jetzt die Bandbiografie "Das ist DAF". Im September hatte Grönland Records ein gleichnamiges Boxset mit den ersten vier Alben, Remixen (u. a. von Boys Noize) und zwei neuen Songs veröffentlicht. Das schwere Buch verbindet Gespräche, die die Autoren Miriam Spies und Rudi Esch jeweils mit Görl und Delgado führten, mit Erinnerungen von Wegbegleiterinnen, Fans, Journalisten und Labelmachern. Die Berichte, mit alten Fotos, Eintrittskarten und Zeitungsartikeln dekoriert, zeugen von viel Herzblut und rollen DAFs Karriere von den Anfängen im Düsseldorfer "Ratinger Hof" über erste TV-Auftritte, den Aufstieg zur erfolgreichen Elektro-Band bis hin zu aktuellen Konzerten und Soloprojekten auf.

Statt "Sex Pistols" stand "Yves Saint Laurent" auf der Lederjacke

Im Vorwort zu "Das ist DAF" merkt Autorin Miriam Spies an, dass die Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse bei Görl und Delgado oft auseinandergehen. Dem Lesevergnügen nützt das, es verleiht dem Projekt etwas Schillerndes. Als es zum Beispiel um die Arbeit mit Produzentenlegende Conny Plank geht, schwärmt Görl von der "komfortablen kleinen Situation", die Plank ihnen bereitet habe, während Delgado angibt, alle hätten sie wie die Weltmeister gekifft und "dann ist der Robert rübergegangen und hat da rumgedreht." Das Rumgedrehe führte zum Album "Alles ist gut" und ebnete den Weg zum Deal mit dem Majorlabel Virgin. Prompt regnete es Geld und Ruhm - aber auch Ausverkaufsvorwürfe aus der Punkszene.

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Robert Görl und Gabi Delgado:
Das ist DAF. Deutsch Amerikanische Freundschaft - die autorisierte Biografie

Aufgeschrieben von Miriam Spies und Rudi Esch

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Dort fühlten sie sich laut Delgado eh nie heimisch: "Robert hat Musik studiert, ich kam aus der Punkszene, hab mir aber schon auf meine Lederjacke nicht 'Sex Pistols', sondern 'Yves Saint Laurent' geschrieben, um die Punks zu provozieren. Wir waren uns einig, dass wir etwas machen wollen, was die Energie und auch die Philosophie des Punk, das Do-it-yourself, benutzt, aber musikalisch nichts damit zu tun hat."

DAF sind auch nach 40 Jahren nicht fertig. Laut Delgado deshalb, weil er und Görl zwei völlig unabhängige Künstler seien. Ihr 2:0-Prinzip - wenn einer von beiden etwas nicht mag, wird es weggeworfen - führte auch zu Zerwürfnissen, viermal haben sie sich getrennt: "Ich bin ja auch Spanier, dramatisch, und finde Harmonie zum Kotzen. Wenn wir uns streiten, streiten wir. Das heißt aber nicht, dass wir uns hassen oder nachtragend sind!" Meist ruft Görl irgendwann bei Delgado an - und der sagt einfach Ja zu einer DAF-Reunion. Ansonsten sind sie solo fleißig.

Im Internet finden sich nur wenige Mitschnitte von frühen DAF-Konzerten. Zum Glück werden einige im Buch lebendig. Von Pogo und Prügeleien ist da die Rede, vom wild tanzenden Gabi und schlagzeugprügelnden Robert, die zum Playback von Cassette performten.

"Junge Musiker, erfindet neue Tools!"

Mittlerweile kommen die Backings von CD. Alles andere ist (fast) wie früher, wie man beim Gig im November 2017 in der ausverkauften Hamburger Markthalle erleben konnte. Gut, Delgado rannte mehr als er tanzte, übergoss sich und seine "Jungs und Mädchen" titulierten Fans mit Wasser, während Robert Görl die Drums schlug. Tausende Fans sangen und tanzten, auch Pogo, doch alles blieb friedlich und familiär. Nur ein junges Emo-Mädchen schaute verständnislos, als Delgado von "Liebe und Sex" sang.

Was würden DAF eigentlich dem Musikernachwuchs empfehlen? Robert Görl sagt: "Macht euer eigenes Ding". Gabi Delgado erinnert daran, dass DAF nicht möglich gewesen wäre, wenn der Synthesizer nicht erfunden worden wäre. Insofern sollte die Jugend vor allem neue Tools erfinden: "Hat man ein Tool und nutzt das konsequent, hat man automatisch eine neue Musik, die auffällt. Weil die Welt so technifiziert ist, wird das sofort abgehen."

Zum Abschied wagt er noch eine Prognose: "Ich denke, dass es vielleicht so in zwei, drei Jahren etwas aufregend Neues gibt. Es gibt so viele Klitschen, die daran arbeiten, dass alles von DAF bis Beatles bis Mariah Carey und Wirtschaftswunder vergessen sein wird." Er lacht. Kollege Görl lächelt.

Dass DAF trotzdem nicht vergessen wird, dafür sorgt auch ein Buch wie "Das ist DAF".

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insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
Papazaca 03.12.2017
1. DAF, kaum bekannt aber wegweisend
Bei den ersten Konzerten von DAF wurde ich an Kraftwerk erinnert: Keine Instrumente, Tapes, Sprechgesang und Synth. Und die Texte waren knapp, kurz, sprachlich verdichtet, nicht die typisch deutschen "Herz auf Schmerz-Reime". Erinnerte mich auch an Suicide in New York. Letztlich war DAF nicht lange im Bewusstsein, Hatte mit "Tanz dem Mussolini" auch einen Erfolgshit, aber viel kam nicht mehr. Mir haben sie sehr gefallen, Peter Fox hat mich etwas an sie erinnert: Kurze, prägnante Texte, passende Musik dazu, fertig, keinen kitschigen Gefühlsschmu. Schön, das die inzwischen älteren Herren an sich und DAF erinnern ...
Blind Walker G 03.12.2017
2. Durchschnitt
Ich habe DAF mehrmals in ihrer besten Zeit gesehen. Das zu der Zeit neue, aber auch überaus simple Konzept von menschlich gespieltem Maschinenbeat plus Parolen war zwar gut, hat aber nie ein ganzes Konzert getragen. Görl war ein Tier an den Drums, Delgado hatte ein paar provozierende Sätze, das war's dann aber auch. Görl wäre ohne Jaki Liebezeit nicht denkbar gewesen, der diesen Ansatz an den Drums in Perfektion schon 10 Jahre vorher mit Can entwickelt hat.
g3cd 03.12.2017
3. Ich war in Hamburg
Und habe Delgado erlebt wie einen alternden Motivationsguru, der Parolen wie „Ihr seid schön“, „Macht Liebe“ und „Euch gehört die Welt“ ins Publikum rief, während er sich als erstes das Hemd bis zum Bauchnabel aufknöpfte und dann anfing, sich 24 Flaschen Sprudelwasser über den Kopf zu schütten. Sehr befremdlich. Kein Punk.
Papazaca 03.12.2017
4. Ja, sie konnten ein gutes Konzept nicht umsetzen, ...
Zitat von Blind Walker GIch habe DAF mehrmals in ihrer besten Zeit gesehen. Das zu der Zeit neue, aber auch überaus simple Konzept von menschlich gespieltem Maschinenbeat plus Parolen war zwar gut, hat aber nie ein ganzes Konzert getragen. Görl war ein Tier an den Drums, Delgado hatte ein paar provozierende Sätze, das war's dann aber auch. Görl wäre ohne Jaki Liebezeit nicht denkbar gewesen, der diesen Ansatz an den Drums in Perfektion schon 10 Jahre vorher mit Can entwickelt hat.
zumindestens nicht umfassend. Weder hatten sie quantitativ und qualitativ die notwendigen Texte, noch viele gute Kompositionen, sprich Stücke. Und das Mussolini-Stück zeichnete sich eher durch Provokation aus. Trotzdem, (wer was von wem "geklaut" hat ist oft nicht ganz klar, ist manchmal auch schlecht festzustellen) fand ich die konzeptionelle Idee von DAF wegweisend. Aber leider haben sie ihr Konzept nicht umfassend umgesetzt. Stimmt, Sie hatten selbst Probleme, ein Konzert "voll" zu kriegen. Aber jetzt legt sich der Schleier der Vergangenheit über alles, Und das Leben geht weiter ...
Abel Frühstück 03.12.2017
5.
Zitat von Blind Walker GIch habe DAF mehrmals in ihrer besten Zeit gesehen. Das zu der Zeit neue, aber auch überaus simple Konzept von menschlich gespieltem Maschinenbeat plus Parolen war zwar gut, hat aber nie ein ganzes Konzert getragen. Görl war ein Tier an den Drums, Delgado hatte ein paar provozierende Sätze, das war's dann aber auch. Görl wäre ohne Jaki Liebezeit nicht denkbar gewesen, der diesen Ansatz an den Drums in Perfektion schon 10 Jahre vorher mit Can entwickelt hat.
Ja. Und wäre die Gitarre nicht erfunden worden, hätte es die Beatles nicht gegeben. Görl war als studierter Musiker in der Szene bewandert. DAF (und Krupps) aber haben Ideen und Strömungen auf einen neue Punkt gebracht - und wurden selbst zu Vorläufern der EBM-Szene. DAF hatten eine für die Zeit ungekannte Energie - die trug über ganze Konzerte. Es passte exakt in die Post-Punk und No-Future-Zeit und bot jungen Leuten identifkation. Alte Säcke zogen natürlich das Näschen hoch.
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