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Damien Rice in Köln: Böser, trauriger Barde

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Der Ire Damien Rice gilt als Godfather der Melancholie, als virtuoser Spieler auf der Klaviatur des Gefühls. Bei seinem deutschen Tourneeauftakt in Köln trauten manche Fans weder ihren Gefühlen, noch ihren Ohren: Der Mann kann nicht nur trauern, sondern auch feiern. Und zwar richtig laut.

Rund 4000 Menschen passen ins Kölner Palladium, und viel weniger dürften es auch am gestrigen Abend nicht gewesen sein: Fans des irischen Melancholie-Barden Damien Rice waren da aus der halben Republik und dem angrenzenden Ausland angereist. Manchen ist da kein Weg zu weit, denn Gigs des angeblich scheuen, introvertierten Sängers sind selten.

Rice ist seit Veröffentlichung seines Debüts "O" im Jahre 2003 ein Liebling der Kritik. Sein im November 2006 veröffentlichtes zweites Album "9" nährte seine Legende. Die geht so: Rice, dieser schmachtende Frauenbesinger, unterschwellig grimmige, nur manchmal wütende, stets anrührend brüchige Godfather der Melancholie wurde im Dezember 1973 in Dublin geboren. Working-Class-Background, heißt es wahrscheinlich, weil das schicker ist, als auf den Klarinettenunterricht in früher Jugend zu verweisen.

Was man noch erfährt (viel ist das nicht, weil Rice seit Jahren keine Interviews gibt), deutet auf einen widerspruchsvollen Charakter hin: Zuerst erfolgreich mit der Band Juniper, die er zum einen verlässt, weil sie zwei erste Hits landet und die Kommerzialisierung droht, zum anderen, weil die Bandmitglieder mit seiner Forderung, CDs der Band müssten um jeden Preis in Papier verpackt werden und nicht in Plastik, absolut nichts anfangen können. Seine CDs bekommt man nun in Recycling-Pappe verpackt.

Mehrere Jahre, heißt es, habe Rice in Kneipen, auf Straßen und in Einkaufszentren gespielt, bis er 2003 die Welt mit "O" verblüffte. Mit brüchiger, aber klarer Stimme singt sich da einer durch einen anrührend mutigen Seelenstriptease, wie es ihn selten gegeben hat, verpackt in prinzipiell einfach strukturierte Lieder, dominiert von akustischer Gitarre und Cello und - natürlich - den phantastischen Gesangsparts mit der Partnerin Lisa Hannigan.

Vom Album "O": Volcano

Das ist und bleibt genial, weil es gestandenen Kerlen die Tränen in die Augen treibt: Wenn Rice auf CD wie live auf der Bühne jede Untiefe des Gefühls einfach abrufen zu können scheint, dann will man das schmächtige Männchen fast vor sich selbst schützen. Kann man so verliebt sein, so traurig, so wütend, so zerrissen, ohne daran Schaden zu nehmen? Der Hörer fühlt mit, und das ist Rices Zauber, der ihn von Poster-kompatiblen Gefühls-Klonen wie James Blunt unterscheidet. Der Typ wirkt echt, gefühlsstark, so zu sagen.

So weit die hohen Erwartungen, mit denen das Publikum in Köln auflief. Die meisten dürften Feuerzeuge in den Taschen gehabt haben. Doch wer einen reinen Lagerfeuer-Abend mit viel geteilten Gefühlen erwartet hatte, wurde enttäuscht. Auf der Bühne entpuppt sich Rice noch als weit vielschichtiger als befürchtet.

Denn der Mann spielt nicht nur Instrumente, sondern auch das Publikum. Das geht so: Er eröffnet das Konzert mit einer langsamen Nummer. Sofort beginnt das Publikum, sich im Takt leicht zu wiegen. So hat man das erwartet. Rice beschallt den Saal mit einem flauschigen Flokati-Teppich, in den man sich gern sinken lässt. Nicht wenige männliche Arme legen sich auf weibliche Schultern oder Hüften. Das ist noch steigerungsfähig.

Denn die zweite Nummer ist "Eskimo", eine der Rice-Hymnen, und nach wenigen Sekunden entpuppt sich der angeblich so introvertierte, fragile Späthippie Rice als versierter Entertainer, als Dirigent seines Publikums, als dominanter Mittelpunkt einer perfekt inszenierten Show. Nach drei, vier Sätzen beginnt er sich unendlich langsam vom Mikrofon weg zu bewegen. Immer leiser wird der Gesang, die Musik. Hörbar wird nun das Publikum, das den Gesang übernimmt: Nur noch die akustische Gitarre hört man leise im Hintergrund schrammeln, ganz entfernt Rice völlig ohne Mikro den Text in den Saal schreien, während Kölns größter temporärer Kirchenchor für ihn singt: "I look to my eskimo friend"...

Vom Album "9": 9 Crimes

Erste Feuerzeuge, erste Wunderkerzen, Wohlfühl-Level kurz vor dem kollektivem Schmuserausch. Was für ein Profi! Dann setzt das Cello ein, Band und Rice kommen zurück, Finale, alle Erwartungen übererfüllt, tosender Beifall.

Rice gibt dem nicht viel Zeit, und das hat Methode: Jetzt begreift man, dass diese Show von vorn bis hinten durchchoreografiert ist. Rice stimmt "Me, my Yoke and I" an, seine vielleicht lauteste Nummer, wie man bisher dachte. Der Song steigert sich zu einer Lärmorgie erster Güte, in einem seltsamen Gemisch aus Wut und Humor (es geht ums Angeln - oder darum, gerade das mit höchst zweideutigen Texten möglichst lang zu verschleiern).

Rice mutiert zu einem Gitarre-schlagenden Derwisch, zu einem schreienden, kreischenden Catweazle auf Speed. Hallo? Sind wir im falschen Konzert?

Nein, denn Wechselbad ist angesagt. Jetzt folgt Song auf Song, in einem perfekten Set voller Brüche. Das eigentlich unglaubliche geschieht: Da tanzen Leute! Wenn auch nie lang, da ist der Rice vor, denn prompt folgt etwas Langsames - manchmal mitten im Lied, denn warum alles ausspielen, wenn man es auch als Medley servieren kann? Dann verstummt der Saal so vollständig, dass man fast meint, die Menschen hielten den Atem an. "The Blowers Daughter" ist so ein Lied, das Rice singt, das man meint, gleich müsse er bluten, so sehr scheint er sich zu öffnen.

"I can't take my mind off of you" haucht er in den letzten Zügen dieses anrührenden Buhlgesanges, "Ich krieg Dich nicht aus dem Kopf", nur um alle Klischees vom Melancholiebarden mit einem Folgesatz zu entzaubern: "'Cause I'm a creep". Und ja, übergangslos und perfekt geht "Blowers Daughter" in eine stahlhart gespielte Version von Radioheads "Creep" über. Das Publikum schreit auf, jubelt, beginnt zu tanzen - und dann schlägt der Song nach noch nicht einmal 60 Sekunden zurück zu "Blowers Daughter".

Damien Rice live mit einer sehr sanften Nummer: Cold Water

Introvertiert, verletzlich, schüchtern? Auf der Bühne in Köln steht ein hoch professioneller Entertainer, der auf der Klaviatur der Gefühle seines Publikums spielt und definitiv nicht angetreten ist, irgendwelche Erwartungen zu bedienen. Rice buhlt und haucht und singt warm oder kalt, weint fast, schreit und brüllt und kreischt. Die superbe Band untermalt das alles mit Klängen von Flokati-weich bis Hammerhart, wenn die Distortion-unterlegte Wawa-Leadgitarre vielen Fans, die Anderes erwarteten, die Finger in die Ohren treibt. Ein paar gehen sogar vor Ende des Konzertes, einer schreit "Halt doch das Maul!" in die Menge.

Doch die meisten genießen diese emotionale Achterbahnfahrt. Am Ende klingeln die Ohren ein wenig, weil unter dem Strich mehr schrille, laute Töne als heimelig-weiche zu hören waren. Am Ende des Sets gibt Rice regelrecht den Jimi Hendrix, in einem Stakato von Trommelwirbeln, kreischenden Gitarren und flackernden Lichtern. Klar, bei den Zugaben gibt es dann noch mal sanfte Töne zur Versöhnung, denn ein echter Profi verschreckt sein Publikum nicht. Viele Fans dürften da ein paar echte Überraschungen erlebt haben: Der sanfte Barde hat eine ausgeprägte dunkle Seite.

Gut so, denn unter dem Strich war das ein Erlebnis.

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