Nach Vorwürfen gegen Stardirigent Opernintendant will mit Barenboim über Führungsstil sprechen

Der Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden in Berlin, Daniel Barenboim, steht in der Kritik. Musiker werfen dem Dirigenten verletzendes Verhalten vor. Intendant und Kultursenator wollen vermitteln.

Daniel Barenboim (in der Staatsoper)
AFP

Daniel Barenboim (in der Staatsoper)


Nach harter Kritik an Stardirigent Daniel Barenboim soll es in der Berliner Staatsoper Unter den Linden weitere Gespräche und Versammlungen geben. Dafür setzt Intendant Matthias Schulz auch auf externe Unterstützung, wie er der Nachrichtenagentur dpa sagte.

Der inzwischen in München spielende Paukist Willi Hilgers hatte schwere Vorwürfe gegen Barenboim erhoben und von häufigen Schikanen gesprochen, die bei ihm zu gesundheitlichen Schäden wie Depressionen und Bluthochdruck geführt hätten. Nach dem Wechsel an die Bayerische Staatsoper könne er wieder ohne Antidepressiva spielen. "Ich bin wegen Daniel Barenboim an die Staatskapelle nach Berlin gegangen und dort geblieben, weil es ein fantastisches Orchester ist", sagte Hilgers der dpa. "Gegangen bin ich dann aus demselben Grund, nämlich wegen Daniel Barenboim."

Auch andere Musiker hatten namentlich im Bayerischen Rundfunk oder zuvor anonym im Onlinemagazin "Van" teils heftige Kritik geäußert. Die Rede ist von Wutanfällen, davon, dass Barenboim in den Proben einzelne Musiker vorführe, er habe vor Publikum eine Geigerin, die einen Blumenstrauß überreichen wollte, zur Seite gestoßen.

Barenboim wies die Vorwürfe zu seinem persönlichen Verhalten im dpa-Interview zurück, zeigte sich gleichzeitig aber gesprächsbereit. Er sei zwar als Dirigent ein Diktator, der über Geschwindigkeit und Lautstärke bestimme. "Aber wenn Sie vom menschlichen Umgang sprechen, bin ich alles andere."

In einem Gespräch mit dem RBB verwies der gebürtige Argentinier Barenboim auf "ein bisschen lateinamerikanisches Blut" in seinem Körper. Er werde ungeduldig, wenn ein Musiker nicht sein Bestes liefere, und es passiere ihm ab und zu, dass er auch vor Publikum wütend werde: "Es passiert mir selten, und es tut mir leid, nicht wegen einer bestimmten Person, sondern für das ganze Orchester, denn wenn wir auf der Bühne sind, sind wir eins. Und da hat niemand das Recht, sowas zu zeigen."

"Ein dummer Mensch würde jetzt sagen: Ich bin so, wie ich bin", sagte Barenboim. Er wisse zwar nicht, ob er intelligent sei, "aber total dumm bin ich nicht". Deshalb denke er: "Wenn das Orchester oder Sie mich zu dem Punkt bringen, dass ich meine Eigenschaften, meinen Charakter verbessern kann, bin ich nur dankbar."

In den Berliner Tageszeitungen waren die Vorwürfe um Barenboim ein größeres Thema. Die "Berliner Zeitung" nannte den Generalmusikdirektor ein "eher mäßig erzogenes Wunderkind" und mahnte die Öffentlichkeit in einem weiteren Artikel, sich daran zu gewöhnen, "dass an die Stelle ganzjähriger Bestrahlung bestellter Sonnenkönige tendenziell das Wechselwetter künstlerischer Partizipationsprozesse treten wird."

Der "Tagesspiegel" fordert den Senat dazu auf, jetzt den Mut aufzubringen, "der glanzvollen Ära ein klares Ende zu setzen. Um den Workaholic Barenboim vor sich selbst zu schützen." Es sei wünschenswert, "dass seine Ära an der Staatsoper bis zuletzt glanzvoll bleiben kann und nicht durch einen langwierigen Streit um seinen Führungsstil verdüstert" werde.

Externe Anlaufstelle soll benannt werden

Intendant Schulz sagte nun, er sei nach den ersten Veröffentlichungen gemeinsam mit Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) zu dem Ergebnis gekommen, dass es ein Gespräch mit der gesamten Belegschaft geben sollte. "Bei diesem Gespräch habe ich noch einmal sehr grundlegend deutlich gemacht, wie wichtig eine offene, wertschätzende Unternehmenskultur ist und wie wir diese gemeinsam erreichen können."

Dabei habe er alle Ansprechpartner für Beschwerden oder zur Lösung von Konflikten genannt. "Es wurde auch über das gemeinsame Verständnis von Wertschätzung und Vertrauen gesprochen und wie diese definiert werden sollte. Konkrete Vorwürfe gegenüber Herrn Barenboim wurden nicht geäußert", berichtete Schulz. Von nächster Woche an werde eine unabhängige, externe Anlaufstelle benannt, "und wir werden auch aktiv Interviews mit Mitarbeitern führen lassen".

"Ich habe im Haus in den letzten Tagen sehr viel Solidarität für Herrn Barenboim erfahren. Trotzdem werden wir allen Hinweisen, die da kommen sollten, konsequent nachgehen und dann das Gespräch mit allen Beteiligten suchen", sagte Schulz. Konzerte und die ganze Kraft des Hauses ruhten auf vielen Schultern. "Daniel Barenboim ist dabei ein äußerst konstruktiver Partner."

Zuvor hatte sich der Orchestervorstand hinter Barenboim gestellt. Mit ihrem Generalmusikdirektor feiere die Staatskapelle "durch gegenseitiges Vertrauen und in enger Zusammenarbeit" regelmäßig große künstlerische Erfolge, hieß es in einer Stellungnahme. "Dieses Vertrauen bleibt gerade auch jetzt, im Februar 2019, unangetastet. Die Staatskapelle freut sich deswegen auf weitere Jahre erfolgreicher Zusammenarbeit."

Die Staatskapelle Berlin hatte Barenboim vor 28 Jahren zum Generalmusikdirektor gewählt und im Jahr 2000 zum Chefdirigent auf Lebenszeit ernannt. Aktuell laufen Gespräche über eine Verlängerung seines Vertrages als Generalmusikdirektor, der 2022 endet.

feb/dpa

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noethlich 23.02.2019
1. Willkommen in der Welt des Mittelmaßes
Nur weiter so und Leute, die nach Exzellenz streben, an den Pranger stellen, weil irgendein Pauker das Niveau nicht bringt. Das bringt der Opferkult von heute: Mittelmaß. Lieber Daniel Barenboim, lassen Sie sich von diesen diesen Nieten nicht sagen, wie Sie Ihr Orchester zu führen haben, Sie haben sich jegliche Extravaganz und auch einen Tag mit schlechter Laune mehr als verdient! Sie brauchen sich NICHT zu entschuldigen. Ich entschuldige mich für das fehlende Rückgrat der Entscheidungsträger. Bleiben Sie uns treu!
Stefan_Schmidt 23.02.2019
2. Ist halt ein alter weißer Mann ...
... und als solcher hat man eben gelernt, dass es ok ist, sich notfalls auch mit schäbigen, cholerischen Wutausfällen durchzusetzen, egal ob man dabei andere verletzt. Eine Frau mit gleichem Verhalten hätte es jedenfalls niemals so weit bringen können wie er, das würde man nicht erst im Alter und 2019 zu hören bekommen.
christianu 24.02.2019
3. Er will einfach das Beste
Die Musik lebt heute wieder von Konzerten, weil elektronische Medien inflationär geworden sind. Ich begrüße diese Entwicklung und besuche mindestens zwei Darbietungen im Monat. Die Rückkehr zum traditionellen Musikgenuss erzeugt Konkurrenz der Orchester und Konzertsäle, und der Drang zur Perfektion nimmt stetig zu. Als Ergebnis bekommt man musikalische Höchstleistungen geboten, die eben auch jeden beteiligten Musiker jederzeit voll herausfordern. Der Vergleich mag manchen traurig stimmen, aber auch ein Spitzenverein im Fußball ist nur dann erfolgreich, wenn alle Alles geben. Der künstlerische Anspruch von Daniel Barenboim entspricht genau dieser Erkenntnis, mit wirklich überragenden Ergebnissen. Es ist wünschenswert, dass er Musiker so kritisiert, dass sie keinesfalls als Mensch herabgesetzt werden.
jswoermer 24.02.2019
4. Charakter kann man nicht verändern
Als Psychologe und Personalentwickler habe ich mein halbes Leben damit verbracht, Fortbildung und Entwicklung für Menschen zu organisieren. Führen, Konflikte lösen oder mit verschiedenen Kulturen klar kommen, lässt sich tatsächlich lernen. Zu den hier beteiligten Personen kann ich nichts sagen, da ich Ihnen nie begegnet bin. Tief liegende Eigenschaften, wie Charakter oder das eigene Menschenbild, lassen sich bei einem Erwachsenen nicht ändern. Diese Grenzen der „Kunst“ zu akzeptieren, musste ich schon vor langer Zeit lernen.Manchmal können Gespräche nichts mehr ändern. Dann helfen sie aber, herauszufinden, ob es noch passt. Mehr geht nicht.
edward elgar 24.02.2019
5. Schade ...
...ist es schon, dass hochbegehrtr Orchesterstellen von Musikern besetzt sind, die ihre Unzufriedenheit mit ihrer Position über die Medien kommunizieren müssen. Der Wettbewerb in dem Metier ist hart, aber einen erstklassigen Dirigenten vorzuführen, wohl kaum ein geeignetes Mittel. Das Biotopdenken hat hat hier keinen Platz und wenn Künstler wie Barenboim sich wunschgemäß disziplinieren müssen, dann läuft was schief. Man wird ja noch fragen duerfen: Hat das was mit Barenboims Abstammung zu tun? Übrigens sitzen in jedem Orchester auch reichlich Neider, die davon überzeugt sind, selbst viel besser dirigieren zu können.
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