Ausnahmepianist Trifonov Hut ab vor diesem Rachmaninow

Daniil Trifonovs Magie kann man sich kaum entziehen. Diesmal greift der Klaviervirtuose für Sergej Rachmaninow in die Tasten. Besondere Hommage: eine spezielle Komposition fürs verehrte Idol.

Dario Acosta/ DG

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Sei es stupende Technik, Enthusiasmus, Souveränität, das ist alles geschenkt. Es gehört bei Daniil Trifonovs Klavier-Eruptionen immer dazu. Viel mehr als flinkes Fingerfeuerwerk überraschen jedoch immer wieder die pure Musikalität und seine Fähigkeit, Musik neu zu deuten. Wie bei seinem letztjährigen Konzert in der Hamburger Laeiszhalle: Wenn Trifonov mit leisem, linkischen Lächeln die Bühne betritt und sich fast scheu vor die Academy of St-Martin-In-The Fields setzt, um Mozarts d-Moll-Klavierkonzert in die Hände zu nehmen, da folgen keine banalen Exzesse oder vordergründig perlende Rokoko-Brause. Was dann passiert, hat mit gewohntem Mozart wenig zu tun - aufregende Binnenspannungen, erstaunliche Bezüge und Melodiebögen zwischen scheinbaren Nebensächlichkeiten, neue Tonfärbungen, und das Ganze nicht in beliebig aufschimmernde Episoden, sondern mit großem Atem auf volle Konzertdistanz gedacht.

Da staunte selbst der alte Dirigenten-Haudegen Neville Marriner. Danach sah man Mozarts scheinbar bestens bekanntes Konzert ein klein wenig anders.

Diese Aufbruchstimmung erzeugte Trifonov auf seinem Recital-Album (2013) mit den Aufnahmen aus der Carnegie Hall ebenso mit Chopin, Liszt und Skrjabin: Das Neue im vermeintlich gefestigten zu entdecken, Abgründe aufzutun, wo andere Interpreten sicheres Terrain vermessen. Selbst wohlbekannte Gassenhauer wie Chopins "Regentropfen-Präludium" erscheinen unter Trifonovs Fingern in ungewohntem, irritierendem Licht. Dabei vollzieht er keine vordergründige Tempo-Force oder schrille Härten. Oft weckt allein sein Anschlag unerhörtes Leben in den Noten, die jeder zu kennen glaubt. Mit diesem Anschlag scheint er in den Notentext förmlich einzutauchen, um zu entdecken. Das gelingt derzeit keinem anderen Pianisten mit so erfrischenden Resultaten.

Eintauchen in die Noten

Mit ähnlichen Sensationen wartet Daniil Trifonovs neues, erstes Studio-Album auf, das seinem Idol Sergej Rachmaninow huldigt. Rachmaninow - Pianist und Komponist wie Trifanov - hat sich die Liebe aller Virtuosen vor allem mit den Klavierkonzerten Nr. 2 und Nr. 3 erworben: Die gelten als ideales Virtuosenfutter, werden entsprechend oft dargeboten. Genau von diesen Werken hört man auf Trifonovs CD natürlich nichts, der junge Mann - er wurde im März 2015 gerade mal 24 Jahre alt - pflegt einen ganz eigenen Blick auf sein Vorbild.

Das führt er erstmal konzertant vor, mit den schillernden Paganini-Rhapsodie op. 43. Hier findet keine stille Einkehr, sondern fetzige Brillanz statt, Trifonov navigiert souverän durch die Kollektion von kleinen, subtilen Nettigkeiten, in denen Rachmaninow seinen Hut vor dem Genueser Geigen-Popstar zog, der als erster Superstar seines Instrumentes mit Technik, Attitüde und kompositorischer Finesse sein Publikum faszinierte. Diese Haltung steht Nicht fern von Rachmaninows Anspruch, Leidenschaft und Effekt zu vereinen. Umso mehr überzeugt die Tiefe und Vielfalt des Rachmaninow-Zyklusses, die in Daniil Trifonov den kongenialen Interpreten fand.

Yannick Nézet-Séguin dirigiert sein Philadelphia Orchestra dazu mit der nötigen peniblen Durchschlagskraft, die ihre Elektrizität aus der Genauigkeit bezieht. Er erweist sich als richtiger, fordernder Partner für Trifonov, der bei aller Begeisterung stets analytisch in die Variationen hineinhört und sich in Sachen Tempi und Akzentuierung mit Orchester und Pultchef offenbar absolut einig war.

Wie viel Daniil Trifonov auch am Komponieren liegt, das erläutert er anschaulich in dem von Christopher Nupen gedrehten Film "The Magics of Music", der im kommenden Oktober auf DVD erscheint (Allegro Films /Naxos). Nupen, ein in Südafrika geborener englischer Dokumentarfilmer, begleitete Trifonov nicht zur zu Auftritten und Proben, er filmte ihn bei Konzerten, interviewte Freunde und Lehrer. Natürlich erläutert Trifonov auch, wie wichtig ihm sein Kompositionsstudium bei Keith Fitch am Cleveland Institute of Music neben der pianistischen Ausbildung war. Aber da war schon vorher was: Rühren die Aufnahme von Trifonovs erster öffentlich aufgeführter Komposition "Pinocchio" von 1999 - da war er gerade mal acht Jahre alt, und das kleine Werk klang alles andere als kindlich.

Am Ende der DVD spielt er - verschwitzt und nass wie bei jedem Konzert - seine Live-Version der "Fledermaus"-Ouvertüre, übertrieben, witzig, ein Knallbonbon für Klavier. Das hätte dem seligen Horowitz Spaß gemacht, der ja "Stars And Stripes Forever" wie kein Zweiter zerlegen konnte. Aber Trifonovs Suite "Rachmaniana" aus der Studio-CD ist dann doch etwas gelungener: ganz intim und nobel schöpft er Geiste des russischen Spät-Romantikers nicht nur Klänge, sondern auch Strukturen nach, erfolgreich bemüht seinen Maestro nicht zu kopieren.

Manches klingt gar nach dem Jazz-Label ECM, blau ist die Stimmung, doch die Töne sind eisklar. Und wie gut Trifonov Chopin und Rachmaninow vermählen kann, belegt seine Interpretation des Variationen-Zyklus op. 22 auf dem Studio-Album. Finesse der Romantik und kontrollierte Leidenschaft: Zwei virtuos geprägte Seelen wohnen in Trifonovs Brust, und keine will sich von der anderen trennen.

Man wagt es sich kaum vorzustellen, zu was der Meister aus Nischni Nowgorod etwa in zehn Jahren präsentieren wird. Schon jetzt: Hut ab vor diesem Rachmaninow!

DVD: Christopher Nupen (Regie): "Daniil Trifonov: The Magics of Music & The Castelfranco Veneto"; Allegro Films/Naxos; 32,74 Euro. (bei Amazon erhältlich).

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  • Daniil Trifonov (Klavier), The Philadelphia Orchestra, Yannick Nézet-Séguin (Ltg.):
    Rachmaninov Variations

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