Ausnahmepianisten Trifonov und Uhlig Eine Klasse für sich

Perfektion und Faszination: Der CD-Debütant Daniil Trifonov und der Routinier Florian Uhlig könnten kaum verschiedener sein - doch außergewöhnlich sind die Pianisten beide.

Dario Acosta/ Deutsche Grammophon

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Zu Daniil Trifonov etwa "Der Nächste, bitte!" zu sagen, wäre eine Beleidigung. Zwar gibt es derzeit so viele enorm talentierte Nachwuchspianisten und -pianistinnen wie selten, doch der 22-jährige russische Virtuose überwältigt förmlich: eine Klasse für sich. Einige Kostproben seiner Wettbewerbsbeiträge und Auftritte konnte man schon auf YouTube bewundern, doch vor allem seine Livekonzerte beinhalten, was ihn außergewöhnlich macht. Konsequent also, dass sein Label Deutsche Grammophon als erste CD einen Livemitschnitt Trifonovs veröffentlicht. Standesgemäß aus der New Yorker Carnegie Hall, wo nicht jeder Tasten-Teenie mal so eben debütieren darf.

Das Programm beginnt effektfrei und dezent, der erste Satz aus Alexander Scriabins Sonaten-Fantasie op. 19 verlangt sensible Finger, Geschmack und Anschlagskontrolle, was Trifonov souverän wie ein alter Hase absolviert. Danach geht dann die Post ab. Im Presto-Satz benötigt Trifonov genau 3:26 Minuten, um zeigen, dass er seine Grenzen technischer Art noch suchen muss.

Daniil Trifonov findet sie auch keineswegs in der gefürchteten h-moll-Sonate von Franz Liszt, die er nach dem verhaltenen Intro mit geradezu anmaßend forschem Tempo beginnt. Das knackige Fugenthema analysiert er mit der klaren Kraft eines Glenn Gould, wie er sich auch mit sicherer Hand dazu entscheidet, den hier angelegten Swing markant herauszuschälen. Und Trifonov weiß genau, was er noch vor sich hat, denn dieses gnadenlose Tempo hält er bis zu den wahnwitzigen Wasserfall-Oktaven des Finales durch, die manch ein übermütiger Kollege auch mal unscharf verrauschen lässt.

Nichts davon bei Trifonov. Es blitzt jedes Detail, bis Liszts Reifeprüfung für Pianisten nicht als bestanden, sondern als beherrscht abgehakt werden kann. Es gab Anfang der sechziger Jahre eine legendäre Live-Aufnahme der Sonate von Emil Gilels, die in etwa diese Klasse reflektiert, die nicht einmal Vladimir Horowitz toppen konnte. So spielt Trifonov auf Anhieb in der Champions League der Pianisten.

Glitzernder Fülle für Wasserfall-Oktaven

Die 24 Chopin-Préludes op. 28 lässt Trifonov darauf als Zauberland des Klanges kontrastieren, in dem Technik Voraussetzung, aber stets nur Mittel zum Zweck ist. Wer einen vitalen Eindruck seiner Lesart dieses Zyklusses gewinnen will, mag mit der allzu bekannten Nummer 15 beginnen. Technisch leicht und für jeden halbwegs begabten Klavierschüler zu bewältigen, interpretatorisch und anschlagstechnisch ein Mount Everest. Zumindest, wenn man Trifonovs unendlich differenzierte und tief ausgelotete Version als Maßstab nimmt. Wohin mag dieser frühreife Tastenphilosoph wohl in zehn Jahren gelangt sein?

Florian Uhlig, mit seinen 39 Jahren nicht mehr ganz jung, spielt immer abenteuerlustig auf. Aristokratisch und selbstbewusst hat er sich jetzt das Klavierkonzert der polnischen Komponisten-Ikone Krzysztof Penderecki vorgenommen. Auch so ein Werk, das alles hat, was ein Reißer braucht, nur keine Popularität. Uhlig greift mit sicheren Händen nicht nur die Akkordwallungen und schnellen Melodielinien des üppigen Werkes, er sichtet auch die Proportionen. Der Solist muss sich hier mächtig gegen das beinahe übermunitionierte Orchester stemmen. Das paukt, wuchtet, schwillt mit spätromantischer Fülle, explodiert im Blech und charmiert dann wieder gefühlig wie eine kokette Diva. Das hat wenig mit dem Brachial-Avantgardisten Penderecki gemein, viel eher mit dem späten Musik-Philosophen. Penderecki freute sich am Ende des 20. Jahrhundert, dass musikalisch alles ausprobiert sei und man sich nun frei aus den Erkenntnissen bedienen könne, um Neues zu schaffen.

Gehetzt durch den Ideen-Parcours

Sein Klavierkonzert baute Penderecki unkonventionell, mit fünf, meist schnellen Sätzen, die bis zum Schluss immer kürzer werden. Jeder Satz ist in viele Tempo-Einheiten aufgesplittet, als wollte der Komponist die Interpreten durch einen Parcours der Ideen hetzen. Gut, dass Florian Uhlig mit Ruhe und technischer Perfektion zugreift, um Energien zu bündeln. Noch besser, dass Dirigent Lukasz Borowicz sein Polish Radio Symphony Orchestra mit so kundigem Gespür stets dicht am Solisten führt.

In dieser Diszipliniertheit treffen sich die beiden Tasten-Könner: Möglich, dass sich Daniil Trifonov, wenn er erst einmal den Kanon des gängigen Repertoires absolviert hat, der Avantgarde widmet und mit seiner vitalen Attitüde dafür ein ganz neues Publikum gewinnt. Oder er sorgt selbst für sein Repertoire. Denn komponieren kann er zu allem Überfluss auch noch.


Trifonov: The Carnegie Recital. Mit Daniil Trifonov, Klavier. Deutsche Grammophon; 15,99 Euro.

Krzysztof Penderecki: Piano Concert Resurrection. Florian Uhlig, Klavier; The Polish Radio Symphony Orchestra, Leitung: Lukasz Borowicz. Hänssler Classic; 19,99 Euro.



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