Doku-Fiktion über Dylans Band: "Bob geht das am Arsch vorbei"

Von Christoph Dallach

Wie nähert man sich besser der Popgeschichte? Mit sorgsam recherchierten Fakten - oder einem einfühlsamen Buch? Der Schriftsteller John Niven hat einen gelungenen Roman über Bob Dylans Begleitmusiker The Band und deren Debütalbum geschrieben.

Doku-Fiktion über Dylans Band: Zeitreise nach Woodstock Fotos
Corbis

Als der unnahbare Bob Dylan bei der Party in Woodstock auftauchte, war der Spaß erst mal vorbei: Wie weggeblasen waren gute Laune und Lockerheit. In Anwesenheit von "His Bobness" schienen alle nervös und sorgsam darauf bedacht, bloß keinen Fehler zu machen und um Gottes Willen nicht dumm aufzufallen.

Als Ersten erwischte es Greg Keltner, den eingeschüchterten Knaben, der viele der Anwesenden mit Drogen versorgte. Auf Geheiß von Dylans reizbarem Manager Albert Grossman wurde Keltner gebeten, sich schleunigst aus dem Staub zu machen. Worüber Richard Manuel, Keyboarder von The Band so empört war - "Bob geht das eh am Arsch vorbei" -, dass er ebenfalls die Party verließ.

Das liest sich zwar wie ein Augenzeugenbericht aus Legenden umrankten Zeiten, damals Ende der sechziger Jahre in Woodstock, ist aber der Phantasie des Schriftstellers John Niven entsprungen. Das Pseudo-Zeitdokument stammt aus Nivens Debütroman "Music from Big Pink", der nun mit langer Verzögerung auf Deutsch erschienen ist. Ein Buch, in dessen Zentrum die Entstehung des berühmten Debüt-Albums "Music from Big Pink" der Dylan-Kumpane The Band steht. Um alle Missverständnisse auszuschließen, sind dem Werk folgende Sätze vorangestellt: "'Music from Big Pink' ist ein auf wahren Begebenheiten und Personen beruhender Roman. Einige Ereignisse und Gespräche wurden vom Autor jedoch frei erfunden."

Dylan log selber das Blaue vom Himmel herunter

Der britische Schriftsteller John Niven wurde bekannt mit giftigen Satiren wie "Kill Your Friends" oder "Gott bewahre". Sein Debüt "Music from Big Pink" hingegen liest sich wie eine wehmütige, romantische, aber auch desillusionierende Zeitreise. Im englischen Original erschien Nivens Geschichte in einer Buch-Reihe, in der jeder Band ein mehr oder weniger berühmtes Album der Pop-Geschichte zum Thema hat. So begaben sich Autoren auf die Spurensuche von Klassikern wie "Pet Sounds" (Beach Boys), "Let it Be" (Beatles) "Dusty in Memphis" (Dusty Springfield).

Die meisten Autoren sammeln da aber nur Fakten zur Entstehung dieser Tonträger. Das war John Niven zu öde; er beschloss, sich auszumalen, wie es damals in Woodstock gewesen sein könnte, wie es sich anfühlte, dort unterwegs zu sein. So erfand er den jungen Dealer Greg Keltner, weil Dealer "häufig engen Kontakt mit Stars" haben. "Man kommt in die Backstageräume, die Limos, die Privatjets - man hat überall Zugang. Ich fragte mich, ob ich so eine Figur wohl mit einer realen Rockband kombinieren und die Geschichte mit dem Entstehen eines Rock-Klassikers verflechten könne", schreibt der Autor.

Tatsächlich gelingt es John Niven, mit der halbwahren Geschichte um The Band und ihre erste Platte ein Gefühl für eine Ära zu zaubern. Eine Idee davon, wie es damals zugegangen sein könnte. Er lässt Dylan, Grossman und die Band-Musiker Levon Helm, Robbie Robertson, Rick Danko, Garth Hudson und vor allem Richard Manuel so plaudern, als wäre er mit einem Mikrofon dabei gewesen.

Das Spannungsfeld zwischen Wahrheit und Fiktion ist schon deshalb so packend, weil Bob Dylan ein Meister des Verschleierns und Vernebelns ist - und immer war. Dass er fröhlich das Blaue vom Himmel herunter log, wenn es um seine eigene Biografie ging, ist erwiesen. Umso skurriler ist, dass kürzlich ein Redakteur des "New Yorker" seinen Hut nehmen musste, weil er mit getürkten Dylan-Zitaten arbeitete. Denn vielleicht nähert man sich der Vergangenheit im Pop mindestens so gut durch Fiktion wie durch Fakten.

Der Schriftsteller und Dylan-Experte Greil Marcus äußerte sich zumindest begeistert über Nivens "Music from Big Pink". Und dass das Buch so falsch nicht sein kann, belegt ein Gruß von Band-Sänger Robbie Robertson, der dem Autor ausrichten ließ, dass ihm das Buch viel Spaß gemacht habe, und fragte: "Ist der Typ etwa dabei gewesen?"

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meinmein 10.08.2012
Zitat von sysop"Bob geht das am Arsch vorbei" Das Buch von John Niven: Music from Big Pink - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,849172,00.html)
Die Frage stellt sich immer wieder: Kann man das Werk eines Künstlers von seiner Person trennen, insbesondere wenn er das ist, an dem ihm alles vorbeigeht. Bob hat es jedenfalls im Alter geschafft, wieder beides zu vereinen. Seine Konzerte sind nun genau das, was dieser Körperteil absondert. Und der Kunde ist um 100 Euro betrogen.
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