Das Comeback der Fehlfarben Voran in die Vergangenheit

Fehlfarben und Family*5 sind zwei deutsche Bands, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Doch sie haben eine Gemeinsamkeit: Peter Hein. Bei Deutschlands wohl charismatischstem Sänger geht es nicht mehr voran, sondern mit dem neuen Fehlfarben-Album "Knietief im Dispo" einfach weiter wie bisher.

Von Marc Hairapetian


Fehlfarben 2002: "Was habe ich denn vorne verloren?"

Fehlfarben 2002: "Was habe ich denn vorne verloren?"

Zunächst ein Bekenntnis: Auch ich habe meine Jugend mit den Vorreitern der Neuen Deutschen Welle "verschwendet". Die besten Untergrundpflanzen gediehen dabei Ende der siebziger Jahre paradoxer Weise in der kühlen Modestadt Düsseldorf. Für Bands wie Male, DAF oder Der Plan hieß die Devise Art-Punk statt Street Punk.

Fehlfarben waren damals das Maß aller Dinge: Die 1979 bei einem London-Besuch von den beiden Mittagspause-Mitgliedern Peter Hein und Thomas Schwebel spontan gegründete Band wollte die jeweils neuesten musikalischen Strömungen noch schneller als die Briten verarbeiten. Dieses Vorhaben wurde dann mit stilistisch sehr unterschiedlichen Meisterwerken wie "Monarchie und Alltag" (1980), "33 Tage in Ketten" (1981), "Glut und Asche" (1983), "Die Platte des Himmlischen Friedens" (1991) und "Popmusik und Hundezucht" (1995) in die Tat umgesetzt. Während das musikalische Spektrum von krachenden Rhythmen und provozierenden Dissonanzen bis hin zu tanzbaren Funk-Anleihen und Orchesterarrangements reichte, lieferte jedes Album textlich eine poetisch-analytische Bestandsaufnahme des jeweiligen Zeitgeistes ab.

"Selbst über eine Gegensprechanlage würde er die Emotionen ungefiltert 'rüberbringen"

1984, in der Nacht zur Wiederwahl Ronald Reagans führte ich als 16-Jähriger nach dem Konzert in der Frankfurter "Batschkapp" mit Thomas Schwebel mein erstes Interview überhaupt. Kurze Zeit darauf folgte die Begegnung mit der ebenfalls aus Düsseldorf stammenden Soulpunk-Band Family*5 um Peter Hein, dem damals ehemaligen und jetzt wieder zurückgekehrten Fehlfarben-Frontmann. Er war anders als alle anderen Sänger, die man sonst kannte: Privat eher zurückhaltend, entpuppte er sich auf der Bühne als Shouter, der Melodien brüllen konnte, ohne sie zu zerschreien. Der Grazer Drehbuchautor und Family*5-Gitarrist Xao Seffcheque beschrieb einmal treffend Heins sehr entblößt wirkendes Timbre: "Selbst über eine Gegensprechanlage würde er die Emotionen ungefiltert 'rüberbringen."

Fehlfarben-Comeback "Knietief im Dispo": Fließende Grenzen zwischen Rock und Ambient

Fehlfarben-Comeback "Knietief im Dispo": Fließende Grenzen zwischen Rock und Ambient

Hein, der 1981 nach dem großen Erfolg des Albums "Monarchie und Alltag" den Fehlfarben den Rücken gekehrt hatte, streute einem mit Family*5 keinen Sand in die Augen, sondern hinterfragte stets den eigenen Popstar-Status: "Worte werden so schnell vergessen, wie man sie schreit. Alles, was uns weiterbringt, ist nichts als Eitelkeit. Und während wir Gefühle duseln, da stehen dann schon die Manager bereit." ("Die kapieren nicht - ran, ran, ran!", 1983). Thomas Schwebel brachte es mit Fehlfarben ebenfalls - etwas eleganter - auf den Punkt, um gleich darauf auch dies zu hinterfragen: "Die Helden lügen für Geld und schöne Worte. Wenn alles nicht stimmt, warum lieben wir sie noch?" ("Tanz mit dem Herzen", 1981). Beides kein Vergleich zu der gemütlichen Altrocker-Fraktion Lindenberg, Niedecken, Lage und Co, die damals als Alternative zur Verfügung stand.

"Jetzt erst recht"


Eine musikalische Wiedervereinigung von Peter Hein und Thomas Schwebel wurde innig herbeigesehnt. 1991 war es das erste Mal soweit, weitere elf Jahre später scheint die Zeit jetzt wieder reif für die Fehlfarben. Nach einer Herbst-Tournee der ebenfalls wiederauferstandenen Family*5, bei der man die CD-Compilation "Das Brot der frühen Jahre" und das wiederveröffentlichte Live-Album mit dem bezeichnenden Titel "Unsere Leichen leben noch" im Gepäck hatte, erschien am 28. Oktober das langerwartete Fehlfarben-Comeback "Knietief im Dispo": "Schuld daran" ist - laut Peter Hein - nur die Goldene Schallplatte für "Monarchie und Alltag", die die eigens dafür wieder zusammen getrommelte Band im Jahr 2000 mit 20-jähriger Verspätung erhielt. "Wir haben uns sozusagen mit Industriegeld wieder getroffen und ein Demo für eine Major Company produziert, was abgelehnt wurde. Da dachten wir uns: Jetzt erst recht."

Die beim Hamburger Independent-Label Studio !K7 erschienene CD ist die richtige Platte zum richtigen Zeitpunkt. Jenseits von Spaßkultur und Hedonismus haben die Fehlfarben immer noch etwas zu sagen, doch sie sind klug genug, es nicht mit erhobenen Zeigefinger wie ihre Kollegen von den Toten Hosen zu tun. Während sich Hein bei Family*5 treffend selbst charakterisierte ("Gegen die Welt, aber mittendrin. Immer geradeaus und doch woanders hin"), textet er bei der Fehlfarben-Reunion kurzerhand "Die Internationale" um und singt gegen die an, die nur noch Musik sehen und nicht mehr hören wollen.

Erfolgs-Album "Monarchie und Alltag": "Du kannst fast jede politische Aussage in ein Liebeslied umwandeln"

Erfolgs-Album "Monarchie und Alltag": "Du kannst fast jede politische Aussage in ein Liebeslied umwandeln"

Bis auf Schlagzeuger Uwe Bauer, der durch die erste Fehlfarbin Saskia von Klitzing ersetzt wurde, ist das Line-Up der Gründerjahre wieder komplett: Während Michael Kemners Bass ungestüm vor sich hin wummert, klingt Frank Fenstermachers Saxophon leicht tuberkulös wie anno 1980. "I always like simple Rock" lautete schon das Motto auf der Rückseite des Plattencovers von "Monarchie und Alltag". Daran hat sich nichts geändert - bis auf die Ausnahme, dass der Synthesizer-Spezialist Pyrolator (bürgerlich: Kurt Dahlke) dem Album als Produzent einen zeitgemäßen Sound verpasst hat, bei dem die Grenzen zwischen Rock und Ambient fließend sind. Statt der in der Band äußerst unbeliebten Friedensbewegungs- und Hausbesetzer-Hymne "Ein Jahr (es geht voran)", heißt die Fehlfarben-Parole 2002 folgerichtig "Sieh nie nach vorn. Was habe ich vorne denn verloren?"

"Das Ziel kann doch nicht sein, Feierabendmusik oder Pubrock zu machen"


Für viele stehen und fallen die Fehlfarben allerdings mit Peter Hein, der seine besten Texte jedoch stets zusammen mit Thomas Schwebel schrieb: "Was ich haben will, das kriege ich nicht. Und was ich kriegen kann, das gefällt mir nicht" ("Paul ist tot") wurde einst gar zum Credo der übersättigten No-Future-Generation. Das Über-Album "Monarchie und Alltag" beeinflusste Bands wie Blumfeld, Die Sterne oder Tocotronic. Peter Hein, der als Düsseldorfs erster Punk bereits unter dem "Künstlernamen" Janie J. Jones bei Charley's Girls, Mittagspause und den Camp Sophistos das Mikro malträtierte, verbreitet auch als Mittvierziger noch die Aura des Geheimnisvollen. Seit nunmehr 25 Jahren geht der Carrerabahn- und Opern-Fan einem geregelten Bürojob beim Kopiergerätehersteller Xerox nach, um abends gelegentlich auf der Bühne die Sau rauszulassen. Das reicht ihm.

Wenn er sich nicht so sehr selbst im Weg gestanden hätte, wäre eine internationale Karriere für ihn wohl leicht möglich gewesen. Doch kurz vor der ersten großen Fehlfarben-Tour stieg er einfach aus. Für Thomas Schwebel, der für drei Alben das schwere Amt des Sängers übernehmen musste, ist dies nach all den Jahren immer noch nicht nachvollziehbar: "Wenn man Musik macht, will man doch das Maximum erreichen, also Nummer Eins werden. Das ist für mich die normale Voraussetzung. Zu sagen, ich möchte mich dem Stress des Erfolgs nicht aussetzen, finde ich in so einem Moment sehr eigenartig. Das Ziel kann doch nicht sein, Feierabendmusik oder Pubrock zu machen." Ein dezenter Seitenhieb auf die von Hein mit Xao Seffcheque Anfang der achtziger Jahre gegründete Trash-Formation Family*5, die ihren Pogo mit schneidenden Bläsersätzen lieber in kleinen Clubs als in großen Hallen vor einer anonymen Masse zu spielen pflegt.

Hein sieht dem derzeitigen Hype um seine Person äußerst gelassen entgegen. Alten Wave-Helden wie Wire bleibt er treu, während er sich um die meisten Nachwuchsgruppen wenig schert: "Jung sein allein ist überhaupt kein Kriterium für Qualität." Von den Berliner Senkrechtstartern Mia, die zackig auf New Wave machen und damit einen großen Industrie-Deal ergattern konnten, kennt er keinen einzigen Song, dafür aber immerhin die Sängerin Mietze - aus einem gemeinsamen Interview. Aus seiner Geburtsstadt Düsseldorf kriegt ihn keiner raus: "Ich bin kein Wegzieher." Und auch an der inzwischen in der 4. Liga kickenden Fortuna hält er fest: "Man muss nur tief genug fallen, um wieder zu gewinnen."

"Die alten Säcke spielen jeweils eine Stunde, und ich soll zwei Stunden herumhampeln?"


Anno 2002 sind die Fehlfarben als einzige NDW-Band der ersten Stunde nun also wieder am Start. Wie erklärt sich die oft kopierte, aber niemals erreichte Gruppe selbst das Phänomen Fehlfarben? Dazu Thomas Schwebel, der sich seit Ende Oktober an der Berliner Universität der Künste als Gastdozent im Fachbereich "Klangregie" (Thema: "Label und Rebellion") betätigt: "Vielleicht ist es einer der wahren Glücksmomente, so wie eben aus jeder Bewegung einer Zeit nur ganz wenige übrig bleiben. In unseren Texten ist Politik immer mit einer sehr persönlichen Sache verbunden. Du kannst fast jede politische Aussage in ein Liebeslied umwandeln".

Fehlfarben-Sänger Hein: "Jung sein allein ist überhaupt kein Kriterium für Qualität"

Fehlfarben-Sänger Hein: "Jung sein allein ist überhaupt kein Kriterium für Qualität"

Jürgen Teipels Doku-Roman "Verschwende deine Jugend", der dem gleichnamigen DAF-Stück entlehnt ist und in dem die Protagonisten der Düsseldorfer Punkszene alle zu Wort kommen, hat das allgegenwärtige Interesse an den Fehlfarben sicher gefördert. Trotz aller Begeisterung äußert Schwebel einige Vorbehalte: "Teipel hat O-Töne verändert und manchmal zu sehr versucht, die Sensation in Sachen Gewalt rauszukitzeln. Ärgerlich auch der breite Raum, den eine Figur wie Ben Becker einnimmt, der eigentlich Null Bedeutung hatte, aber wohl dem Verkauf des Buches dient." Die Gefahren eines NDW-Revivals sieht Schwebel allerdings nicht: "Gibt es das überhaupt? Wir wollen jedenfalls sehr bald eine neue Platte aufnehmen". Peter Hein widerspricht dem jedoch augenzwinkernd: "Wenn wir jetzt in zwei, drei Jahren wieder etwas machen, werden wir doch als die großen Lügner und Manipulatoren hingestellt. Andererseits halte ich mich an den großen Philosophen Ian Fleming: Sag niemals nie."

Die Helden sind also noch nicht müde. Und zumindest an dem schlaksigen Peter Hein sind die Jahre rein äußerlich fast spurlos vorüber gegangen. Allerdings nicht an seiner zerfetzten Jeansjacke, die er Anfang Oktober bei einem Family*5-Auftritt im überfüllten Berliner "Magnet"-Club trug. An der Seite seines Weggefährten Sancho Seffcheque kämpfte Don Qui-Hein weiterhin gegen die Windmühlen des Lebens. Mit lässiger Selbstironie intonierte er nicht nur Familiy*-Songs, sondern auch Mittagspause- und S.Y.P.H.-Klassiker.

Allerdings wollte er auch nach dem vierten Zugaben-Set nicht die Hymne "Paul ist tot" singen. Diesen Song, so sagt er, hebe er sich für die Fehlfarben-Tournee im nächsten Frühjahr auf. Ein gemeinsames Fehlfarben-/Family*5-Konzert schließt er jedoch kategorisch aus: "Als meine eigene Vorgruppe auftreten, das mache ich nicht. Die alten Säcke spielen jeweils eine Stunde, und ich soll zwei Stunden herumhampeln? Das halte ich nicht durch, und mehr Geld gibt es auch nicht."





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