Abgehört 2017 Das ist die wichtigste Musik des Jahres

Eine umwerfend extravagante Berlinerin, ein Origami-Experiment, ein neuer R&B-Star, eine politische Gospel-Rockband und ein Hip-Hop-Jesus: Die besten Pop-Alben des Jahres. Heute: Teil 1.

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Kendrick Lamar - "Damn"
(Aftermath/Universal, erschienen im April)

Wenn es im Popjahr 2017 einen Trend gab, dann die Politisierung des Privaten. Vor allem im Hip-Hop und R&B, den zurzeit bestimmenden Musikgenres der westlichen Welt, zogen sich viele signifikante Künstler mit ihren neuen Alben in die Selbstreflexion zurück. Wenn 2016 für die sogenannte Black Music das Jahr des politischen Wiedererwachens war, diente 2017, das Jahr der Katerstimmung nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten, als Kulisse für die innere Einkehr. Herausragende Hip-Hop-Alben, die privaten Trouble gegen die desolate Stimmung in der Gesellschaft spiegelten, waren Jay-Zs "4:44" und "Big Fish Theory" von Vince Staples.

Definierende Figur des Genres bleibt jedoch Kendrick Lamar, der seinem einflussreichen Statement-Album "To Pimp A Butterfly" im April das musikalisch vielfältige und lyrisch tiefschürfende "Damn" folgen ließ. In Tracks, die sich entschlossener als zuvor in einen Pop-Kontext fügten, berichtete der 29-Jährige Rapper aus Kalifornien, welche Seelenqualen ihm seine Rolle als politische Galionsfigur der Black Community bereitet. Schon seine Pose auf dem Cover symbolisierte Demut, entsprechend erzählten "Pride", "Loyalty" und vor allem das spektakuläre "Humble" von Kendricks Ängsten, sich von Eitelkeit, Stolz und anderen Verführungen des Ruhms vom Pfad der Aufrichtigkeit ablenken zu lassen. Zwischen religiösen ("God") und biologistischen ("DNA") Überlegungen über Vorherbestimmung, wagte er einen Versuch der Selbstverortung.

I'm talkin' fear, fear of losin' creativity/ I'm talkin' fear, fear of losin' loyalty from pride (...) I'm talkin' fear, fear that my humbleness is gone/ I'm talkin' fear, fear that love ain't livin' here no more/ I'm talkin' fear, fear that it's wickedness or weakness", heißt es im schwelenden Schlüsselstück "Fear"; wie einst Isaac Hayes sich zum "Black Moses" des Siebziger-Souls stilisierte, findet Kandrick Lamar sich mit seinem Todsünden-Blues-Album "Damn" als Black Jesus - ohne dass es auch nur ansatzweise prätentiös wirkt. Ein meisterlich souveränes Manifest des Selbstzweifels in unsicheren Zeiten.

Lesen Sie unsere ausführliche Besprechung des Albums hier.

Jlin - "Black Origami"
(Planet Mu Records, erschienen im Mai)

Wenn sich aus dem postindustriellen Wasteland stolze, archaische Kulturen erheben - dann klingt das wie die Musik auf "Black Origami", dem zweiten Album der Elektronik-Musikerin Jerrilynn Patton aus der heruntergekommenen Arbeiterstadt Gary, Indiana. Die Produzentin und Komponistin stammt aus dem Footwork oder Juke genannten Genre des amerikanischen Mittelwestens, einer futuristischen, hyperbeschleunigten und rhythmisch befreiten Version des Detroit-House und -Techno.

Auf "Black Origami" fältelt, schichtet und verkantet Patton die rohe Energie dieser Stilistik in einen faszinierend mathematischen Groove, der sich jedoch immer wieder greifbaren Mustern entzieht. Konstanten bilden lediglich ein unermüdlich schnellfeuernder Sequenzer-Sound, der den Zuhörer ins Innere eines analogen Flippers zu versetzen scheint und randomisiert durchschüttelt.

Andreas Borcholtes Playlist Top-Songs 2017 (international)
SPIEGEL ONLINE

Klicken Sie hier, um die Playlist bei Spotify zu hören

1. Arcade Fire: Everything Now

2. Beck: Colors

3. LCD Soundsystem: Tonite

4. Kendrick Lamar: Humble

5. Taylor Swift: ...Ready For It?

6. Cardi B: Bodak Yellow

7. Lil Yachty feat. Migos: Peek-a-Boo

8. Charli XCX: Boys

9. Kelela: LMK

10. Aldous Harding: Horizon

11. Sam Smith: Too Good At Goodbyes

12. Arca: Anoche

13. Björk: The Gate

14. Nadah El Shazly: Afqid Adh-Dhakira (I Lose Memory)

15. Jlin: Black Origami

16. Noga Erez: Off The Radar

17. Sampha: Blood On Me

18. Thundercat: Drunk

19. Jay-Z: The Story Of O.J.

20. Halsey: Now Or Never

Auf diesem volatilen, zu unbedingter Aufmerksamkeit zwingendem Klappergerüst orchestriert Jlin in "Hatshepsut". "Kyanite" oder afrikanische "Nyakinya Rise" urafrikanische Polyrhythmen - und transzendiert damit schwarze Kulturgeschichte von den Hochkulturen des Altertums bis ins Prekariat der Moderne. Mit dieser neu gefundenen kompositorischen Finesse setzt die Self-Made-Künstlerin Jlin einen neuen Standard für die politische Dimension von Club-Musik: Ihr afroamerikanisches Origami produziert einen suggestiven House-Groove für eine neue Black-Panther-Bewegung.

Lesen Sie unsere ausführliche Besprechung des Albums hier.

Algiers - "The Underside of Power"
(Matador/Rough Trade, erschienen im Juni)

"Walk like a Panther", damit (und mit einem Zitat des Black-Panther-Aktivisten Fred Hampton) beginnt auch das zweite Album der Band Algiers aus Atlanta. Es geht also wie bei Jlin um die Beschäftigung mit dem Zustand der Black Consciousness, allerdings in traditionelleren Bahnen. Wuchtiger und wütender gelang das in diesem Jahr nur dem kalifornischen Afro-Hardcore-Duo Ho99o9 mit seinem brachialen Debüt "United States Of Horror". Algiers, das zeigte bereits ihr düster glühendes Debüt von 2015, stellen sich musikalisch breiter auf, ihr Sound ist eine brodelnde, immer wieder heftig eruptierende Ursuppe aus Soul, Gospel, Post-Punk, Hip-Hop und Industrial-Rock.

Über diesen so idiosynkratischen wie einzigartigen Genre-Mix, der Sly & The Family Stone auf MC5 prallen lässt, predigt der sehr charismatische Sänger Franklin James Fisher mit fiebriger Stimme Apokalyptisches. Im agitatorischen Panther-Duktus führt er seine nicht nur aus Afroamerikanern bestehende Gothic-Soul-Band auf einen "Death March" durch die "Plague Years" der Trump-Ära, durchs dunkelste Tal also, bis nach "Cleveland". Dort wurde 2014 der 12-jährige Schwarze Tamir Rice erschossen, seitdem kämpft die Black-Lives-Matter-Bewegung in der Metropole im US-Bundesstaat Ohio besonders vehement gegen Rassismus und Polizeigewalt.

"The Underside Of Power", das musikalisch genauso viel mit Nick Cave wie mit Marvin Gaye zu tun hat, widmet sich mit biblischem Furor diesem Kampf. Algiers sind zurzeit nicht nur eine der wirkmächtigsten Live-Bands, sie empfehlen sich mit ihrem neuen Album auch als eine Genres und Ethnien transzendierende Größe zukünftiger Pop- und Rockmusik.

Lesen Sie unsere ausführliche Kritik des Albums hier.

Balbina - "Fragen über Fragen"
(Four Music, erschienen im Februar)

Einer der erfolgreichsten deutschen Popkünstler des Jahres ist ja der Bietigheimer Rapper Bausa. Seinen lyrisch eher nachlässigen Track "Was Du Liebe nennst" konnte er - zusammen mit seinem Herz - dauerhaft in die Charts einparken. Die Berliner Sängerin Balbina bekam hingegen mal wieder nicht die Aufmerksamkeit, die sie verdient hätte. Das mag daran liegen, dass sie "keine Lieder über Liebe" singt, wie sie in ihrem Song "Die Regenwolke" selbstbewusst postuliert. Oder daran, dass sie "Unterm Strich" einfach "nicht rein passt" in die deutsche Radio- und Pop-Formatlandschaft mit ihren öden Brachen, glatten Ebenen und monokulturell gestalteten Nutzflächen.

"Fragen über Fragen", ihr drittes Album, thematisiert Balbinas auch in der Pop-Kritik immer wieder kontrovers diskutierte Extravaganz, mit der sie so verblüffend, so umwerfend viel Nähe und Dringlichkeit herstellen kann. Mit ausgreifenden Orchester-Arrangements und schwelgendem Soul kommt sie zu der Erkenntnis, dass es nun einmal ist, wie es ist: "Das Seufzen ist die einzige Freude (...) der Seele geht's angenehm elend". Mit einer stimmlichen und textlichen Ausdruckskraft, die man in Deutschland ansonsten vergeblich sucht, seziert die 34-Jährige ihre alltägliche Tristesse des Dauergrübelns und -Zweifelns in "Das Milchglas" oder "Der Trübsal" und lässt in der ergreifend zum Bondfilm-Bombast anschwellenden Massive-Attack-Hommage "Das Kaputtgehen" tief in ihre Abgründe blicken.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.)

"Das Glück" sucht sie unter der Fußmatte ebenso wie im Trockner, in der Schule und im Bücherregal - vergeblich. "Aber ich find' Dich/ und dann sing' ich nur/ Noch in Dur", singt sie in einem der schönsten dieser bittersüßen, nie hoffnungslosen Lieder. Wie das klingt, demonstriert nicht zuletzt das schwungvolle "Der gute Tag". Balbinas Lieder sind die charakterstärksten, klügsten und mitreißendsten Popsongs, die deutschsprachige Musik dieses Jahr zu bieten hatte.

Lesen Sie unsere ausführliche Besprechung des Albums hier.

Sampha - "Process"
(Young Turks/Beggars, erschienen im Februar)

In der Popmusik geht es ja nicht zuletzt immer um diese unverwechselbaren Stimmen. Eine davon, die sich schon mit ihrem ersten gesungenen Ton unvergesslich macht, veröffentlichte bereits Anfang des Jahres ein Debüt-Album, das noch lange über den Februar hinaus wirkte. Der britische Sänger Sampha Sisay, eine Entdeckung aus dem Umfeld von XL Recordings und Young Turks, der Heimat von The xx also, galt schon in früheren Jahren als Gastsänger-Referenz, wenn es besonders deep werden sollte. Beyoncé und Solange, Kanye West und Frank Ocean, FKA Twigs und Jessie Ware, ihnen allen lieh Sampha bereits seinen besonderen Soul-Schmelz, einen rauen, dringlichen Falsettgesang irgendwo zwischen Michael McDonald und Anohni.

Mit den Songs auf "Process" verarbeitet Sampha unter anderem den Tod seiner Mutter und öffnet dem Hörer dabei Zugänge in sein blutendes Herz. Die behutsam instrumentierte Musik, die er dazu komponiert, funktioniert wie ein Hitzeschild, das den Zuhörer mit kühlem Zischen und beruhigendem Zirpen vor der lodernden, rohen Kraft dieser Soul-Energie beschützt. Sisay beherrscht die schwermütige Ballade "No One Knows Me Like The Piano" ebenso wie das in Trip-Hop-Agonie zuckende "Blood On Me".

Ähnliche Intensität erzeugte in diesem Jahr nur noch ein weiterer Sänger: Der Kalifornier Moses Sumney mit seinem im September veröffentlichten Debüt-Album. Während sich Sampha mit "Process" als neue Größe des Post-R&B-Genres etablierte, lässt Sumney solche Genre-Begrenzungen weit hinter sich. Mit "Aromanticism" bringt er sich als postmodern neurotischer Seal-Nachfolger ins Spiel.

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Lesen Sie am Freitag Teil 2 der "Abgehört 2017"-Ausgabe mit fünf weiteren wichtigen Alben des Jahres und den besten Songs aus Deutschland.

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
zurbuntenkuh 19.12.2017
1. Sehr schöne Platten...
... aber als einzige deutschsprachige Künstlerin Balbina herauszugreifen, ist dann doch... etwas daneben... naja, vielleicht gibt es ja eine persönliche Nähe ;-) Musikalisch darf man das getrost unter „Fehltritt“ verorten, business-mäßig wahrscheinlich unter „Nachbarschaftshilfe“. Aber die internationalen Bands sind sehr schön ausgesucht.
Motorpsycho 19.12.2017
2.
Ziemlich einseitige Rap/R+B Auswahl und statt JLin hole ich mir doch vielleicht mal lieber wieder meine Mouse on Mars CDs hervor. Mal schauen, ob Teil 2 noch was Interessantes mitbringt.
steppenrocker 19.12.2017
3. Schlag nach bei Pitchfork
Über Geschmack lässt sich zu einem gewissen Teil streiten - klar. Aber warum ist das hier fast 1:1 auch das, was man bei Pitchfork in den Jahrescharts findet? Auf Kendrick Lamar kann man sich vielleicht einigen, aber dass gerade "Damn" "musikalisch vielfältiger" als "To Pimp a Butterfly" sein soll, stimmt eben gerade nicht. Dass Balbina hier auftaucht ("Balbinas Lieder sind die charakterstärksten, klügsten und mitreißendsten Pop-Songs, die deutschsprachige Musik dieses Jahr zu bieten hatte"), da hab ich wirklich nur noch gelacht. Wo sind stattdessen Pisse, Der Täubling, Maurice und die Familie Summen? Letztere vielleicht in Teil 2, man soll die Hoffnung nicht aufgeben. In den Single Charts von Herrn Borcholte finden sich tatsächlich Taylor Swifts Kirmesdisco, Sam Smith und Halsey - soll man das jetzt ernst nehmen? Jan Wigger, come back. All is forgiven.
Sebastian Haenel 20.12.2017
4. Balbina ?
selten etwas dermaßen Prätentiöses gehört und gesehen . Geschmäcker sind verschieden . Bei mir klappen sich die Fußnägel hoch . Kann die "Künstlerin" überhaupt singen ?
Anderland_55 20.12.2017
5. Wichtigste deutsche Platte
ist definitiv “Ich vs Wir” von Kettcar (die ich vorher gar nicht wahrgenommen hatte). Wenn die im 2. Teil nicht kommt, lese ich die Kolumne nie wieder!
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