Abgehört 2017 Das ist die wichtigste Musik des Jahres

Eine R&B-Diva, die sagt, was sie will, eine Pop-Songwriterin aus Hamburg, der Top-Produzent für die Emo-Kathedrale, ein moderner Tom Waits und die Noise-Kaiserin von China: die besten Pop-Alben des Jahres, Teil 2.

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Kelela - "Take Me Apart"
(Warp/Rough Trade, erschienen im Oktober)

"Stopp mal, du verdirbst mir meinen Groove", herrscht Kelela Mizanekristos ihren Ex-Lover in "Frontline", dem ersten Song ihres Debütalbums an - und erklärt das Geschlechterverhältnis zur militarisierten Zone. Schon mit ihrem Mixtape "Cut 4 Me" (2013) hatte sich die US-Amerikanerin mit äthiopischen Wurzeln als kommende Diva des Post-R&B positioniert, mit "Take Me Apart" löste sie dieses Versprechen endlich ein.

Vordergründig geht es in den Songs von Kelela um den quälenden Abschied von einer alten Liebe und den euphorischen Aufbruch in eine neue. Wie sich Kelela, eine Nachfolgerin von Janet Jackson, dabei nicht von Gefühlen und Männermanipulationen beirren lässt, ist grandios. "Take Me Apart", fordert sie im Titelstück lasziv und hingebungsbereit, aber implizit ist klar: Der Kerl sollte besser wissen, wie's geht, sonst gibt's Ärger. In "LMK", kurz für "Let Me Know" pocht sie auf ihr Recht, casual sex zu fordern und zu genießen, ohne dafür als Schlampe zu gelten. Es sind sanfte, aber bestimmte Ermächtigungsgesten, die Kelela auf schwelgenden, schwelenden R&B-Sounds mit Neunzigerjahre-Ambiente (u.a. von Raumklang-Spezialist Arca produziert) inszeniert.

In Videoclips wie "Blue Light" und Live-Auftritten wie zuletzt im Berliner Berghain demonstriert sie, dass dazu auch die Kontrolle über die auch auto-erotisierende Wirkung ihres Körpers gehört. Damit folgt Kelela einerseits dem Pop-Trend, das Politische im Privaten zu betonen (siehe Kendrick Lamar im ersten Teil von Abgehört 2017), geht aber andererseits über die reine Beschäftigung mit dem Zustand der Black Consciousness hinaus, den ihre gute Freundin Solange Knowles im Vorjahr mit ihrem Album "A Seat At The Table" so meisterhaft wie berührend thematisierte. Kelelas Album transzendiert die Frage der Ethnie und bildet - wenn auch unfreiwillig - ein wichtiges, emanzipatorisches Statement in der aktuellen Debatte um Männermacht und -missbrauch: "Cry and talk about it, baby, but it ain't no use/ I ain't gonna sit here with your blues", singt sie. Ihr Körper, ihre Lust, ihre Regeln. Lesen Sie unsere ausführliche Besprechung des Albums.

Sophia Kennedy - "Sophia Kennedy"
(Pampa Records, erschienen im April)

Manchmal, ganz selten, stimmt einfach alles. Mehr als zwei Jahre ließ sich die Hamburger Musikerin Sophia Kennedy für ihr Debütalbum Zeit. Die hatte sie auch, weil das legendäre Label von DJ Koze, Pampa Records, ihr keinen Druck machte. Es ging ja immerhin um nicht weniger als das erste Songwriting-Album der Heimat ausgesuchter Elektronikmusik.

Andreas Borcholtes Playlist Top-Songs 2017 (D/A/CH)
SPIEGEL ONLINE

Klicken Sie hier, um die Playlist bei Spotify zu hören

1. Kettcar: Sommer '89 (Er schnitt Löcher in den Zaun)

2. Faber: Alles Gute

3. Balbina: Das Kaputtgehen

4. Maurice & Die Familie Summen: Nichtantworten ist das neue Nein

5. Casper feat. Drangsal: Keine Angst

6. Klez.e: Mauern

7. Sophia Kennedy: Build Me A House

8. RIN: Monica Bellucci

9. Trettmann feat. Marteria: Fast Forward

10. Ace Tee feat. Kwam-e: Bist Du Down?

11. Lisa Who: Alles ist gut

12. Helmut: Brush

13. Lemur: Ballast

14. Bilderbuch: Bungalow

15. Andreas Dorau: Liebe in Dosen

16. Christiane Rösinger: Eigentumswohnung

17. Die Liga Der Gewöhnlichen Gentlemen: Song für Eis Gerd

18. Füffi: Karrieremodus Tod

19. Ebow: Asyl

20. Mutter: Menschen werden alt und dann sterben sie

Während die heute 28-jährige Kennedy, die als Kind mit ihrer Mutter aus Baltimore nach Göttingen zog, sich ihr Geld nachts als Türdame in der Hamburger Discobar "Golem" verdiente, bastelte sie tagsüber mit Produzent Mense Reents (Die Regierung, Egoexpress) an ihren Songs. Umwerfend sind sie nicht nur, weil Kennedy sie mit ihrer tiefen, sofort einprägenden Stimme beherzt vorträgt, sondern weil traditionelles Song-Handwerk und elektronische Frickelei eine unwiderstehliche Fusion eingehen, die man so wirkmächtig in diesem Jahr nirgends sonst gehört hat.

Wer das Glück hatte, Kennedy in den vergangenen Monaten live zu sehen (u.a. spielte sie ein sagenhaftes Konzert beim Berliner Pop-Kultur-Festival), weiß auch, dass sie ihre zwischen Drama, Tongue-in-Cheek und Spielerei kapriolenden Lieder auch ebenso intensiv darbieten kann - im Glanzlack-Catsuit mit Pop-Band-Begleitung ebenso wie ganz intim als Chanteuse am Piano. Auch wenn Kennedy in ihrer Muttersprache Englisch singt: Die deutsche Pop-Entdeckung des Jahres. Lesen Sie unsere ausführliche Kritik zum Album.

Arca - "Arca"
(XL Recordings, erschienen im April)

Das dynamischste Duo in diesem Popjahr? Nein, nicht Pietro Lombardi und Kay One, Unsinn! Nein, sehr viel weiter entfernt von solchen Dumpfbacken, in den Sphärenklängen elektronischer Avantgarde-Musik, fanden sich die isländische Sängerin Björk und der aus Venezuela stammende Produzent und Musiker Alejandro Ghersi alias Arca. Zuvor hatte der heute 27-Jährige bereits am speziellen Klang von FKA twigs und Kanye Westes "Yeezus" gearbeitet, Björk verhalf er, als komponierender Partner auf Augenhöhe zu einem ihrer stärksten (und längsten) Alben seit Langem, das neugefundene Liebe und Matriarchat feiernde "Utopia", ebenfalls eins der herausragenden Alben des Jahres.

Noch eindrucksvoller aber errichtete Arca seine mit zirpenden Geräuschen und irrlichternden Synthesizer-Sounds gefüllte Klang-Kathedrale auf seinem dritten eigenen Album, das nicht umsonst nur seinen Namen als Titel trägt. Denn erstmals traute sich Ghersi, in auf Spanisch gesungenen, berückend zaghaften Litaneien, seiner Musik auch als Sänger einige besondere Stimmungen und Farben hinzuzufügen. Berührender wurde es im elektronischen Pop 2017 selbst bei den notorisch intimen The XX nicht. Wie Ghersi seine eigene, offenbar nicht einfache Jugendbiografie in fragilen Echokammern wie "Piel", "Anoche" oder "Coraje" offenbart, um dann wieder Klangkaskaden schroff aufeinanderprallen zu lassen, das hat tatsächlich, ganz unreligiös, die kathartische Wirkung eines Kirchenbesuchs. Lesen Sie unsere ausführliche Besprechung des Albums.

King Krule - "The Ooz"
(XL Recordings, erschienen im Oktober)

Womit haben sich eigentlich die Singer/Songwriter dieses Jahr beschäftigt? Na, mit dem Untergang natürlich, der allgemeinen miesen Laune, dem depressiven Zustand der Welt, womit auch sonst? Zwei herausragende, sehr unterschiedliche Alben brachte das Barden-Genre 2017 hervor, zum einen das elegisch-ironische Dekandenzpanorama "Pure Comedy" des US-amerikanischen Folk-Showmasters Father John Misty.

Weniger extrovertiert, aber dafür um einiges wirkungsvoller, gab sich der junge Londoner Archy Marshall alias King Krule auf seinem zweiten Album "The Ooz". Wenn Josh "Misty" Tillman der neue Donovan ist, dann könnte man King Krule als einen Tom Waits für das 21. Jahrhundert betrachten. Seine aus Beats, Jazz, Club-Sounds, Pubrock- und Mod-Zitaten, Drogen und Alkohol fragil zusammengeleimte, durch regennasse, nächtliche Gassen torkelnde Musik beschreibt die Entfremdung eines Individuums von einem toxischen Mainstream, dessen Gesetze es nicht versteht - und nicht verstehen will. "I wish I was equal", spuckt er dem ins Verderben rasenden Kapitalismus-Konsens in "The Locomotive" hinterher. Statt einzusteigen, sich gemein zu machen, bleibt er lieber noch ein bisschen auf dem verwaisten Gleis stehen. Ein stiller, in sich hinein murmelnder Punkrock-Prophet für den kommenden Aufstand. Lesen Sie unsere ausführliche Besprechung des Albums.

Pan Daijing - "Lack"
(Pan Records, erschienen im Juli)

Zum Schluss dieser Jahresbilanz noch schnell die Würdigung einer Künstlerin, deren Potential sich wahrscheinlich erst in den kommenden Jahren voll entfalten wird. Die 25-jährige Chinesin Pan Daijing lebt erst seit zwei Jahren in Berlin, hat sich aber binnen kurzer Zeit als eine der aufregendsten jungen Persönlichkeiten der Noise- und Experimentalszene entwickelt. "Lack" ist ihre dritte Veröffentlichung, die viele ihrer bisherigen Arbeiten zusammenfasst.

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

Pans Musik kann betörendes Schwirren sein, wie in "A Loving Tongue", die ganze Wollust aber auch gleich wieder - mit Seufzen und Schaben - in Body-Horror-Bilder kippen lassen. Der Höhepunkt des im Unterbewussten ("The Nerve Meter") wie im Konkreten ("A Situation Of Meat") gleichermaßen wühlenden Albums ist das allerlei phantasmagorische Assoziationen weckende "Act Of The Empress", ein unwiderstehlicher Mahlstrom aus Sequenzer-Pulsen und Alarmsirenen-Sounds. Ihre präzisen, zwischen Alien und Erotik oszillierenden Live-Performances sind suggestive Spektakel, in denen Sound, Körperlichkeit und Kostümierungen zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen.

Auch ganz ohne Musik kann Pan ihr Publikum bannen, wie sie im vergangenen Herbst mit einer Installation beim Berliner "No Music"-Festival bewies: In einem schalldichten Glaskasten, der nur Rumpf und Beine sichtbar machte, hörte nur sie selbst die Klänge, zu der sie ihren Körper barfüßig auf einem Erdhaufen bog und bewegte. Auch ihr eigener Gesang blieb so stumm wie die Schildkröte, die - niedlich! - am Boden des Kastens ihre Kreise um die Künstlerin zog. Fasziniert war man trotz - oder gerade wegen dieser kühnen und klugen Dekonstruktion von Musik-Rezeption. Für 2018 plant Pan Daijing ein Pop-Album. Man kann es kaum erwarten.

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Teil eins der wichtigsten Musik des Jahres verpasst? Kein Problem: Hier können Sie alles nachlesen.

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insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
karl-wanninger 22.12.2017
1. "Das ist die wichtigste Musik des Jahres"?
Da wäre 2017, aus musikalischer Sicht, aber ein sehr trauriges Jahr gewesen, wenn diese mehr als dröge Auswahl tatsächlich die "wichtigste" Musik des ganzen Jahres gewesen sein sollte.
Jopsel 22.12.2017
2. Ich werde wohl alt
keine der vorgestellten Platten hat mir dieses Jahr gefallen. Das war nicht immer so - es war aber auch nicht so R&B lastig...
kamber 22.12.2017
3. My name is Ozymandias, king of kings...
Sind die Zeiten nicht schon längst vorbei, wo sich jemand im Stile eines Ozymandias anmasst, die wichtigste Musik des Jahres zu deklarieren? Warum denn nicht gleich "the voice of germany" referenzierten?
steviebloom 22.12.2017
4. Naja
Irgendwie hab ich mich bei manchen Bewertungen schon immer gefragt, ob das Herrn Borcholte sein Ernst ist ! Aber wenn diese Auswahl die Wichtigste Musik des Jahres sein soll, dann bin ich taub oder Herr Borcholte hatte einen Tinnitus ;-) Cheers
blueberryhh 22.12.2017
5. 2017 muss ja ein grauenhaftes Jahr gewesen sein
wenn das hier die besten Alben des Jahres sein sollen? Aber der Borcholte ist eh`nicht ernst zu nehmen mit seiner Auswahl und seinen Rezensionen. Hauptsache elitär ...
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