Dockville-Camp in Hamburg: Kunst oder Unkraut? Beides!

Von Anika Haberecht

Dockville-Festival: Für Ohr und Augen Fotos
Pablo Heimplatz

Unter Hipstern längst ein Muss: Immer mehr Pop-Festivals bringen nicht nur Bands auf die Bühne, sondern hübschen ihr Programm mit ein bisschen Kunst auf. Die Macher des Dockville-Kunstcamps in Hamburg nehmen die Sache ernster - sie wohnen dafür sogar in einem "Igel".

Ein Bagger rattert über das Gelände am Reiherstieg-Hauptdeich in Hamburg-Wilhelmsburg, lädt eine Schaufel mit Erde ab, dann noch eine und noch eine. Immer größer wird der Berg und die Rohre, die hier und da noch an den Seiten herausschauen, verschwinden schließlich fast ganz unter der Erdmasse. Was daraus werden soll? Ist noch nicht zu erkennen. Ein paar Meter weiter wuchert ein riesiges, vieleckiges Holzgerüst, an dessen unteren Streben Pflanzen emporranken. Es soll ein "Garten in Bewegung" sein, im Sinne des Landschaftsarchitekten und Gärtners Gilles Clément, der nach diesem Prinzip Parks gestaltet hat. Noch ein Stück weiter verzahnen sich Teile von Fahrrädern ineinander und bilden eine organisch anmutende Installation, wie eine Pflanze, die in verschiedene Richtungen wächst.

Beim MS Dockville Kunstcamp treffen sich alljährlich Künstler unterschiedlichster Herkunft und Stile, die über Wochen zu einem Metathema arbeiten, dieses Jahr lautet es: Unkraut! Und entsprechend unvorhersehbar gedeiht seit Wochen die Kunst am Reiherstieg-Hauptdeich.

Das Kunstcamp gehört zum sogenannten MS-Dockville-Sommer - dessen Pop-Festival bundesweit bekannt ist (16. bis 18. August) - und dürfte in seiner Art in Deutschland recht einzigartig sein, weil hier eben nicht einfach nur zusätzlich zur Musik ein bisschen Kunst gemacht wird. Der Schaffensprozess ist dabei zentraler Teil jedes Kunstwerks. "Künstler, Helfer, Handwerker - alle sind dabei gleichberechtigt", sagt die Kuratorin Dorothee Halbrock. "Die Künstler geben eine Idee vor und legen einen Startpunkt fest. Alles weitere lassen sie passieren." Und so kommt es dann auch vor, dass ein Handwerker einem Künstler entscheidende Impulse gibt. "Kunst ist nicht nur Deko. Sie wird bei uns nicht einfach nur abgestellt wie bei anderen Festivals", sagt Halbrock. Der mehrwöchige Prozess und die Dynamiken, die entstehen, wenn unterschiedliche Leute aufeinandertreffen - sie machen den Kern des Camp-Konzepts aus.

Dorothee Halbrock kuratiert hier seit 2007 das Kunstprogramm. Mit ihrer Kollegin Susanne Schick hat sie vor ein paar Wochen den "Igel" bezogen - eine kreisförmige Schlafstätte, die die Architektengruppe "umschichten" als Unterkunft für Künstler und Team gebaut hat und die ein Kunstwerk für sich ist.

Gemeinsames Arbeiten und Wohnen, bereits Wochen im Vorfeld der offiziellen Eröffnung, sorgen für regen Austausch - und werden so zum Schlüssel des Kunstcamps. Nicht nur nach innen, sondern auch nach außen: "Viele Festivals stellen ihre Kunst dar und laden vielleicht sogar zu Partizipation ein. Doch oftmals werden keine Gespräche angeregt. Das Werk ist ein ästhetischer Blickfang, wird aber nicht mit Relevanz aufgeladen", sagt Susanne Schick. Beim Dockville gibt es dagegen sogar sogenannte Kommunikatoren, die immer ansprechbar für Besucher sind.

Nicht immer war die Kunst neben der Musik so etabliert. Seit 2010 ist das Camp in seiner Organisationsstruktur jedoch eigenständig und zieht mittlerweile etwa 10.000 Besucher an. Besonders beliebt sind neben Rundgängen die abendlichen Open-Air-Veranstaltungen unter dem Namen "Butterland" sowie der Vogelball - eine Art Kunst-Karneval (diesen Samstag). Die Künstler verschaffen der Pop-Sparte des Dockville so ein markantes Profil, das es von anderen Musikfestivals abhebt - nicht unwichtig in einer Zeit, in der viele Open-Airs mittlerer Größe um ihre Existenz kämpfen müssen.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Schön war´s...
exilfries 10.08.2013
mal! Das erste Dockville-Festival startete damals, um gegen die Gentrifizierung in Hamburg und speziell auf der Veddel zu demonstrieren. Mittlerweile ist es voll integriert: Ein Tagesticket kostet knapp 35€, 3-Tagesticket knapp 100€, der halbe Liter Bier hat im letzten Jahr mit 5€ zu Buche geschlagen. Das Gros der Festivalbesucher ist eine Mischung aus Hipster und Yuppies, wovon ein Teil nicht den Zelt- bzw Campingplatz nutzt, sondern in umliegenden Hotels schläft!
2. ...
chrissi-e 15.08.2013
Zitat von exilfriesDas Gros der Festivalbesucher ist eine Mischung aus Hipster und Yuppies, wovon ein Teil nicht den Zelt- bzw Campingplatz nutzt, sondern in umliegenden Hotels schläft!
Wie überraschend, wir reden hier von einem Festival in HAMBURG ;-) Dass das vor ein paar Jahren anders gewesen sein soll, ist schwer vorstellbar, aber ich war auch nicht da.
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