Das Pop-Tagebuch Apokalypse in der Hüpfburg

Kinnbärtiger Tätowierstudiorock, kalkulierter Kitsch und rüstige Raver. Eric Pfeil knöpft sich für den ersten Eintrag in sein neues Pop-Tagebuch die MTV-Live-Übertragung des Festivals "Rock am Ring" vor und stellt fest: Es läuft zu viel Musik im Musikfernsehen.


Als ich am Samstagnachmittag aus meinem Zelt auf dem "Rock am Ring"-Gelände krieche, um im Regen nach meinen Schuhen zu suchen, stelle ich fest, dass ich gepierct bin. Zwischen Nase und Brust habe ich eine Metallkette hängen.

Das war gestern um diese Zeit aber noch nicht so, denke ich, während ich ein erstes Bier gegen die Schmerzen öffne. Weitaus mehr noch beschämt mich das The-Prodigy-XXL-T-Shirt, das im Wind um meinen Körper flattert. Meins ist es nicht. Wo ist überhaupt die mit meinen Initialen bestickte Herrenhandtasche? Wo ist mein goldener Umhang?

Ein paar diffuse Erinnerungen blitzen auf: Steffi aus Leverkusen. Mehrere Typen namens Tobi (fast alle außer Steffi heißen hier offensichtlich Tobi). Und natürlich Pille und Ratte aus Duisburg, mit denen ich Bier aus einer Aufblaspuppe getrunken habe. Der Regen wird stärker. In der Ferne spielt jemand auf Bongos, aus einem portablen CD-Player plärrt Metallica. Meine jüngste musikberichterstatterische Undercover-Mission scheint ziemlich missglückt zu sein...

Nein, Halt: Ich war natürlich nicht bei "Rock am Ring". Ich habe für so etwas gar nicht die geeigneten Schuhe. Aber ich habe mir im Fernsehen die Live-Übertragung auf MTV angeschaut, was aufreibend genug war. Mindestens drei Kilo dürfte ich dabei verloren haben.

Allzu reflexartige Benickung genießt ja die Behauptung, im Musikfernsehen gebe es überhaupt keine Musik mehr zu hören. Zunächst einmal ist das ja eher eine gute Nachricht: Musik ist ohnehin überall - und meistens ist es die falsche. Und die Tatsache, dass der Sender MTV am Wochenende emsig live von "Rock am Ring" berichtete, hat in mir die Überzeugung verfestigt, dass der Niedergang des Musikfernsehens eine eher zu begrüßende Sache ist.

Freitags schalte ich noch eher zufällig in das Konzert der Killers hinein. Eine Band, die wirkt, als sei sie von zwei scientologischen Plattenfirmen-A&Rs beim Golfspielen ausgedacht worden. Alles klingt wie eine Mischung aus New Order mit Pathos und U2 ohne Pathos; die Killers sind in ihrem kalkulierten Kitschwillen immer eine Nuance zu peinlich oder nie peinlich genug. Dem glückseligen Massenmitklatsch der 85.000 Zuschauer tut das jedoch keinen Abbruch, und bei ein paar ihrer leib- und seelenlosen Konsenskracher wippe auch ich daheim im Takt mit. Trotzdem weht ein eisiger Wind über die Bühne.

Brandon Flowers, der Sänger, ist von ganz besonders faszinierender Faszinationslosigkeit: Mit unstetem Blick rennt er umher, gestikuliert unmotiviert und scheint tatsächlich der Androide zu sein, den er doch eigentlich nur spielen möchte. Als um zwölf die Nachbarn wegen der Lautstärke mit Backpfeifen drohen, schalte ich ab und setze die Schnitzarbeiten an meiner Weihnachtskrippe fort.

Gibt es die amerikanischen Tätowierstudiorocker von Korn eigentlich immer noch oder schon wieder? So oder so - es gibt sie. Und als ich am nächsten Abend wieder bei der "Rock am Ring"-Übertragung lande, wird folgende Erkenntnis unausweichlich: Der stets und zurecht als "Alien-Schöpfer" bezeichnete H. R. Giger hat sicherlich in seinem Leben allerhand Quatsch zusammenmontiert, aber einen irre gruselig aussehenden Mikrofonständer für den Korn-Sänger zusammenzuschrauben, war sicherlich eine seiner dubiosesten Arbeiten.

Der muffige Kappen-August des Rap-Rock

Kurz keimt in mir der Wunsch auf, mir sofort von H. R. Giger einen Eierbecher oder ein Mofa gestalten zu lassen, da wiegt mich der kinnbärtige Augenbrauen-Piercing-Rock von Korn auch schon in den Schlaf.

Geweckt werde ich von den rüstigen Ravern von The Prodigy, die das Festival zur apokalyptischen Hüpfburg-Party umfunktionieren. So langsam beginnt die Rückwärtsgewandtheit des Programms mich zu irritieren, ich suche im Schrank kurz nach alten Klamotten von vor neun Jahren, sie passen nicht mehr. Es folgt ein arg langweiliges Interview der beängstigend routinierten und von ihrem Sender als "ultra urban" angepriesenen MTV-Moderatorin Hadnet mit dem wie immer hinter einer Maske verborgenen Slipknot-Sänger, der mit Sätzen wie "You do what you gotta do" zu fesseln versteht.

Auf der Bühne verwirren mich Slipknot endgültig: Wie kann man sich denn mit allerhand Faschingsutensilien und Lederzierrat als Monster verkleiden, sich aber trotzdem wie ganz normale Rockmusiker bewegen? Monster, die ein Bein auf die Monitorbox stellen und das Mikro in die Luft recken, irritieren mich. Wenigstens ein Gebrechen könnten die Musiker vortäuschen oder zumindest doch hinken.

Vollends konsterniert bin ich dann am Sonntag, als allen Ernstes Fred Durst, der muffige Kappen-August des Rap-Rock, mit seiner ebenfalls längst aufgelöst gehofften Band Limp Bizkit auf der Bühne steht. Sollte nicht als nächstes das Früh-Neunziger-Revival kommen? Wie soll das klappen, wenn bei "Rock am Ring" munter abgehalfterte Bands aus den späten Neunzigern herumhüpfen und vom Publikum auch noch zu ihrem Tun ermutigt werden.

Ich gehe ins Bett. Nach langem Herumwälzen schlafe ich ein. Im Traum erscheinen mir Tobi und Tobi aus Jülich und H. R. Giger, der einen gruselig aussehenden Regenschirm und eine metallene Weihnachtskrippe für mich gestaltet hat. Ich lehne die Präsente ab. Tobi und Tobi wiederum haben meine Herrenhandtasche wiedergefunden. Immerhin.



insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
bay-eSports 12.06.2009
1. wow
So ziemlich des schlechteste und untreffendste Bericht, den ich hier je bei Spon gelesen habe! Man muss froh sein, wenn auf MTV mal wieder so etwas wie Musik läuft. An Slipknot oder Korn rum zu maulen hat etwas von Blasphemie. Und überhaupt: *gähn* Laaangweilig!! Vielen Dank an MTV für die Übertragung. Sie, Herr, können sich ja gern in Zukunft wieder Ihrem "hip" sein widmen.
kuchenbob, 12.06.2009
2. .
Zitat von bay-eSportsSo ziemlich des schlechteste und untreffendste Bericht, den ich hier je bei Spon gelesen habe! Man muss froh sein, wenn auf MTV mal wieder so etwas wie Musik läuft. An Slipknot oder Korn rum zu maulen hat etwas von Blasphemie. Und überhaupt: *gähn* Laaangweilig!! Vielen Dank an MTV für die Übertragung. Sie, Herr, können sich ja gern in Zukunft wieder Ihrem "hip" sein widmen.
Unfug, genau das Gegenteil ist der Fall. Super Artikel.
JonoMcFlono 12.06.2009
3. Bla
Man kann auch überall was zu meckern finden. Auf den musikalischen Aspekt der Bands ist der Autor erst garnicht eingegangen. Vielmehr stört er sich an der äußeren Erscheinung der Musiker und klingt dabei wie ein Frührentner der sich über das Aussehen von Jugendlichen beschwert... Dass auf diesem Festival friedlich und freundschaftlich die Musik und alles drumherum gefeiert wurde ist wohl nebensächlich? Trauert da jemand den eigenen Festivalzeiten hinterher?
Du bist so schön! 12.06.2009
4. Rockt!
Wieso haben sie sich nicht für 150 Euro eine (Sitzplatz) Karte für AC/DC gekauft? Der einzige Grund wieso man so eine negative Einstellung haben kann ist, weil Sie bemerken, daß sie zu alt geworden sind um sich mitreißen zu lassen und dabei sein zu können. Sollen die Warmduscher doch daheim sitzen. Aufgeweckte und offene Leute waren dabei und haben gerockt! Schönen Tag
dierkules 12.06.2009
5. RaR
Was wollen Sie, lieber Autor, mit diesem Artikel aussagen? Soll es eine Kritik an den jährlich zu Open-Air Festivals pilgernden Menschen sein (1. bis 4. Absatz)? Soll es eine Kritik an aktueller Mainstream-Rock-Pop Mischung sein (Absatz 5 und 6)? Oder sollte dieser Artikel einfach nur aussagen, dass Bands, die bereits länger als 18 Monate bestehen doch bitte aus dem öffentlichen Leben zu verschwinden haben? Ich persönlich habe die RaR Berichte wieder mal sehr genossen... In genau einer Woche werde ich mich auch unter das zeltende, trinkende und feiernde Festivalvolk auf dem Hurricane in Scheeßel mischen und mit Bands wie Die Ärzte, Faith no More, Nine Inch Nails und, Achtung: Kraftwerk. Viel Spaß mit der Krippenschnitzerei.
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