Dauerbrenner David Bowie Erst kam Ziggy, dann Gaga

David Bowie, der größte Paradiesvogel im Pop, hat sich zurückgezogen - nur Lady Gaga setzt seine Tradition des schillernden Auftritts im großen Stil fort. An Bowies Talent erinnern nun eine Biografie, eine Tribute-CD mit Stars wie Carla Bruni und eine Sammleredition seiner Klassiker.

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Einen akuten Mangel an Individualisten, an "eloquenten, durchgeknallten, brillanten und intelligenten" Musikern machte jüngst Nicky Wire von der walisischen Band Manic Street Preachers für die Krise der Branche verantwortlich. Was ein berechtigter Vorwurf ist und eine große Frage aufwirft: Was macht eigentlich David Bowie, der begnadetste, rätselhafteste, klügste, radikalste und verrückteste Paradiesvogel der Popgeschichte?

Seit seinem letzten regulären Album ("Reality") sind sieben Jahre vergangen. Die darauf folgende Welttournee brach er nach einer Herzattacke (in Deutschland) ab. Seitdem hält der Brite, der Ziggy Stardust war, den Ball flach, bereitet kein neues Album mehr vor und genießt mit Gemahlin Iman und der gemeinsamen Tochter zurückgezogen den Vorruhestand in New York. Mal abgesehen von allerlei Gastauftritten lässt der Thin White Duke in diesem Jahrtausend überwiegend die Geschäfte ruhen.

Sehnsucht nach dem Original

Daran, was für eine schillernde Lichtgestalt sich da zurückgezogen hat, erinnern nun diverse Bowie-Ersatz-Produkte. Zum Beispiel "We Were So Turned On: A Tribute to David Bowie", eine Doppel-CD, auf der so unterschiedliche Künstler wie Keren Ann, Duran Duran, Etienne Daho, Chairlift und - potzblitz - Carla Bruni sich vor dem Meister verneigen und sich überwiegend würdevoll über Bowie-Klassiker von "Ashes to Ashes" bis "Ziggy Stardust" hermachen. Angeblich soll Bowie höchstpersönlich dem Projekt seinen Segen gegeben haben. Trotzdem weckt das Durchhören dieser aufgewärmten Meisterwerke vor allem die Sehnsucht nach den Original-Versionen.

Zum Beispiel Bowies Album "Station to Station", das dieser Tage neu aufgelegt wurde und immer wieder toll neu zu entdecken ist. Das 1976 erstmals veröffentlichte Werk zählt zu den Höhepunkten seiner Karriere. Eingespielt in Los Angeles nach Bowies eindrucksvollem Auftritt in Nicolas Roegs Film "Der Mann, der vom Himmel fiel", kombinierte der damals von schwerwiegenden Drogenproblemen gepeinigte Bowie hier atemlosen Plastiksoul mit zackiger Elektronik zu unterkühlten Hits wie "TVC 15", "Stay" oder "Golden Years", die immer noch nervös und eindringlich klingen und nichts von ihrer Faszination verloren haben.

Lady Gaga führt die Tradition fort

Pünktlich zur Weihnachtszeit wurde dieses Wunderwerk nun aufgemöbelt und um zwei CDs mit einem unveröffentlichten Konzert jener Zeit erweitert. Für betuchtere Verehrer des Künstlers gibt es noch eine opulent ausgestattete Liebhaber-Edition mit fünf CDs, zwei Vinyl-Platten, einer DVD und herrlichem Schnickschnack wie Replikaten von Fanclub-Ausweisen, Backstage-Pässen und Pressefotos.

Interessant ist auch ein neues Buch von Marc Spitz, das schlicht "David Bowie - Die Biografie" betitelt ist. Zwar enthüllt der US-Journalist Spitz keine Sensationen, aber er schreibt beseelt, wenn auch ausschweifend, Bowies fabelhafte Karriere nach. Spannend ist vor allem der letzte Teil, der sich mit dem Künstler im Vorruhestand beschäftigt und dessen letzte Jahre ausleuchtet. Auch Spitz geht von der Möglichkeit aus, das Bowie womöglich nicht zurückkehrt ins Rampenlicht. Was ein Jammer wäre, denn Paradiesvögel kommen der Popwelt zunehmend abhanden. Die Stars dieser Tage von Bono über Chris Martin bis Jay Z und sogar Eminem sind letztlich alles fade und ideenarme Figuren. Allein Lady Gaga führt Bowies Tradition der funkelnden und stets rätselhaften Auftritte fort, nur können leider ihre mittelprächtigen Songs mit der Optik nicht mithalten.

In Spitz' Buch berichtet der Musiker Moby, dass er Bowie dieser Tage hin und wieder in New York auf der Straße sieht und einen entspannten, glücklichen Menschen erlebt: "Ich glaube, es (der Ruhestand) tut ihm wirklich gut. Jede Tür steht ihm offen. Er und Iman, sie sind beide Superkultstars. Zusammen haben sie schon fast etwas Königliches. Sie sind unser Königspaar."



insgesamt 19 Beiträge
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jot-we, 15.10.2010
1. o
Achwas. Waren Bowies Auftritte (weniger seine Musik) durchaus von Kreativität durchsetzt, ist Gagas Performance nur noch durchgestylt und ausgerechnet und daraufhin ausgelegt, das alternde Zugpferd Madonna möglichst übergangslos zu ersetzen. PopMusic sucks!
atomkraftwerk, 15.10.2010
2. .
Ja, Bowie ist groß, Bowie ist anders, phänomenal. Aber an Elvis kommt niemand vorbei. Solche Legenden mit sowas peinlichem wie Gaga in einem Atemzug zu nennen ist eine Schande.
Despair, 15.10.2010
3. Kein Vergleich
Ich finde es auch fragwürdig, Lady Gaga mit Bowie zu vergleichen. Sie mag zwar schrill auftreten und so etwas wie Glamour darstellen, aber sie hat weder die musikalische noch die künstlerische Tiefe. Wobei ich auch grundsätzlich bezweifle, dass heute solche Künstler wie Bowie überhaupt noch eine Chance hätten. In der Regel wählen die Plattenfirmen und der ganze Medienapparat dahinter doch nur noch Künstler aus, die in bestimmte Schubladen passen. Selbst wenn mal jemand etwas innovativer im musikalischen Bereich ist, so ist doch die Vermarktund in der Regel eine massenkombatiblen Standardvermarktung mit geplanten Provokationen, usw. Dazu kommt, dass der mediale Druck ungleich höher ist und jede Entgleisung, jedes Zucken usw. medial ausgeschlachtet wird. Das muss man erstmal ertragen. Auch wenn es schade ist, das Bowie sich zurückgezogen hat, so kann ich es sehr gut verstehen. Aber das was er gegeben hat, reicht eh für mehrere musikalische Leben. Und seine Platten bleiben zeitlos, etwas, was in den letzten 10-15 Jahren nur noch sehr wenige Künstler geschafft haben.
tgam 15.10.2010
4. STAGE Tournee 1976
Bowie trat mit "Station to Station" und seiner dazu passenden STAGE Tournee 1976 in der Frankfurter Messehalle auf, das war mein allererstes Konzert überhaupt; ich war zarte 15 Jahre alt, seitdem komplett und zunächst altersbedingt hingebungsvoll Fan. Diese unglaubliche Stimme, und bei allem Glamour auch diese faszinierende Intellektualität, kombiniert mit einem elitären Kunstanspruch, was ich schon seinerzeit meinte in Bowies Attitüde erkennen zu können, hat mich komplett beeindruckt und sicherlich auch meine Vorstellungen eine zeitlang geprägt. Bis heute bedeutet mir seine Musik bzw. meine Emfindungen dazu, und zwar eben ab "Station to Station", in gewisser Weise Identifikation und gleichermaßen innere Heimat. Heute, mit fast 50 Jahren, kann ich kaum glauben, dass das bereits solange zurück liegt, es ist mir nach wie vor so präsent: Bowies Musik ist und bleibt so überzeugend! Und, bei aller Kommerzailität, eben auch etwas einzigartiges. Das hat nicht nur mit Inszenierung zu tun.
Takeshibeat 15.10.2010
5. Alte Säcke, große Meister
'74 sah ich das erste Konzert. Bin seitdem bis vor einigen Jahren immer wieder zu seinen Konzerten gepilgert. Bowie war und ist ein Kind seiner Zeit. Neue Zeiten, neue Künstler. Sicherlich, seine Verkleidungskünste und Rollenwechsel mit den Karnevalskleidchen einer Lady Gagas zu vergleichen, funktioniert nicht wirklich. Aber letztendlich ist dies ein Zeichen, welche Kinder in der heutigen Zeit Furore machen, wenn sie der Paradiesvogelsparte angehören wollen. Natürlich gibt es immer wieder exzellente Musiker, doch für ein solches Urgewächs wie David Bowie gäbe ein Label oder irgendeine andere Art von Vertriebsplattform niemals mehr die benötigte Zeit(sprich Geld), um ein schillernder Baum zu werden. Man, waren das geile Zeiten, Golden years, Heroes, Station to Station live zu oder Ziggy mit Iggy auf einer Bühne rocken zu sehen. Schön, das ich schon so alt bin.
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