Piano-Legende Brubeck: Mr. Cool zieht in den Kalten Krieg

Von Hans Hielscher

Klar, wer den Namen Dave Brubeck hört, denkt an den Klassiker "Take Five". Doch der kürzlich verstorbene Jazzpianist machte nicht nur musikalisch Eindruck, sondern auch als Botschafter der Freiheit. Und zwar im Ostblock ebenso wie in den USA, wo er gegen die Rassentrennung antrat.

Dave Brubeck: Jazzen für die Freiheit Fotos
AP

1945 war Dave Brubeck als Soldat in Nürnberg stationiert. "Da probten wir mit einer Army-Band in einer Fabrik. Obwohl damals Fraternisierung verboten war, freundete ich mich mit einem Deutschen an. Er hieß Hans Hermann Flüger, war gerade 19 Jahre alt und hatte an der Ostfront ein Bein verloren. Auf seinen Krücken ist er kilometerweit gehumpelt, um unsere Musik zu hören. Das hat mich sehr berührt."

Dave Brubeck erzählte diese Geschichte Ende November 2000. In seinem Hotel in Mailand gab er damals dem SPIEGEL ein Interview, das zu seinem 80. Geburtstag erscheinen sollte. Dem Pianisten war nicht anzumerken, dass er gerade eine anstrengende Tournee absolvierte. Kraft und Spaß gebe ihm die tolle Resonanz beim Publikum, sagte Brubeck. Anfang des Monats verließ ihn diese Kraft: Am 5. Dezember starb Dave Brubeck.

Seine Musik bleibt, und auf dem Markt sind zum Glück noch diverse CDs und DVDs, darunter "Time Out", "Jazz goes to College" oder "Live at Carnegie Hall". Doch immer noch ist zu wenig wirklich bekannt über den Mann, der den Klassiker "Take Five" genial interpretierte.

Im damaligen SPIEGEL-Gespräch erzählte er bei Kaffee und Gebäck von seinem zweiten Aufenthalt in Deutschland, 1958. Brubeck kam mit seinem Quartett, seiner Frau Iola und seinen Söhnen Darius und Michael aus Skandinavien nach Berlin. In der noch nicht durch die Mauer getrennten Stadt besorgte er Transitvisa für die DDR sowie Visa für eine Tour nach Polen - und bestieg anschließend mit seinem Gefolge einen Zug nach Frankfurt am Main statt nach Frankfurt/Oder. Mitreisende erklärten den verwirrten Amis den Irrtum. Die verließen Hals über Kopf den Wagen und fanden schließlich die richtige Verbindung. An der polnischen Grenze erlebten die Amerikaner ein weiteres Problem.

Verwirrung um "Mr. Cool" aus Amerika

Beamte wollten die Papiere von "Mr. Cool" sehen, und es dauerte eine Weile, bis die Verwirrung aufgeklärt war. Die Grenzer hatte die Unterschrift zu einem Foto in einer Warschauer Zeitung wörtlich genommen und mussten erst begreifen, dass mit "Mr. Cool" Dave Brubeck gemeint war. Ansonsten aber kannten die Polen den US-amerikanischen Pianisten. Nach Jahren im Untergrund wurde Jazz unter der Gomulka-Regierung offiziell geduldet. Zwölf Konzerte wurden für Brubecks Quartett ein unvergessliches Erlebnis. Die Band spürte, dass die Begeisterung des Publikums nicht nur der Musik galt. Die Menschen feierten die Amerikaner auch als Gäste aus einer freieren Welt.

Brubecks Polen-Tour war vom US-Außenministerium finanziert worden. Der Pianist stand damit in einer Reihe mit Künstlern wie Louis Armstrong, Dizzy Gillespie, Benny Goodman und Duke Ellington, die im Ostblock und den neuen Staaten Asiens und Afrikas auftraten. Denn der Kalte Krieg war auch ein Wettkampf der Kulturen. Während die Sowjetunion das Bolschoi-Ballett und Virtuosen wie David Oistrach in die USA und die umworbenen Dritte-Welt-Länder schickte, punkteten die Amerikaner mit Jazzmusikern.

Junge Leute im Ostblock kannten diese Musiker schon vor ihren Gastspielen. Denn sie hörten im Radiosender "Voice of America" die nächtliche Jazzsendung "Music USA", die seit 1955 der Moderator Willis Connover präsentierte. "Die russischen Fans klangen alle wie Connover, wenn sie Englisch sprachen", fand Brubeck bei mehreren Touren in der UdSSR. Sein Quartett reiste zudem in die Türkei, nach Afghanistan, Pakistan, Indien und in weitere Länder.

In der Welt gefeiert, zu Hause zweite Klasse

Die aus schwarzen und weißen Musikern bestehenden Jazzbands gaukelten der Welt ein Bild von Harmonie vor, während in den US-Südstaaten immer noch Rassentrennung herrschte. Das bewegte vor allem die afroamerikanischen Künstler. Duke Ellington und Dizzy Gillespie nutzten die Tourneen, um zu Hause Bürgerrechte einzufordern. Und Louis "Satchmo" Armstrong weigerte sich, in die Sowjetunion zu reisen, als schwarzen Kindern in Little Rock/Arkansas der Zugang zu einer integrierten Schule verweigert wurde. Das schreckte die US-Regierung auf. Denn der Weltstar mit der Trompete wurde als "Ambassador Satch" geschätzt und galt als eine Art Wunderwaffe im Wettkampf der Systeme.

Wie zweifelhaft die PR-Offensive mittels Jazz war, wollte Brubeck der US-Öffentlichkeit vermitteln. Zusammen mit seiner Frau schrieb er ein satirisches Musical. "The Real Ambassadors" erzählt von Musikern, die in der Welt umjubelt werden, während sie zu Hause als Bürger zweiter Klasse gelten. Mit Louis Armstrong in der Hauptrolle wurde das Werk 1962 beim Festival in Monterrey/Kalifornien aufgeführt und vom Jazzpublikum beklatscht. Aber Armstrongs Manager Joe Glaser verhinderte, dass "The Real Ambassadors" ins Fernsehen kam; ebenso scheiterte der Plan, das Stück an den Broadway zu bringen. Immerhin wurde das kritische Werk als Schallplatte auf den Markt gebracht und 2009 als CD neu aufgelegt (Louis Armstrong, Dave Brubeck, Lambert, Hendrix & Ross: "The Real Ambassadors", CBS).

Brubeck kämpfte sein Leben lang für die Rechte der Afroamerikaner. So sagte er in den fünfziger Jahren 23 von 25 Konzerten in südlichen US-Colleges und Universitäten ab; die Veranstalter wollten, dass er Eugene Wright, den schwarzen Bassisten seines Quartetts, ersetzte. Brubeck reagierte deshalb gelassen, als ihm Miles Davis in seiner Autobiografie vorwarf, er und einige andere Weiße hätten den Jazz der Schwarzen nur geglättet und damit viel Geld verdient. Hatte Davis Recht?

"Der gute, alte Miles hat heute dieses und morgen jenes gesagt - auch über sich selbst", antwortete Brubeck 2000 im SPIEGEL-Interview. "Doch sehe ich natürlich die dominierende Rolle der Afroamerikaner in der Geschichte des Jazz. Ich selbst habe den Jazz immer auch als einen Ruf nach Freiheit verstanden."


CDs/DVDs:
Dave Brubeck: Time Out. Columbia Records; 2 CDs + DVD;
Dave Brubeck: Jazz Goes to College. Columbia Records;
Dave Brubeck: At Carnegie Hall. Sony; 2 CDs.

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