Abgehört 2016 - Teil 1 Das ist die wichtigste Musik des Jahres

David Bowie schuf sein Requiem, Beyoncé sang gegen Polizeigewalt und Rassismus - und Die Heiterkeit half, dass der deutsche Pop nicht an Gefühligkeit erstickte. Das sind die wichtigsten Alben des Jahres. Heute: Teil 1.

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A Tribe Called Quest - "We Got It From Here... Thank You 4 Your Service"
(Epic/Sony, erschienen im November)

Comebacks braucht die aktuelle Popmusik ungefähr so dringend wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen eine weitere skandinavische Krimireihe. Die Rockmusik hat sich inzwischen gut eingerichtet mit der dauerbleiernen Retro- und Revivalkultur: Ein Dinosaurier nach dem anderen kroch in den vergangenen Jahren aus der nur noch matt schimmernden Superstar-Glorie des 20. Jahrhunderts - und schickte sich an, die Kassen mit einer letzten, diesmal aber wirklich allerletzten Tournee zu füllen. Die Rolling Stones besannen sich dafür unlängst auf ihre Blues-Wurzeln, Guns N' Roses pfiffen gleich ganz auf neues Material, wahrscheinlich besser so.

Im Hip-Hop, dem jüngeren, der Evolution noch weitaus mehr verpflichteten Genre, spielen Comebacks keine große Rolle. Umso mehr überraschte im Herbst die zu Beginn der Neunziger erfolg- und einflussreiche New Yorker Gruppe A Tribe Called Quest mit der Ankündigung eines neuen Albums - dem ersten seit 18 Jahren, aber auch dem mutmaßlich letzten in der von langen Pausen durchzogenen Historie des Quartetts. Gründungsmitglied Phife Dawg war im Frühjahr, während die Produktion noch unvollendet war, an den Folgen seiner Diabetes-Erkrankung gestorben.

"We Got It From Here...… Thank You 4 Your Service" ist daher kein gewöhnliches, nostalgisch historisierendes Comeback-Album. Der Titel richtet sich an die Band selbst, Q-Tip, Jarobi White und DJ Ali Shaheed Mohammed, die verbliebenen Tribe-Mitglieder, übergeben das Staffelholz des sogenannten Conscious Rap, des politisch reflektierten, afrozentrischen und nach schwarzer Identität forschenden Hip-Hops, an ihre jungen Nachfolger, die gegenwärtig das Genre erneuern - einige von ihnen werden auf dem Album genannt oder haben Gastauftritte: Sie heißen J. Cole, Kendrick Lamar, Earl Sweatshirt und Joey Bada$$.

Der nächsten Generation gibt der Tribe mit dem späten Triumph (Nummer eins der Billboard-Charts) einige geradezu prophetische Verse und Flows mit auf den steinigen Weg durch den gesellschaftlichen Whitelash der US-Gesellschaft - bedenkt man, dass die meisten Tracks des Albums lange vor der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten geschrieben wurden.

Lakonisch beklagen sie in "The Space Program", dass schwarz zu sein in den USA immer noch bedeutet, den Griff nach den Sternen verwehrt zu bekommen. "We The People" mit seinem mächtigen Groove und bösartigen Refrain beschwört allerdings die Solidarität aller Minderheiten gegen Repression und Rassismus: "All you Black folks, you must go / All you Mexicans, you must go / And all / you poor folks, you must go / Muslims and gays, boy, we hate your ways".

Verknüpft damit ist die ermutigende Botschaft, ein besserer Mensch zu sein als die Unterdrücker - um die Spirale der Marginalisierung, die erst in Gewalt und dann in Gefängnissen endet, zu durchbrechen. Ein Comeback, ja, aber eines, das die teils hervorragenden, politisch reflektierenden Alben gegenwärtiger Rap-Künstler in diesem Jahr, darunter von Schoolboy Q, Danny Brown, Chance The Rapper oder Common, im Bewusstseins-Flow des Genres erdete und bestätigte. Das Timing hätte nicht besser sein können.

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Beyoncé - "Lemonade"
(Parkwood/Columbia/Sony, erschienen im April)

Das Popjahr 2016 wurde vor allem von starken Statements afroamerikanischer Künstler geprägt, eine Reaktion auf den gesellschaftlichen Rollback, die wachsende Polizeigewalt gegen Schwarze und den wieder alltäglich werdenden Rassismus. Eines der wirkmächtigsten und gleichzeitig künstlerisch vielschichtigsten kam von der R&B-Königin Beyoncé Knowles.

Nach ihrem fulminant-provokanten Auftritt in Black-Panther-Pose beim Super Bowl, bei dem sie vor allem ihre Geschlechtsgenossinnen aufforderte, sich für den kommenden Kulturkampf in "Formation" zu bringen, veröffentlichte sie Ende April unangekündigt ihr sechstes Album "Lemonade" samt eines einstündigen Films, der alle Songs miteinander zu einer Erzählung verband. Darin ging es, vordergründig, um den Kampf einer Frau um ihre kriselnde Ehe, mutmaßlich ihre eigene mit dem Rap-Superstar Jay-Z.

Verwoben sind die mal wütend-kämpferisch, dann wieder zutiefst verwundet klingenden Stücke jedoch mit einer Rückbesinnung auf Beyoncés Südstaatenherkunft.

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Wenn das Leben dir Zitronen beschert, mache Limonade draus: Aus dieser lakonischen Lebensweisheit ihrer Großmutter leitet die 35-jährige Sängerin eine beeindruckende, ästhetisch eigenwillige und umwerfende Meditation darüber ab, was es bedeutet und verlangt, eine selbstbestimmte schwarze Frau und Künstlerin zu sein, im Privaten wie im Politischen, in früherer wie in heutiger Zeit.

Unsere Original-Kritik können Sie hier nachlesen.

Andreas Borcholtes Top-Songs 2016 (International)
SPIEGEL ONLINE

1. The Weeknd: Starboy

2. Abra: Crybaby

3. Beyonce: Formation

4. Kanye West: Ultralight Beam

5. Solange: Cranes In The Sky

6. A Tribe Called Quest: We The People

7. Xenia Rubinos: Mexican Chef

8. David Bowie: Lazarus

9. Red Hot Chili Peppers: Dark Necessities

10. Sofi Tukker: Drinkee

11. Kiiara: Tennessee

12. Anohni: Drone Bomb Me

13. Kelsey Lu: Morning After Coffee

14. Wild Beasts: Big Cat

15. Tove Lo: Cool Girl

16. Angel Olsen: Shut Up Kiss Me

17. Blood Orange: Best In You

18. Anderson.Paak: The Season/ Carry Me

19. Danny Brown: Really Doe

20. Hannah Diamond: Hi


Die Heiterkeit - "Pop & Tod I+II"
(Buback/Indigo, erschienen im Juni)

Im deutschen Pop dominierte auch in diesem Jahr erneut der in gefühliger Nabelschau verseifende Befindlichkeitsschlager, wie er von Tim Bendzko, Clueso, Mark Forster ("Die Welt ist klein und wir sind groß"), aber auch von Veteranen wie Udo Lindenberg und gefeierten Newcomern wie AnnenMayKantereit gepflegt wird.

Gegen diese Dumpf- und Stumpfheit rebelliert ein kleiner aufrechter Haufen sehr guter Bands und Musiker, in diesem Jahr unter anderem Isolation Berlin, Trümmer oder Messer - und immer wieder natürlich auch die Band Tocotronic, von der es 2016 jedoch mal kein neues Album gab. Ihren Platz eroberte, Zeichen der Zeit, im Juni eine weiblich geprägte Gruppe, deren Name, Die Heiterkeit, immer schon eine lustvolle Verhöhnung ihrer selbst war. Niemand intoniert und betextet die allgemeine Tristesse und Bleiernheit der Dinge so klug und mit sonor vorgetragener Lakonie wie deren Sängerin Stella Sommer.

Für ihr episches, gut 70 Minuten langes Doppelalbum "Pop & Tod I+II" scharte die Bob-Dylan-Verehrerin aus Hamburg eine komplett neue Band-Besetzung um sich. Die verlieh dem auf den beiden zuvor erschienenen Alben stets etwas windschiefen Indierock der Heiterkeit einen neuen musikalischen Resonanzraum zwischen Jingle-Jangle-Pop und epischer Hymne, so dass sich Texte und Musik auf Augenhöhe in die Erhabenheit des Missmuts hineinsteigern können. Eine klirrende, weißkalte Messe für die miese Laune.

Es geht um den "Zwiespalt", die "Kälte" und "schlechte Vibes im Universum" auf dieser erstaunlichen Platte, die ihre künstlerische Ambition nicht nur behauptet, sondern auch mit wundervoll trägen Melodien oder traumhaft depressiven Gemütsbeschreibungen einlöst. Auch die euphorisch zum gravitätischen Lebenszentrum erhobene Melancholie von "Pop & Tod" ist eine Art Befindlichkeitspop. Aber einer, der sich nicht mittels Phrasen und Klischees vor der Wahrheit versteckt, sondern sie lustvoll beim Namen nennt und dann umarmt.

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Bon Iver - "22, A Million"
(Jagjaguwar, erschienen im September)

Weiße Rockmusik, so diagnostiziert es der Berliner Kritiker Jens Balzer in seinem im Sommer erschienenen Buch "Pop - Ein Panorama der Gegenwart", ist seit Beginn des neuen Jahrtausends zu einem jämmerlichen Häufchen verunsicherter, hinter Bärten und wimmernder Folkmusik verschanzter und verzagter Mannsbilder verkommen, die den starken Pop-Frauen rat- und mutlos das Feld überlassen. Über diese These wurde in der Szene gestritten, angesichts der in Retroseligkeit duselnden Rückzugsgefechte weißer Gitarrenmusiker von Dinosaur Jr. bis Iggy Pop kann es aber kaum Zweifel daran geben, dass die Innovation im Pop zurzeit eher weiblich und/oder afroamerikanisch geprägt ist.

Einer der wenigen weißen Männer, die den Anschluss an moderne Stile und Trends nicht verweigern, sondern sich ihrer furchtlos bemächtigen, ist der US-Musiker Justin Vernon alias Bon Iver. Der 35-Jährige aus Wisconsin, bärtig und in Truckdriver-Normcore gewandet, wurde zunächst als falsettelnder Folk-Einsiedler berühmt, befreundete sich dann jedoch mit Kanye West und anderen R&B-Größen.

Sein drittes Album "22, A Million" ist nun die Quintessenz aus diesen Soul-Erfahrungen und purem Americana, von Springsteen bis Waylon Jennings. Songstrukturen und Melodien überführt Vernon jedoch in einen fast durchgängig elektronischen, schwebend-fragmentierten Sound, über den er mit entrückter, modulierter und verfremdeter Stimme singt. Was und wovon? Das ist genauso verrätselt wie die Symbole und Zahlenreihen, die das Coverartwork und die Songtitel zu Chiffren machen. Deren Entschlüsselung, das ist das große Wunder dieser zugleich wohlig vertrauten und faszinierend fremdartigen Future-Rockmusik, gelingt nur im Ertasten und Erfühlen dieses fragil und zerbrechlich wirkenden Pop-Neulands.

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David Bowie - "Blackstar"
(Columbia/Sony, erschienen im Januar)

"Look up here, I'm in heaven / I've got scars that can't be seen / I've got drama, can't be stolen / Everybody knows me now": Diese Zeilen aus "Lazarus" klangen drei Tage nach ihrer Veröffentlichung am 8. Januar noch gespenstischer, denn sie wurden zum prophetischen, vorweg genommenen Requiem für David Bowie, der am 10. Januar dieses Jahres verstarb. "Blackstar" ist sein triumphales letztes Album, ein elegantes, tief berührendes künstlerisches Statement, das Bowie im Wissen um sein baldiges Ableben geschrieben und orchestriert hat. Im surrealen Videoclip zu "Lazarus" ist er als verhärmte Freak-Gestalt in einem Hospitalzimmer zu sehen, das aus einem Film von David Lynch entnommen sein könnte.

Der biblische Lazarus wurde vier Tage nach seinem Tod von Jesus zu neuem Leben erweckt und durch diese Auferstehung zum Mythos. Auch David Bowies lange Karriere, vom Folk-Balladier über Glamrocker Space-Alien und Berlin-Junkie zum Funk- und Soul-Bruder, Lounge Lizard und schließlich elder statesman des Avant-Pop, lässt sich wie eine Geschichte wiederholter Auferstehungen lesen. Und natürlich wusste Bowie genau, welcher Kondolenz- und Nostalgiesturm sich nach seinem Tod in Feuilletons, sozialen Medien bis in den Boulevard hinein entfachen würde - um ihn vom lebenden Mythos zur Legende zu machen.

Konsequenterweise inszenierte er "Blackstar" nicht als gefälliges Rockalbum wie das zuvor veröffentlichte Comeback-Werk "The Next Day". Stattdessen ließ er den New Yorker Saxophonisten Donny McCaslin ein Jazzensemble zusammenstellen, das den Sound des Albums in einen mitternächtlichen Swing versetzt, einen dunklen, mysteriösen Progrockvibe, der, analog zu den reflektierenden Songtexten, in der Vergangenheit nach Spuren und Vermächtnissen sucht, um sie ins Jenseits einer außerweltlichen Klangsphäre zu projizieren: The Man who fell to earth kehrt zurück ins samtschwarze All. Und bleibt dabei der vertraute Fremde, der er immer war: "I can't give everything away", seufzt er im gleichnamigen Song. Am Ende konnte er aber nie anders, als uns doch alles zu geben.

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Liebe Leser, das war natürlich noch nicht alles: Nächste Woche Dienstag folgt der zweite und letzte Teil der wichtigsten Platten des Jahres!

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Abgehört: Die wichtigste Musik der Woche


insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
team_frusciante 13.12.2016
1.
Warum ist ausgerechnet Bon Iver die Antithese zum "jämmerlichen Häufchen verunsicherter, hinter Bärten und wimmernder Folkmusik verschanzter und verzagter Mannsbilder", zu dem die "weiße Rockmusik" verkommen sein soll? Wenn es denn einen solchen Verfall geben soll (für jede Position lassen sich in der vielfältigen Musiklandschaft genug Beispiele finden), wäre Bon Iver doch wohl die Speerspitze dieser Entwicklung.
mischamai 13.12.2016
2. Geschmacksache
Musik ist fast immer Geschmacksache,ein paar wenige Stücke sind hörbar,aber viele Edelsteine die es wirklich einmal verdient hätten hat man wieder einmal ignoriert.
.patou 13.12.2016
3.
Meine Top 3 sind dieses Jahr Nick Cave, Get Well Soon und Gregory Porter. Gefolgt von PJ Harvey; Bon Iver und Frank Ocean. Und dann noch Rufus Wainwright, weil er sein Ding durchzieht. Und vielleicht die Last Shadow Puppets, obwohl mir das erste Album immer noch besser gefällt. Ob jetzt ausgerechnet Die Heiterkeit die Alternative zum Befindlichkeitsschlager ist, weiß ich ja nicht. Schon die Beschreibung (sonor und lakonische Vertextung der allgemeinen Tristesse und Bleiernheit) schreckt mich ziemlich ab. Aber ich kann auch mit Tocotronic nichts anfangen. Da liegt der Webfehler wahrscheinlich bei mir.
Horst-Güntherchen 13.12.2016
4. RHCP und Beyonce... ernsthaft?
Also von den Red Hot Chili Peppers war man durch die früheren Alben DEUTLICH Besseres gewohnt. Die aktuelle Platte (inklusive dem hier aufgeführten Titel) sind so nichtssagend, dass es schon wehtut. Zu Beyonce: Ich weiß, dass es heutzutage fast schon eine "Gotteslästerung" ist, aber das neue Album ist musikalisch schwach.
TS_Alien 13.12.2016
5.
Kein einziger Song aus dem Jahr 2016 wird es in meine Playlist schaffen. Wenn ich das mit den 80ern vergleiche, in denen es pro Jahr mindestens 10-20 Tophits und spätere Klassiker gegeben hat, wird mir wieder bewusst, wie schlecht die Charts geworden sind.
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