Video-Premiere und Album-Rezension David Bowie macht jetzt Jazz

Auf "Blackstar", seinem zweiten Album seit dem Comeback 2013, verweigert sich David Bowie dem Nostalgie-Impuls: Seine Musik ist fordernd, eigensinnig, überbordend. Die Bilder dazu gibt es bei der Video-Premiere zur neuen Single "Lazarus".

Jimmy King/ Sony Music

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Wer ist David Bowie? Diese Frage konnte schon die große Ausstellung nicht beantworten, die seit 2013 durch die Welt tourt, auch in Berlin Station machte und derzeit in Groningen zu sehenist. In ihrem Titel haben die Ausstellungsmacher eine Leerstelle gelassen: "David Bowie Is".

In all seinen Inkarnationen, als Ziggy Stardust, als Thin White Duke, in Berlin, als "Let's Dance"-Superstar, blieb David Bowie der ewig Ungreifbare. Und nun ist er in seiner neuesten Selbstverortung schon wieder eine Ecke weiter.

"I'm not a popstar" heißt es in der ersten Single aus seinem neuen Album, aber auch "I'm not a filmstar", "I'm not a gangstar", "I'm not a pornstar, I'm not a wandering star": Hier definiert sich einer darüber, was er alles nicht ist.

Was Bowie hingegen sein will, gibt dem Album gleich den Titel: ein "Blackstar". Da klingt zwar ein Hip-Hop-Projekt an, eine Gitarrenverstärkermarke und auch ein Anarchismus-Symbol - doch vor allem muss man sich unter diesem schwarzen Stern wohl so etwas Ähnliches wie ein Schwarzes Loch vorstellen. Es geht ums Verschwinden, wieder einmal.

David Bowie war 2004 verschwunden, von der Popbühne zumindest, als er sich nach einem Auftritt beim Hurricane-Festival einer Herzoperation unterziehen musste. Zu seinem 66. Geburtstag am 8. Januar 2013 kündigte er dann völlig überraschend ein neues Album an, "The Next Day"; nun erscheint erneut zum Geburtstag "Blackstar".

Doch ein Interview hat Bowie seit seiner Rückkehr in die Musikwelt noch nicht gegeben, und auch aufgetreten ist er nicht. Die Person bleibt verschwunden, David Bowie kommuniziert ausschließlich über sein Werk. Die Interpretation überlässt er seinem Publikum.

Künstlerischer Mehrwert im flüchtigen Medium

Und die ist gar nicht so ohne! "Blackstar", der Song, ist ein fast zehnminütiges Konstrukt aus verschiedenen lose verbundenen Teilen, die in sich wiederum vertrackt Jazz und Elektronik mischten, oder von freien Passagen ansatzlos in disziplinierten Funk wechseln.

Damit stellte Bowie zumindest schon einmal klar, dass sich sein neues Projekt weit weg bewegen wird von der Nostalgie, die die Comeback-Single "Where Are We Now?" umweht hatte, vom Zitieren des eigenen Kanons, das das dazugehörige Album "The Next Day" geprägt hatte. Hier will einer Neues wagen.

Im Video dazu - und Videoclips sind schon seit den Siebzigern integraler Bestandteil von Bowies Werk - tritt der Sänger als eine Art Prediger des Schwarzen Buches auf; zu sehen sind aber auch Männer an Astkreuzen, eine Frau mit Schwanz, ein kultischer Kreis um einen Diamantenschädel - und wieder Bowie, maskiert mit einer Gesichtsbandage, als Vortänzer einer Gruppe Zuckender.

Die Bandagenmaske, bei der zwei Knöpfe die Augen ersetzen, taucht auch bei "Lazarus" auf, dem zweiten Video aus dem Album, das SPIEGEL ONLINE hier als Deutschland-Premiere zeigt. Doch nun liegt ihr Träger, David Bowie, regungslos auf einem Krankenbett in einem gekachelten Raum - eine Frau, die einem Schrank entstiegen war, liegt darunter. Natürlich - man dachte es sich bei der Anspielung auf die biblische Figur im Titel - erwacht Bowie bald von den Toten, ohne Maske sieht man ihn am Pult mit dem Füller in der Hand, heftig schreibend. So symbolsatt wie bei Bowie waren Musikvideos seit den Achtzigern selten.

In ihrer Hochzeit illustrierten Videoclips ja nicht nur Songs und festigten das Image der Stars, sondern viele bemühten sich auch darum, dem flüchtigen Medium Pop eine Art künstlerischen Mehrwert beizufügen - auch wenn das von heute aus betrachtet manchmal unfreiwillig komisch wirkte.

Aber genau auf diesen künstlerischen Mehrwert im Medium Pop kam es dem einstigen Kunststudenten, dem ehemaligen Avantgarde-Theaterspieler, dem Sound-Innovator Bowie stets an - und das wiederum schätzen seine Bewunderer an ihm.

"Blackstar" fordert, belohnt aber auch

Auf dem am Freitag erscheinenden Album "Blackstar" dehnt Bowie die Grenzen des Mediums Pop allerdings weit aus: Seine wichtigsten musikalischen Begleiter darauf sind die Jazzmusiker um den Saxofonisten Donny McCaslin, zu dessen Solo dem Sänger schon einmal ein jubelndes "Woo!" entfährt. Ein Song wie "Sue (Or In A Season of Crime)" ist stellenweise purer Jazzrock, und in "Girl Loves Me" scheinen Bowie und seine Mitstreiter zwischen kinderliedartiger Melodie und schleppendem, elektronischem Beat zeitweise den Weg zu verlieren. Oder doch nur der Hörer?

Denn "Blackstar" fordert zwar gelegentlich beim Hören, belohnt aber auch immer wieder reichlich, mit strahlenden Keyboardmelodien zu wütenden, todessehnsüchtigen Worten ("Dollar Days"), mit Hip-Hop-Anklängen zu altenglischem Slang ("'Tis A Pity She Was A Whore"), mit einer rundum gelungenen Feier des Geheimnisbewahrens ("I Can't Give Everything Away").

Viel wurde in den Wochen vor Albumveröffentlichung darüber gesprochen, dass Bowies Stammproduzent Tony Visconti verraten hatte, wie sehr Bowie von Kendrick Lamars Album "To Pimp A Butterfly" begeistert gewesen sei. Nun kann man hören, dass Bowie auf ähnliche Weise wie Lamar Jazz einsetzt, intensiver nämlich als nur als Klangfarbe oder Sample, tief eingewoben in die Struktur der Musik.

Doch von der auch tagespolitischen Dringlichkeit eines Kendrick Lamar ist David Bowie dann doch weit entfernt. Hier ist einer, der macht, was er will, weil er noch was machen will. Geld braucht er nicht mehr, lästige Interviews, anstrengende Touren spart er sich. Lieber geht er in New Yorker Jazzclubs, spioniert die Band aus, mit der er aufnehmen will, lässt sich bei den Kompositionen und den Aufnahmen von seiner Neugier leiten.

Zwischendurch ist dann sogar noch Zeit für ein Off-Broadway-Musical, "Lazarus" betitelt wie der Albumtrack, es hatte im November im New York Theatre Workshop Premiere.

Wie oft hört man von einem "gelungenen Alterswerk" - doch was gemeint ist, ist oft eine abgedämpfte Version von dem, was den Künstler auf seinem Höhepunkt auszeichnete. Wenn nicht mal das gelingt, spricht man im Englischen vom "Has-Been", von einem Er-war-einmal. David Bowie hingegen ist noch ganz da, ganz gegenwärtig und voller neuer Ideen. Er mag vielleicht nicht über sich sprechen - aber zumindest das verrät sein neues Werk über ihn.

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rem023 07.01.2016
1. naja...
doch eher im Weichspülbereich zu verorten... Ich empfehle da eher das Solo-Album von Mark Hollis (ex-Talk-Talk) von 1998. Da klappt das mit dem Verschwinden auch besser :p
oneironaut 07.01.2016
2. Das ewige chameleon
Der Artikel gibt ja wenig Aufschluß über den Sound des neuen Outputs. Dass David Bowie Trendsetter war dürfte bekannt sein. Ich bin nicht gerade größter Fan, denn die letzten, eher ruhigen, poppigen Werke waren nicht so mein Ding. Aber wenn das Album wieder so psychedelisch klingt wie seine Neunziger Sachen, wäre ich schon begeistert.
TrupedoGlastic 07.01.2016
3. Roboreview?
Gibt es mittlerweile eigentlich Software, die Plattenkritiken selber schreibt, oder muss sich jemand immer noch die Mühe machen, und Phrasen und Gemeinplätze ("Hier will einer Neues wagen" - Jesus!) zusammenzuschrauben?
romeov 07.01.2016
4. Das ganze geht auch kürzer
...seit "Let's Dance" sucht Bowie einen Sound, den er immer noch nicht gefunden hat und das Video dazu ist genau so unnütz, wie all die kranken Videos, die in den 80ern produziert worden sind. Der Drumsound und der Gitarren-Sound sind digitaler Müll. Alles wie gehabt, er ist noch auf der Suche.
annunciataalmaut 07.01.2016
5. Parusie - Parodie
Zitat von rem023doch eher im Weichspülbereich zu verorten... Ich empfehle da eher das Solo-Album von Mark Hollis (ex-Talk-Talk) von 1998. Da klappt das mit dem Verschwinden auch besser :p
Hollis wollte wohl wirklich verschwinden. Das will Bowie niemals. Dieses ganze Kokettieren damit, ist lediglich Parusie des Stars. Und von der Parusie ist man ganz schnell bei der unfreiwilligen Parodie. Toll allerdings die Chorea Huntington Performance in Black Star und die Unheimlichkeit von Schränken/ Särgen. In Lazarus ist Heathen-Pop und mit viel, viel Wohlwollen ein Sweet thing in Spurenelementen. Na ja, es hätte ja auch weniger sein können.
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