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Zum Tode David Bowies: Wo er war, war vorn

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David Bowie: Sein Leben in Bildern Fotos
Getty Images

Seinen Status als Ikone erspielte sich David Bowie in mehr als 40 Jahren. Er verteidigte ihn bis zur letzten Sekunde.

Ein geschmackloses Gerücht. Das wird bei vielen Menschen an diesem Morgen die erste Reaktion gewesen sein, als sie hörten, dass David Bowie gestorben sein soll. Er gehört zu den wenigen Riesen, auf deren Schultern es sich inzwischen ganze Generationen bequem gemacht haben. Wo er ist, ist vorn. Ein Unsterblicher. Und jetzt soll der Speerspitze die Spitze abgebrochen sein? Lächerlich.

Seinen Status als Ikone der Avantgarde hat er sich nicht nur über einen Zeitraum von mehr als 40 Jahren erspielt. Er hat ihn, was noch seltener ist, auch bis zur letzten Sekunde verteidigt.

Kurioserweise gilt das auch, aber nur in zweiter Linie für seine Musik. Im Laufe seiner Karriere gab es kaum einen Trend, den David Bowie nicht wenigstens geprüft, manchmal für tauglich befunden und sich bestenfalls anverwandelt hatte. In erster Linie verdankt er seinen Status aber seiner Fähigkeit, sich auch als künstlerische Figur fortwährend neu zu erfinden.

Am Anfang speiste sich seine Arbeit noch aus folkigem Beat, bereits ergänzt um Elemente des Varieté. Den Beat ließ er bald zugunsten aufregenderer Stile fallen, dem Prinzip des Varieté ist er bis zuletzt treu gebleiben. Abwechslung, Änderung, Neuerfindung, "Changes" waren der rotierende Kern seines Schaffens.

Wenn er Neues machte, war das wichtig. Ein wenig wichtiger war aber immer, wie er dabei aussah.

"Space Oddity" verhallte weitgehend ungehört, als Bowie - damals noch ein Folksänger - das Stück 1969 erstmals präsentierte. Ein Hit wurde die Weltraumballade erst mit ihrer Wiederveröffentlichung 1973. Zu diesem Zeitpunkt hatte er an der Seite seines Freundes Mark Bolan bereits seine erste Glamrock-Phase durchlaufen und war in der Rolle des "Ziggy Stardust" angekommen. Und in New York, an dessen Kunstszene er immer interessiert bleiben würde.

"Ziggy Stardust"

Pop als Rollenspiel mag bekannt gewesen sein. Neu war, dass da ein Künstler diese Rolle so konsequent durchhielt. Zu einer Zeit, da Musiker auf der Bühne noch Leder oder Jeans zu tragen hatten, trat Bowie mit Federboa, futuristischen Kostümen, extravaganter Schminke und orangenen Haaren auf. Allein diese Wandlung wäre genug gewesen, und ein kleinerer Geist hätte diese Kunstfigur bis zur Rente durchgeritten. Zumal Bowie als Produzent nebenbei Lou Reed zu Lou Reed machte ("Transformers") und Iggy Pop zum Ruhm verhalf.

Aber kaum hatte das Publikum "Ziggy Stardust" geschluckt, kaum lag es ihm zu Füßen, kaum hatte es sein lässiges Bekenntnis zur Homosexualität als emanzipatorischen Akt verbucht - da war er auch schon weiter. Mitte der Siebzigerjahre reiste er ins damalige Zentrum der schwarzen Musik, nach Philadelphia, und etablierte auf "Young Americans" seinen ganz eigenen Soul.

In Los Angeles präsentierte er sich in seiner neuen Inkarnation als "Thin White Duke", dem es nie an Kokain fehlt und dem die Welt offensteht, ein auch in sexueller Hinsicht jetzt mehrdeutiger Dandy. Er spielte in "The Man Who Fell To Earth" seine erste Hauptrolle und in "Schöner Gigolo, armer Gigolo" an der Seite von Marlene Dietrich, Maria Schell und Curd Jürgens.

Da war Bowie bereits in das düstere Westberlin übergesiedelt, wo sein kalter Entzug von den Drogen und seine vielleicht wichtigste Phase begann. Er wohnte erst bei Edgar Froese von Tangerine Dream, später zusammen mit Iggy Pop und nahm mit Tony Visconti und Brian Eno eine ganze Reihe experimenteller Alben auf.

"Low" war in seiner Anlehnung an Can, Cluster oder Kraftwerk sein Meisterstück und markiert, zusammen "Heroes", Bowies künstlerischen Höhepunkt. Der Minimal-Music-Komponist Philip Glass komponierte Sinfonien auf Basis dieser Alben, und John Lennon bekundete in einem seiner letzten Interviews den Wunsch, ihm möge auch ein Wurf in der Qualität von "Heroes" gelingen.

Nicht nur hat er sich damals in Berlin neu erfunden. Er hat in gewisser Weise auch Berlin geprägt. Wenn der kulturelle und kaputte Urschlamm der Stadt wirklich ein idealer Humus für Kreativität ist, dann verdankt er seine wichtigsten Nährstoffe dem Umstand, dass schon ein David Bowie hier seine Wurzeln schlagen und gedeihen konnte.

Die Reinkarnation

Die Achtzigerjahre forderten auch von David Bowie insofern ihren Tribut, als er sich künstlerisch nicht weiter steigern konnte. Er spielte Theater, unter anderem Brecht. Und trat weiter in Filmen auf, unter anderem im Puppen-Fantasy-Spektakel "Labyrinth". Kommerziell hatte er mit einer entschlackten Reinkarnation seines früheren Philly-Sounds ("Let's Dance", "China Girl") oder Duetten mit Mick Jagger ("Dancing in the Streets") große Erfolge. Aber es war eben eine Reinkarnation, keine Inkarnation. Verwertung und Verwaltung von Bestehendem, nichts Neues.

Mit dem Rockprojekt Tin Machine verabschiedete David Bowie sich gerade noch rechtzeitig mit Anstand aus diesem eher ziellosen Jahrzehnt. In den Neunzigerjahren versuchte er sich zusammen mit Brian Eno an einem Konzeptalbum ("Outside"), der Drum'n'Bass auf "Earthling" zeigte ihn immerhin auf der Höhe der damaligen musikalischen Entwicklung - wenn auch dieser Entwicklung nicht mehr als Taktgeber voraus.

Überraschen konnte er dafür auf einem völlig anderen Feld, als er sich 1997 in eine Aktiengesellschaft verwandelte. Die "Bowie Bonds" sind Anleihen, die mit den Lizenzeinnahmen aus rund 300 seiner alten Songs gesichert waren und dem Künstler auf einen Schlag 55 Millionen Dollar einbrachten. Kurz darauf bot er sein Album "Hours …" zum Download an und äußerte die seltsame Ansicht, dem Internet gehöre die Zukunft.

Zwar spielte er mit Tony Visconti 2002 noch einmal ein gediegenes Album ein ("Heathen"), bei dessen Präsentation der starke Raucher 2003 einen leichten Herzinfarkt erlitt. Zuletzt hatte man sich daran gewöhnt, in Bowie einen Doyen der Popkultur zu sehen. Es folgten zehn Jahre, in denen jede Erkundigung nach neuem Material von seinem Management mit einer deprimierenden Auskunft beantwortet wurde: "Mister Bowie ist nicht mehr an Musik interessiert."

Als Freund der Künste wurde er dabei immer wieder auf Vernissagen, Modeschauen oder Konzerten gesichtet. Als Arcade Fire oder TV On The Radio noch frisch waren, stand Bowie im Publikum. Wo er war, war noch immer vorn.

Umso größer die Überraschung, als Bowie 2013 mit "The Next Day" ein respektables Comeback gelang - zumal die Single "Where Are We Now" als melancholische Reminiszenz an alte Berliner Tage zu hören ist. Für jeden anderen Künstler wäre ein solches Album ein würdevoller Schlusspunkt einer legendären Karriere gewesen.

Den setzte David Bowie, eben kein Künstler wie jeder andere, dann doch ganz anders - mit einem Donnerschlag. "Blackstar" ist am 8. Januar erschienen und eine Sensation. Es klingt wagemutig und bizarr, als wären darin alle bisherigen Schaffensphasen von David Bowie eingefaltet. Nicht würdig, sondern wagemutig. Es klingt, als würde ein 69-Jähriger noch einmal richtig Anlauf nehmen. Aber wofür?

Inzwischen wissen wir es. Dass David Bowie gestorben sein soll, ist wirklich ein geschmackloses Gerücht. Tatsächlich hat er sich auf den Weg zurück zu seinem Heimatplaneten gemacht. Er hat wohl einfach angefangen, sich hier unten zu langweilen.

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insgesamt 39 Beiträge
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1.
l.schmidt 11.01.2016
Bowie ist nicht tot. Er ist lediglich zu seinem Heimatplaneten aufgebrochen. Gute Reise, war schön mit Dir!
2. Danke
NochNeBesserwisserin 11.01.2016
für diesen wunderbaren Artikel!
3. Ebenso
paulvernica 11.01.2016
Alles Gute ich habe deine Musik immer gemocht.
4. Gibt es auf diesem Planeten...
majestic12 11.01.2016
... eigentlich irgendeinen Menschen, der nicht wenigstens einen Song von Bowie total geil findet? Solche Musiker wie er werden einfach nicht mehr gebaut, da kann man schon mal Depressionen bekommen, wenn man in die Charts schaut. Bowie war nicht zuletzt meine Rückversicherung gegen die Midlife Crisis - jedes mal, wenn ich fachte: Boah, bin ich ein alter Sack, dachte ich an Bowie und wusste - Coolness und Genialität hat kein Alter. Aber leider ein Ende. R.I.P.
5. Schaut bitte mal
markusib 11.01.2016
Wann ihr das vorletzte mal über Bowie was geschrieben habt. Und kaum ist er tot, ist er Spon was wert? Das finde ich doch sehr traurig.
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