Neues Album von David Byrne Wie ein Glas O-Saft am Morgen

Tanzen und sich ins Tier hineinversetzen: Post-Punk-Altmeister David Byrne kontert die politisch finsteren Zeiten auf seinem erfrischenden neuen Album "American Utopia" mit Klub-Sounds und Naivität.

Jody Rogac/ Warner Music

Von


Dass Elefanten keine Zeitung lesen, war klar, aber wussten Sie, dass der Kuss eines Hühnchens heiß ist? "And the kiss of a chicken is hot", singt David Byrne in "Every Day Is A Miracle" von seinem neuen Album. Man muss sich Byrne, 65, als glücklichen Menschen vorstellen. Morgens, so liest man, widmet er sich in seinem New Yorker Apartment gerne im Bett der News-Lektüre auf Papier und nippt dabei an einem Glas Orangensaft.

Was ihm dabei über den Zustand der Welt durch den Kopf geistert, findet sich nun auf seinem ersten Soloalbum seit 2004 wieder: "American Utopia" heißt es, gar nicht so ironisch, wie man denken könnte. Parallel zur Veröffentlichung tourt Byrne mit seiner Vortragsreihe "Reasons to be cheerful" durch die Welt, die der politischen Finsternis dieser Zeit mit guten Nachrichten begegnet und den Blick dorthin lenken will, wo positive, konstruktive Dinge passieren.

Byrne, ehemals Sänger der Post-Punk- oder Kunstpop-Band Talking Heads (1975 - 1991), gehört zur global bekannten musikalischen Intelligenzija, ein kluger, gebildeter, weißer (und inzwischen weißhaariger) Mann, der einst ein Weltmusik-Label gründete, auf dem er lateinamerikanische und fernöstliche Künstler veröffentlichte. Mit Fatboy Slim schrieb der gebürtige Schotte ein Disco-Musical über Imelda Marcos' wilde Partynächte im Studio 54, er ist am Theater ebenso zuhause wie in der Kunstgalerie, wo er gerne eigene Zeichnungen ausstellt. Talking-Heads-Songs wie "Burning Down The House" oder "This Must Be The Place" gehören zum Popkultur-Erbe des 20. Jahrhunderts.

Man schaut, oder hört, also hin, wenn dieser Mann etwas veröffentlicht. Weil man sich von Künstlern dieser Kategorie Antworten erhofft, zumindest Inspiration. Und David Byrne, der sich selbst ein latentes Asperger-Syndrom diagnostiziert? Erzählt uns etwas über Hühnchenküsse, die "hot" sind und Himmel voller Hähne und Körner, über Hunde, denen der Papst egal ist, der Präsident sowieso ("Dog's Mind"), über "the dick of a donkey and a pig in a blanket". Und appelliert an uns, dass wir jeden Tag auf der "Road to Nowhere" unserer Existenz, die er vor 30 Jahren einmal besang, wie ein Wunder begreifen sollen. Ist das noch naiv oder schon ganz schön frech?

Weder noch: "American Utopia" ist ein offenherziges Pop-Experiment, auf das man sich einlassen können muss. "Aus der Sicht von Hühnern, Schweinen und Eseln ist die Welt noch mal ein anderer Ort!", sagte Byrne neulich in einem Interview. Es geht ihm also darum, die richtigen und wichtigen Fragen über den Zustand der Welt zu stellen, aber bei der Suche nach Antworten nicht in Wut und Frustration zu verfallen.

Fotostrecke

6  Bilder
David Byrne: Tanz die Sorgen einfach weg!

"Wir gucken uns um, sehen die Welt, die wir geschaffen haben und fragen uns: Muss das alles so sein, geht es vielleicht auch anders?", schreibt Byrne in einem Begleittext zum Album - und erinnert daran, dass die amerikanische Idee, wenngleich, wie er einräumt, beschattet durch Sklaverei, Genozid und Machtsucht weißer Männer, schon immer eine des Erneuerns, eines anderen Wegs gewesen sei. Eine vor allem in jüngster Zeit verwelkte Utopie, die er mit seinem Album gerne aufblühen lassen möchte. In seinen Vorträgen erzählt der passionierte Fahrradfahrer von visionären Verkehrsprojekten in Bogotá oder Bibliotheken in Rios Favelas, optimistisch stimmende Geschichten über kleine Gewerke der Gesundung in einem System, das auch er als kränklich wahrnimmt.

Byrne glaubt an die Fähigkeit von Musik, Emotionen freizulegen. Um diesen Prozess mit seinen Songs zu optimieren, studierte er in den vergangenen Jahren einerseits klassisches Melodie-Handwerk von Beach Boys bis zu Lennon/McCartney, andererseits beschäftigte er sich schon in den Siebzigern, ebenso wie sein Freund, Produzent und Co-Songwriter Brian Eno, mit Systemtheorie und Kybernetik.

Die Erkenntnis, dass man Musik wie eine Maschine designen kann, führte dazu, dass die kompositorischen Grundmuster der Musik auf "American Utopia" auf Algorithmen basieren, die Eno laut Byrne mit einem Randomisierungsprozess menschlicher, sprich: authentischer wirken ließ - wie auch immer man sich das vorzustellen hat. Instrumentiert wurden die von einem erlesenen Kreis von 25 Musikern aus dem elektronischen Spektrum, von Daniel Lopatin (Oneohtrix Point Never) über Happa und Koreless bis hin zu Post-R&B-Sänger Sampha und Songwriter Jack Peñate.

Erst spät merkte Byrne, der vor einigen Jahren ein schönes Album mit der Musikerin St. Vincent aufnahm, dass an seinem kollaborativen, ethnisch und stilistisch diversen Werk keine einzige Frau beteiligt ist; ein Umstand, für den er sich prompt am Welttag der Frau mit einem Instagram-Statement entschuldigte. "It's ridiculous, it's not who I am and it certainly doesn't match how I've worked in the past", schrieb er und beteuerte, die fehlende Repräsentation weiblicher Künstler in der Pop-Industrie als Problem wahrzunehmen. Schön, wie die Kunst das Leben spiegelt: Von der Unmöglichkeit, alles richtig zu machen, auch wenn man glaubt, man hat alles bedacht, genau davon handelt auch Byrnes Song "Doing The Right Thing".

Die futuristisch und avanciert klingenden Klub-Sounds und Rhythmen seiner Musiker, oft karibisch oder afrikanisch beschwingt, besingt Byrne mit seiner hysterischen, Vokale dehnenden Krähstimme, was bei älteren Hörern sogleich einen wohligen Effekt der Vertrautheit auslöst. Der fröhliche Armutsreport "Gasoline And Dirty Sheets" könnte auch vom letzten Talking-Heads-Album "Naked" stammen; das repetitiv pulsierende "Everybody's Coming To My House" erinnert allerdings schon eher an LCD Soundsystem, wobei die Frage bleibt, wer da wann wen beeinflusst hat.

Trotz der verkopft und topical daher kommenden Anordnung des Albums wirkt "American Utopia" mit seinen pfiffigen Aphorismen ("There's only one way to smell a flower/ But there's millions of ways to be free") und tierischen Parabeln nie abgehoben, sondern zutiefst emphatisch - und an manchen gelungenen Stellen so belebend wie jenes morgendliche Glas O-Saft, mit dem es sich gleich leichter in den Alltag starten lässt, egal wie belastend die Nachrichten wieder waren.

Das oft vergebliche Streben nach dem amerikanischen Glück, das er einst, in "Once In A Lifetime" sarkastisch als Streben nach dem großen Auto, der hübschen Ehefrau und dem schönen Haus zeichnete, beschreibt Byrne heute in "Dance Like This" hoffnungsfroh als Tanz, den jeder halt so gut hinhampelt, wie er kann. Auch wenn Schulden, Familien-Trouble, Karrieresorgen drücken oder einfach nur das ganze verschissene Dasein: "If we could dance better/ Well, you know that we would".


David Byrne: "American Utopia" ist am 9. März bei Nonesuch/Warner erschienen



insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
thewestisthebest 09.03.2018
1. träume
das erstaunliche ist doch, das es dieser amerikanische traum ist an dem man sich abarbeiten kann, den man kritisieren kann, den man lächerlich machen kann, aber es gibt keinen anderen. es gibt keinen deutschen traum noch gibt es einen chinesischen, es gibt nur diesen amerikanischen traum der besagt jeder kann werden was er will, wenn er denn will. alle anderen träume lösen sich ganz schnell in albträume auf.
carinanavis 09.03.2018
2. bemerkenswert
das Byrne in diesem Alter noch so frisch/jugendlich klingt und seine Kreativität bewahrt hat. Im Zusammenhang mit den Talking Heads nur das Genre "Post-punk" oder "Kunst/Art-Pop" zu nennen ist aber ziemlich daneben. Die Band und David Byrne gehörten zu DEN wegweisenden New Wave-Musikern der späten 70er und 80er Jahre. Es gibt im Grunde keinerlei Punkelemente in deren Musik, eher noch Funk und Rhythm&Blues und manches andere. Die Nähe zum Punk liegt bestenfalls in frühen Auftritten des Vorprogramms der Ramones.
albertaugustin 09.03.2018
3. Man sollte am Morgen
ohnehin keinen Orangensaft trinken, fast alle diese Säfte sind entweder "gepanscht" oder rückverdünntes Konzentrat.
carinanavis 09.03.2018
4. amerika
Zitat von thewestisthebestdas erstaunliche ist doch, das es dieser amerikanische traum ist an dem man sich abarbeiten kann, den man kritisieren kann, den man lächerlich machen kann, aber es gibt keinen anderen. es gibt keinen deutschen traum noch gibt es einen chinesischen, es gibt nur diesen amerikanischen traum der besagt jeder kann werden was er will, wenn er denn will. alle anderen träume lösen sich ganz schnell in albträume auf.
ist und war ein Alptraum für viele Millionen Menschen, angefangen mit der Ausrottung der Indianer und Jahrhunderte dauernden Versklavung und Entrechtung der Schwarzen. Wenn man die soziale Ungerechtigkeit von heute sieht und die vielen Kriege die die USA führen, ist Deutschland ein Paradies dagegen. Man kann halt auch ganz naiv nur die schöne Seite Amerikas angucken (die es auch gibt). David Byrne let auf der Sonnenseite des Lebens, dennoch ist er kein naiver Propagandist des verlogenen "amerikanischen Traums" wie etwa ein Trump.
trashschollie 09.03.2018
5. Punkvergangenheit? In zehn kalten Wintern nicht.
Recht langweilig was der ehemalige Frontman der Talking Heads da abliefert. Der Schwung ist dahin. Aber gut, das bringt das Alter so mit sich.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.