Albumstream David Lynch: Ein irrer Alptraum, dieser Blues

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Nighthawks und Nichtsnutze, Femmes fatales und Verlierertypen: US-Regisseur David Lynch ist nicht nur der Meister des Kino-Surrealismus, er schreibt auch faszinierend-verstörende Blues-Lieder über Figuren aus dem Noir-Kosmos. Wir haben sein neues Album "The Big Dream" als Komplettstream.

"The Big Dream": David Lynchs Psycho-Blues Fotos
Lykke Li

Er liebe es, durch die Straßen von L.A. zu fahren, sagte David Lynch einmal, vor allem nachts: "Es weht der Wind der großen Zeit des Silver Screen". Hollywoods schwarze Serie der Nachkriegszeit, die lasziv-zweideutigen Sex-Grooves des frühen Rock'n'Rolls und des monotonen, elliptischen Blues, all das sind Elemente, die sich immer und immer wieder in Lynchs Filmen fanden.

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2006 brachte der Surrealist mit "Inland Empire" sein bisher letztes Werk in die Kinos, seitdem sucht der Regisseur und Multimedia-Künstler zum einen intensiv nach spiritueller Erleuchtung mittels transzendentaler Meditation; zum anderen experimentiert er mit der auralen Umsetzung seiner cineastischen Visionen. Mit "The Big Dream" erscheint nun am Freitag sein zweites Album, der Nachfolger des von der Kritik gefeierten Debüts "Crazy Clown Time" von 2011.

"Ich fühle mich ein bisschen sicherer, und die Songs fühlen sich kompakter an", sagte der 67-Jährige dem Branchenblatt "Billboard", seine Musik beschreibt er als "modernen Blues". Tatsächlich ist der Stil von "The Big Dream" geschlossener als der schrullige, in vielerlei Richtung tastende Vorgänger. Lynch, der erneut zusammen mit seinem Sound-Ingenieur Big Dean Hurley im eigenen Asymmetrical Studio aufnahm, erweist sich als versierterer, selbstsicherer Musiker und Sänger, auch wenn er seinen brüchigen Sprechgesang noch immer verzerren, verhallen und verfremden lässt.

Psycho-Blues der Obsessionen

Durch die zwölf Blues-Stücke des Albums, allesamt mit elektronischen Beats, klirrender Reverb-Gitarre und irrlichternden Geräuschen zu einer Art Americana-TripHop mutiert, geistern die zwielichtigen Gestalten, die man womöglich noch immer am Straßenrand beobachten kann, wenn man durch die milde Nachtluft von Los Angeles driftet: Die Femme fatale aus "Star Dream Girl", der romantische Lebemann aus "The Big Dream", der alles für die Liebe opfern würde, der sanfte Psychopath aus "Say It", die sympathischen Antihelden und Nighthawks aus "Last Call" und "I Want You", die einem Traum hinterherjagen, von dem sie schon ahnen, dass er sich nicht erfüllen wird. Es sind jene schattenhaften, von Mystik umwehten Figuren, die auch die Gemälde Edward Hoppers bevölkern, eines der großen Vorbilder Lynchs.

Der Blues als Blueprint, das passt auch zum visuellen Schaffen Lynchs, der seine impressionistischen Filme stets um Obsessive, Getriebene und Verlorene herumgeschrieben hat. Das Motiv der Reise, auf einem Highway ins Nirgendwo oder durch die moralischen Abgründe einer vordergründig beschaulichen Kleinstadt ("Blue Velvet"), das Ringen mit dem Teufel oder der dämonischen Schönheit einer geheimnisvollen Frau, die brüchige Grenze zwischen Wahn und Wahrheit, all das findet sich, im Text oder musikalischem Subtext, auch in Lynchs elektrifiziertem Psycho-Blues wieder.

Auf den Punkt bringt das die einzige Cover-Version des Albums, Bob Dylans "The Ballad Of Hollis Brown" in der von Nina Simone gesungenen Variante: "Your brain is a-bleedin'/ And your legs can't seem to stand/ Your eyes fix on the shotgun/ That you're holdin' in your hand", heißt es in der Ballade über einen verzweifelten Familienvater in Geldnöten, der Gewalt als letzte Lösung sieht. Lynch kann sie nicht so poetisch erzählen wie Dylan, aber auch seine Geschichten sind solche Legenden vom bitter gewordenen American Dream.

Und am Ende, wenn sich die derart Geschundenen an den Crossroads mühsam für eine Richtung entschieden haben, Himmel oder Hölle, dann wartet vielleicht doch noch ein Engel auf sie. Auf "Insane Clown Posse" war es Gastsängerin Karen O, auf "The Big Dream" singt nun die dauermelancholische Schwedin Lykke Li mit heller, entrückter Stimme den Bonustrack "I'm Waiting Here" - ein Nachhall von Julee Cruises "Twin Peaks"-Hymne "Falling".

An einem neuen Filmprojekt arbeitet David Lynch zurzeit nicht, heißt es. Macht nichts, als Musiker läuft dieser eigensinnige Allround-Künstler gerade zu ungeahnter Hochform auf.

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insgesamt 18 Beiträge
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1. das
ambulans 08.07.2013
gabs alles schon, sehr viel interessanter, vor gut vierzig! jahren: the residents aus san francisco/ca
2.
mcx 08.07.2013
Zitat von ambulansgabs alles schon, sehr viel interessanter, vor gut vierzig! jahren: the residents aus san francisco/ca
Die Residents waren mir immer etwas zu prätentios und verschwurbelt, für mich gibt es aus der Zeit interessantere Avantgarde. Sicher erfindet Lynch das Rad hier nicht neu, aber ich mag den verfremdeten Blues-Sound.
3.
tetaro 08.07.2013
Zitat von sysopLykke LiNighthawks und Nichtsnutze, Femme fatales und Verlierertypen: US-Regisseur David Lynch ist nicht nur der Meister des Kino-Surrealismus, er schreibt auch faszinierend-verstörende Blues-Lieder über Figuren aus dem Noir-Kosmos. Wir haben sein neues Album "The Big Dream" als Komplettstream. http://www.spiegel.de/kultur/musik/david-lynch-neues-album-the-big-dream-als-stream-a-909980.html
Oha, der Sommer ist gerettet. Ich hatte schon befürchtet, mich mit sonnigen Gefühlen herumärgern zu müssen.
4. Nette Musik
hundotto 08.07.2013
Aber was hat das bitte mit Blues Musik zu tun?
5.
mcx 08.07.2013
Zitat von hundottoAber was hat das bitte mit Blues Musik zu tun?
Ernstgemeinte Frage? Die Gitarren-Riffs, Rhythmen und Harmonien stammen alle aus dem Blues. Erinnert extrem an den North Hill Country Blues von Junior Kimbrough, oder Robert L. Burnside (nicht nur an dessen Album mit den elektronischen Spielereien).
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