DDR-Jazzgeschichte: Halblegale Schachzüge im Spreewald

Von Hans Hielscher

Mal verboten, mal geduldet, mal gefördert. Jazz war den DDR-Funktionären unheimlich - und faszinierte genau deshalb viele Jugendliche. Zwei neue Bücher erzählen vom wichtigsten Jazz-Fan und dem kuriosesten Jazz-Event im untergegangenen ostdeutschen Staat.

Jazzgeschichte: Woodstock im Spreewald Fotos
Archiv K. Drechsel

"Conferencier f. Jazz auf dem Fachgebiet Vortragskünstler" stand im Berufsausweis des schlanken Mannes, der das Albert Mangelsdorff-Quintett 1964 auf seiner sensationellen DDR-Tournee begleitete: Karlheinz Drechsel hatte die Aufgabe, die Band anzusagen. Das Publikum feierte die Musiker aus dem Westen; die schätzten ihren jazzkompetenten Ost-Moderator. Dem Saxofonisten Heinz Sauer erschien Drechsel in seinem "missionarischen Eifer... wie der Berendt der DDR".

Sauers Text findet sich im Buch "Zwischen den Strömungen - Mein Leben mit dem Jazz". Darin erzählt der 80-jährige Karlheinz Drechsel seinem Sohn Ulf in ausgedehnten Interviews seine Geschichte. Sie ist untrennbar mit der Geschichte des Jazz in der DDR verbunden und wird deshalb immer wieder mit dem Wirken von Joachim-Ernst Berendt in der Bundesrepublik verglichen.

Es gibt Parallelen. Doch anders als der 2000 verstorbene westliche Jazz-Papst agierte der östliche Jazz-Verkünder auf gefährlichem Terrain. Denn die aus den USA stammende Musik wurde immer mal wieder mit dem Klassenfeind in Verbindung gebracht. Deshalb hatte die Stasi den umtriebigen Drechsel ununterbrochen im Visier. Aber auch der BND interessierte sich für den Ostler mit den intensiven West-Kontakten. Drechsel kümmerte sich um die in der DDR gastierenden Jazz-Stars bis hin zu Louis Armstrong; er bezog Platten aus dem kapitalistischen Ausland, durfte in die Bundesrepublik und einmal sogar in die USA reisen. Das machte ihn auch bei regimekritischen Landsleuten verdächtig. Wer war der Mann, den viele Dr. Jazz nannten?

Karlheinz Drechsel wurde 1930 in Dresden geboren; er erinnert sich an die Pogromnacht 1938 und den verheerenden Luftangriff auf die Stadt an der Elbe im Februar 1945.

Zum Jazz-Fan machte ihn schon in der Nazi-Zeit sein älterer Bruder, der Swing-Platten sammelte. Als der junge Karlheinz die Scheiben in der Schule auf dem Koffergrammofon spielte, erlebte er zum ersten Mal Ärger wegen der Musik. Ein Mann in SA-Uniform beendete die Session und zerbrach die Schellackplatten. Diktaturen hassen Jazz.

40 Jahre im Minenfeld der DDR-Politik

Nach dem Krieg, als Gymnasiast und während seiner Ausbildung beim Rundfunk, spielte Drechsel Schlagzeug in Dixieland-Bands. Dann arbeitete der Dresdner als Regisseur für Wortsendungen in Berlin. Doch Jazz bestimmte sein Leben. Drechsel hielt Vorträge, gründete Clubs, organisierte Konzerte und schrieb Artikel und Bücher. DDR-weit populär wurde er vor allem durch seine Radioprogramme. Bei all seinen Aktivitäten navigierte Drechsel 40 Jahre lang mit Geschick und Glück im Minenfeld der mal liberaleren, mal orthodoxen Kulturpolitik. Reginald Rudorf, sein Leipziger Rivale aus frühen Jahren, agitierte dagegen gleichzeitig für den Jazz und gegen die DDR-Führung - und landete 1957 im Zuchthaus Waldheim. "Wir waren alle irgendwie Rebellen", sagt Drechsel, "nur mit unterschiedlichen Ansichten hinsichtlich der Vorgehensweise."

Der Satz offenbart die Schwäche des Buchs. Jazz-Veteran Drechsel erzählt sein faszinierendes Leben weitgehend in Bürokratendeutsch. Und Junior Ulf, bewährter Jazz-Redakteur beim Rundfunk Berlin-Brandenburg, hat die Gespräche mit seinem Vater nicht genügend gestrafft und redigiert. Schade.

Mehr Lesevergnügen bringt "Woodstock am Karpfenteich - Die Jazzwerkstatt Peitz". Herausgeber Ulli Blobel, der von 1973 bis 1982 in der tiefsten DDR-Provinz Jazz-Festivals organisierte, bat Zeitzeugen, ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Musiker wie der Saxofonist Ernst-Ludwig Petrowsky und der Schlagzeuger Günter "Baby" Sommer sowie Jazz-Publizisten wie Bert Noglik und Wolf Kampmann lieferten Beiträge. Sie schildern, wie Blobel und sein Kumpel Peter Metag als Veranstalter "souverän auf der Klaviatur zwischen staatlichen Vorgaben, halblegalen Schachzügen und örtlichen Freiräumen" spielten (Noglik).

Blobel und Metag brachten die weltweite Free-Jazz-Elite in den Spreewald. Mit Rücksicht auf die Staatsdoktrin mussten sie aber darauf achten, dass sich bei Sessions und Workshops keine gesamtdeutschen Bands bildeten. Soll heißen: Wenn Baby Sommer (DDR) mit dem Bassisten Peter Kowald (BRD) auftrat, musste auch ein Ausländer mitspielen - etwa der amerikanische Trompeter Wadada Leo Smith. So entstand das Trio Chicago/Wuppertal/Dresden, das nach Peitz erfolgreich durch die DDR tingelte. Musiker liebten das Festival am Karpfenteich; DDR-Jugendliche hatten Schlüsselerlebnisse. "Der Jazz war zu meiner Welt geworden", erinnert sich Wolf Kampmann, "nicht etwa, weil mir die Musik so gut gefallen hätte, sondern weil das Erlebnis Peitz von einer Offenheit und Freiheit kündete, die ich nie wieder missen wollte."


Karlheinz Drechsel und Ulf Drechsel: Zwischen den Strömungen - Mein Leben mit dem Jazz. Greifenverlag, Rudolstadt & Berlin; 352 Seiten; 24,90 Euro.

Ulli Blobel (Hg.): Woodstock am Karpfenteich - Die Jazzwerkstatt Peitz. Bundeszentrale für politische Bildung; 208 Seiten; 19,90 Euro.

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insgesamt 72 Beiträge
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1. Amateur-Jazzer
Berg 25.06.2011
Zitat von sysopMal verboten, mal geduldet, mal gefördert. Jazz war den DDR-Funktionären unheimlich - und faszinierte genau deshalb viele Jugendliche. Zwei neue Bücher erzählen vom wichtigsten Jazz-Fan und dem kuriosesten Jazz-Event im untergegangenen ostdeutschen Staat. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,769843,00.html
Es soll seinerzeit ca 5000 Berufsbands und ebensoviele Amateurbands in der DDR gegeben haben. Von vielen wurden die gängigen Jazztitel zu Tanzabenden einfach so über die Bühnenrampe gebracht, ohne viel Aufhebens. Auch Amateur-Jazzer swingten und improvisierten munter in jeden Tanzschlager hinein. Und die Jazz-Titel Take the A-Train, Blue Moon, Honeysuckle Rose, Undecided u.v.a. gehörten jeden Abend dazu. Hier der Link zu unserem Repertoire 1961: http://www.arnold-dresden.de/1961-03-Hauschild%20Repertoire.jpg
2. Das erinnert mich an meine Grundschulzeit
hauptkommissartauber 25.06.2011
Ich wurde 1988 in der DDR eingeschult. Ich kann mich noch gut erinnern, wie die Lehrerin indokrtinierend auf uns einwirkte und schlecht vom Jazz geredet hatte. Welchen anderen Zweck als Indokrination soll denn das gehabt haben? Heute höre ich sehr viel Jazz.
3. *
dilletantes 25.06.2011
Zitat von hauptkommissartauberIch wurde 1988 in der DDR eingeschult. Ich kann mich noch gut erinnern, wie die Lehrerin indokrtinierend auf uns einwirkte und schlecht vom Jazz geredet hatte. Welchen anderen Zweck als Indokrination soll denn das gehabt haben? Heute höre ich sehr viel Jazz.
Ich wurde viele Jahre davor eingeschult und mein Musiklehrerin hat uns den Jazz sogar nahegebracht. Na gut, Anfang der 80er wurde sie dann gefeuert und ist mit unserem Staatsbürgerkunde Lehrer (:o)) in den Westen gegangen...
4. ...
Revisionist 25.06.2011
Auch die "Jazz-Frage" war in der DDR komplizierter. Die traditionellen Formen (Dixiland etc.) waren kein Problem, es gab die Rundfunkorchester, die Schallplatten der DDR-Bands und der internationalen Stars, die großen Konzerte in den großen Städten und die kleinen in den Kulturhäusern. Schwieriger war es in der Provinz mit der Free-Jazz-Szene, es gab sie trotzdem und nicht nur in Peitz. Es war eben im Osten dafür etwas intensiver, weniger kommerziell mit größerem Zusammenhalt der Szene. Die überlebenden Ost-Stars spielen noch heute gelegentlich miteinander gut besuchte Konzerte.
5. Jazz hat nicht nur Freunde
Berg 25.06.2011
Zitat von hauptkommissartauberIch wurde 1988 in der DDR eingeschult. Ich kann mich noch gut erinnern, wie die Lehrerin indokrtinierend auf uns einwirkte und schlecht vom Jazz geredet hatte. Welchen anderen Zweck als Indokrination soll denn das gehabt haben? Heute höre ich sehr viel Jazz.
Diese Lehrerin war eben kein Freund des Jazz. Soll es ja wohl heute ebenso geben. Was hat sie Ihnen denn damals für Musik empfohlen, zur Einschulung 1988?
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