Techno trifft Pop So plingt der Sommer

Was sind das denn für Anfänger? Na ja, ziemlich mutige. Drei Newcomer verschieben auf ihren Debütalben die Genre-Grenzen zwischen Pop und Techno. Das klingt höchst aufregend und trotzdem tiefenentspannt. Wer tanzen will, liegt hier richtig. Und wer im Liegen chillen will, auch.


Orlando Higginbottom hat einen toleranten Vater. Nicht jeder Musikprofessor nähme gleichmütig hin, dass sein Sohn elektronische Popmusik schreibt, die dermaßen voller Wiederholungen ist. Erst recht nicht, wenn der Vater - wie Edward Higginbottom - am altehrwürdigen Oxforder New College einen weltberühmten Hochschulchor leitet. Doch dass Orlando Higginbottom unter dem Namen Totally Enormous Extinct Dinosaurs (TEED) mit seinen repetitiven Rhythmen mehr und mehr die Grenzen zwischen Hitparaden-Pop und Club aufweicht, nimmt Papa Edward nicht persönlich.

Ein musikalischer Vatermord ist nämlich nicht zu fürchten, denn Higginbottom junior setzt brav die Familientradition fort, wenn auch mit anderen Mitteln. Wie sich auf seinem Debütalbum "Trouble" schön nachvollziehen lässt, nutzt er seine stimmlichen Fähigkeiten als ehemaliger Chorsänger, um entspannt von der normalen in die Kopfstimme zu wechseln. Und seine Synthesizer-Arrangements lassen eine Vertrautheit mit mehrstimmigen Kompositionstechniken erkennen.

TEED nimmt Techno und House Music oder HipHop und Drum'n'Bass als Vorlagen, um sie mit bunt oszillierenden Sägezahnwellen-Bässen zu paaren. Die Unbekümmertheit, mit der dabei verschiedenste Einflüsse zusammentreffen, erinnert ein wenig an Higginbottoms Landsleute von Hot Chip.

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Dass die Musik von TEED aller Partytauglichkeit zum Trotz aber kaum nach besinnungslosem Feiern klingt, liegt an Higginbottoms Gesang mit seiner reserviert-melancholischen Färbung. Da spricht kein selbstdarstellungswütiges Ego zu einem, sondern ein eher nachdenklicher, schüchterner Junge, der seinen Platz in der Welt noch sucht. Selbst wenn er schon sehr genau weiß, wie man Menschen zum Tanzen bringt.

Higginbottom befindet sich mit seinem subtil clubfreundlichen Ansatz mit einer Vielzahl gleichgesinnter Produzenten in bester Gesellschaft. In ähnlicher Weise hat etwa das New Yorker Trio Lemonade für sein erstes Album "Diver" reichlich Anleihen bei House oder britischer 2-Step Garage genommen, um den nimmer versiegenden Quell des Synthie-Pop mit frischen Rhythmen zu versorgen. Doch anders als Totally Enormous Extinct Dinosaurs wählen Callan Clendenin, Ben Steidel und Alex Pasternak von Lemonade herkömmlichere Songformate. Die nehmen sich in der Instrumentierung zwar stark zurück, sind aber nicht weniger vorantreibend und bewegungsfördernd.

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Die Zurückhaltung in den Produktionsmitteln kontert Sänger Callan Clendenin mit Boygroup-tauglicher Inbrunst, aus der "Diver" seine größte Spannung bezieht. Lemonade verhalten sich damit spiegelbildlich zu Higginbottom und empfehlen sich als Verfeinerer im leicht ermüdenden Überangebot von Achtziger-Wiedergängern. Schön wäre es, wenn sie sich so auch eines Tages an ein Neunziger-Revival wagen würden, in dem etwa der geschmähte Eurodance zu Ehren käme.

Statt Pop für den Club zu machen, geht Christian Löffler aus Greifswald genau umgekehrt vor. Er programmiert House-Tracks, die man als - weitgehend instrumentalen - introspektiven Pop deklarieren könnte. Naturverbundenheit scheint im Zentrum des Schaffens des 27 Jahre alten Produzenten zu stehen. So ist Löffler, der auch als visueller Künstler arbeitet, Mitgründer des Kölner Plattenlabels Ki Records, benannt nach dem japanischen Wort für Baum. Sein erster Langspieler heißt denn auch konsequent "A Forest".

Einen Wald erblickte Löffler während der Arbeit an seiner Platte tagtäglich vor dem Fenster. Er hatte sich für drei Monate in ein Gartenhaus bei Usedom zurückgezogen, und die luftig-stille Umgebung scheint seine Arbeit inspiriert zu haben. In den Tracks bekommen die Klänge genügend Raum, um sich zu entfalten, Rhythmen bauen sich nach und nach auf, Melodien legen sich diskret über das Wurzelwerk aus Beat und Bass. Den Körper kann man dazu kreisen lassen, muss man aber nicht. Ebenso gut lässt sich die Musik im Liegen hören.

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Vereinzelt erhält Löffler Unterstützung von Gastsängerinnen, die sich perfekt in seine mit wenigen Strichen gezeichneten Landschaften einfügen. In "Swift Code" rezitiert der Schriftsteller Marcus Roloff sogar einen eigenen Prosatext. House als Folie für Nachdenklichkeit und Einkehr - auch das ist möglich, wie vor Löffler schon die Hamburger Musiker Lawrence oder Pantha du Prince gezeigt haben. "A Forest", das seinen Titel mit einem frühen Hit der Band The Cure teilt, ist jedenfalls jetzt schon ein Klassiker des kontemplativen House.


Totally Enormous Extinct Dinosaurs: "Trouble" (Polydor), Lemonade: "Diver" (True Panther Sounds), Christian Löffler: "A Forest" (Ki Records)

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Joshua Philgarlic 08.08.2012
1. optional
---Zitat--- TEED nimmt Techno und House Music oder HipHop und Drum 'n Bass als Vorlagen, um sie mit bunt oszillierenden Sägezahnwellen-Bässen zu paaren. ---Zitatende--- Wie macht er das nur, dass seine "Sägezahnwellen-Bässe" so nach Rechteck klingen? Oder ist dem Autor des Artikels lediglich seine Fantasie durchgegangen??
noch_ganz_unten 08.08.2012
2. Na sowas
Zitat von sysopGetty Images/ WireImageWas sind das denn für Anfänger? Naja, ziemlich mutige. Drei Newcomer verschieben auf ihren Debütalben die Genre-Grenzen zwischen Pop und Techno. Das klingt höchst aufregend und trotzdem tiefenentspannt. Wer tanzen will, liegt hier richtig. Und wer im Liegen chillen will, auch. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,846509,00.html
das ist ja mal sowas von ENDGEIL würden meine Kinder jetzt sagen wie nennt man den Stil sry das Genre nun? Denn alles sollte ja einen Namen haben TechPop PopTech oder DrumandPop PopandDrum :) Auf alle Fälle geht das voll in Beine ist also gesund und das ist schon mal klasse! Toller Artikel danke
kalauvo123 08.08.2012
3. alles schon mal dagewesen .....
... die 80er lassen grüßen. Ich kann die Innovation nicht hören .... kann sich z.B. mit einem echten Knaller wie Robag Wruhme ("Thora Vukk"/2011) nicht messen. Auch wenn Christian Löffler bei ihm kräftig zugehört hat ...
suse64 08.08.2012
4. Danke!
Ein klasse Beitrag! Sehr informativ, weiter so!!
spon_2114428 08.08.2012
5.
Innerhalb 1 woche 2 völlig danebene Artikel über aktuelle Musik beim Spiegel. Ich zweifel mal gewaltig an, dass sich der Autor wirklich mit der aktuellen Musik beschäftigt und sich statt dessen wohl einfach mal durch diverse Channels geklickt hat und einfach die Musik zur Auswahl genommen hat, die am meisten Klicks, am Lautesten, am Buntesten oder was auch immer ist. Nur ist das hier Besprochene weder neu noch innovativ sondern reiht sich in die Liste der momentanen Fliessbandmusik ein wie sie Hauf veröffentlicht wird. So klingt momentan fast alles auf dem Electropopmarkt. Kurzum - nix anderes als anderer Kirmestechno und der Spiegel Online macht sich mal wieder lächerlich. Der Autor sollte weniger Zeit im Kater Holzig mit (...) verbringen und vielleicht wieder etwas mehr mit Musik HÖREN - statt einfach nur wie ein Lemming dem aktuellem Klicktrend hinterher zu rennen. Es gibt auf dieser Welt fantastische Musik in allen Richtungen. Auch in diesem Genre. Wenn man allerdings nur an der Oberfläche kratzt, wie der Spiegel Online es ja des öfteren in allen Bereichen tut, dann kommt dabei sowas raus. Die Printkollegen müssten doch langsam rot anlaufen vor Scham über die Kollegen von der Onlineausgabe.
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