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Deichkind auf Tour: Die Rapper Horror Picture Show

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Monsterzitze und Müllsäcke: Die anarchischen Tech-Rapper von Deichkind machen Ernst. Mit ihrer neuen Tournee setzt die Band so konsequent wie kaum eine andere auf eine Zukunft ohne Plattenindustrie - und voller schräger Bühnenshows, die jedes Pop-Musical blass aussehen lassen.

Eingefleischte Deichkind-Fans vertragen keine Stille. Also skandieren die Mädels in den ersten Reihen Textzeilen vom aktuellen Album "Arbeit nervt": "Kein Bock! Kein Staat! Lieber was zu saufen!" Ein Fan ruft sogar: "Ey, aufwachen!" - und schmeißt einen leeren Bierbecher nach vorn. Genau wie die Band stecken einige in dekorativen Müllsack-Kostümen.

Gerade erst war die öffentliche Generalprobe im Hamburger Theatersaal Kampnagel zum Auftakt der Deichkind-Tour mit einem dramatischen Intro gestartet: Zu blubbernden Beats schimmerten durch den weißen Gazevorhang die im Schwarzlicht leuchtenden Deichkind-Kostüme.

Und als nach dem Eröffnungssong "23 Dohlen" die ersten prägnanten Bässe des Hits "Remmidemmi" ertönen, reißt es die Fans von ihren Sitzen, sie jubeln und sie toben, die Security muss erste Ausbrecher in Richtung Bühne bändigen.

Und dann das: Stille.

Zehn Jahre gibt es Deichkind jetzt. Die drei norddeutschen Hip-Hopper stiegen im Jahr 2000 bei einem Major-Label ein, absolvierten brav die übliche Ochsentour durch Chart-Shows und Musiksender, um ihre Singleverkäufe anzukurbeln.

2003 kam die Band nach dem Ausstieg eines Mitglieds in eine Krise, tauchte unter, experimentierte mit Musik und Image - um dann 2005 als "Electric Super Dance Band" bei Stefan Raabs Bundesvision-Song-Contest wieder aufzutauchen.

Statt auf HipHop setzten die neuen Deichkinder auf elektronisch unterlegten "Tech-Rap", statt klassischer Bühnen-Performance auf wilden Trash und eine im Laufe der Jahre immer weiter ausufernde Liveshow - in deren Zentrum seit drei Jahren ihr Über-Hit "Remmidemmi" steht.

Auf jedem Deichkind-Konzert unterlegte dieser Song bislang ein überbordendes Show-Karussel aus Hüpfburgen, Trampolinen, Konfettikanonen und einem irren Gewusel aus tanzenden Hasen und Skelettmännern. Ein anarchisches Spektakel war das, mit dem Deichkind nach und nach die Konzertsäle und Festivals der Republik eroberten. Auf dem Melt!Festival in Gräfenhainichen etwa, stürmten im Jahr 2006 hunderte Fans die Bühne, nahmen die Texte der Band wörtlich, machten ordentlich Krawall - und eben Remmidemmi.

Wie das neue Remmidemmi allerdings auf dieser Tour aussehen wird, zeigt der Probeauftritt in Hamburg: Nacheinander schlurfen die Bandmitglieder Philipp, Porky und Neuzugang Ferris MC auf die Bühne und lümmeln sich gelangweilt auf rosa Sonnenliegen.

Und dann eben das. Stille.

Die Musik ist aus - die Band provoziert ihre eigenen Fans, die nichts anderes wollen als Krawall und einen tanzbaren Beat.

Dieses stille Remmi-Demmi ist ein Symbol: Eine Live-Band, die sogar auf die Musik verzichtet - und allein auf ihre Performance setzt; selbst wenn die nur daraus besteht, auf Liegen herumzulungern. "Wir haben uns sämtlicher Dinge entledigt, die von der Fokussierung auf die Show ablenken können", sagte Phono kürzlich in einem Interview.

So performt die Band hier in Hamburg zu einem 100 Minuten langen, auf schnelle 128 Beats per Minute gepitchten Medley ihrer Hits, der dem Publikum die durchtanzbare Kontinuität eines Raves liefert - und mit fließenden Übergängen und Soundeffekten versehen zum Soundtrack für die Performance wird.

Die neue Show soll eine Art Live-Musikvideo mit Musicalcharakter sein, erklärt Phono, der vom ehemalige Tour-DJ zum Regisseur eines siebenköpfigen Ensembles aufgestiegen ist - bei dem die Rapper, also die Musiker, in der Minderzahl sind.

Um die Show weiter zu professionalisieren, entwarf er aufwendige Requisiten wie Bungee-Seile, mit dem meterhohe Sprünge auf der Bühne möglich sind; baute den von Fans vergötterten Sauf-Apparat namens "Zitze" in ein Multifunktions-Bühnenelement mit ferngesteuerten LED-Strahlern um - und entwarf mit einem Ingenieur transparente High-Tech-Helme in der für Deichkind typischen Pyramidenform. Auf den LED-Displays, aus denen sie bestehen, sollen bald grafische Muster, später sogar Videoanimationen abgespielt werden.

Ein "sinkender Koloss" namens Plattenindustrie

Ein zehntausende Euro starkes Investment ist das, mit dem sich Deichkind klar zu ihrer Zukunft im Live-Sektor bekennen - und zwar so konsequent wie kaum eine andere Band. "Wir können uns gut vorstellen, dass wir in Zukunft ohne Plattenfirma arbeiten und unsere Musik verschenken - als Werbung für die Livekonzerte", sagen Phono, Philipp und Sebi einhellig noch kurz vor dem Auftritt.

Die Einnahmen aus dem Album machen inzwischen nur noch ein Fünftel der Einnahmen der Band aus, den Rest spielt sie live ein. Früher tourte Deichkind, um ein neues Album zu bewerben - jetzt veröffentlicht die Band ein neues Album, um Leute in ihre Konzerte zu bringen.

Dabei ist "Arbeit nervt" stärker beworben worden als all seine Vorgänger: mit einer Plakatkampagne auf den Bauzäunen der Republik, Heavy Rotation auf MTV und im Radio, ein Interviewmarathon brachte die Deichkinder auf zahlreiche Cover von Musik-, Jugend- und Stadtzeitschriften. Dennoch kam das Album nicht in die Top 10 - und stieg nur auf Platz 13 der deutschen Charts ein.

Deichkind-Produzent Sebi ficht das nicht an - und genauso wenig stört er sich daran, wenn die Fans die Songs illegal downloaden. Ganz im Gegenteil: Die Plattenindustrie sei "ein sinkender Koloss", der sich für die Band zunehmend als Ballast entwickelt habe.

Zum Beispiel der so verzweifelte wie geschmacklose Vorschlag der Plattenfirma, die Single "Arbeit nervt" in der Sat.1-Talkshow "Britt" im Gespräch mit Hartz-4-Empfängern zu bewerben.

Danach sei allen Bandmitgliedern klar gewesen, dass man sich in Zukunft von solchen Zwängen frei machen wolle. "Der Livesektor ist unsere warme Wiege", sagt Sebi. Eine faire Sache, bei der Fans, Veranstalter und Band direkt miteinander Geschäfte machten - ohne die starren Strukturen der Musikindustrie.

Das ermöglicht der Band auch neue künstlerische Freiheiten. So sägt Deichkind demonstrativ am eigenen Image als Proll-Combo und ironisiert den Machismo, den Songs wie "Urlaub vom Urlaub", "Travelpussy" oder "Hört ihr die Signale" propagieren, mit zarten Momenten wie der Regenschirmchoreographie zu "Papillion" - oder den sich durch die Show ziehenden homoerotischen Zärtlichkeiten zweier Statisten, die als Tänzer neben den Bandmitgliedern herumscharwenzeln.

Das mag einige Deichkind-Fans im ausverkauften Theatersaal von Kampnagel zunächst irritiert haben - schließlich sind sie noch die alte Krawall-Band gewohnt. Erst nach 27 Songs spielte die Band zum Abschied noch einmal "Remmidemmi" - und zwar endlich wie gewohnt mit voller Aktion.

Da schien es, als wollten die Fans den zu Anfang versagten Krawall nachholen, stürmten in Rudeln auf die Bühne - und hüpften auf der teuren neuen "Zitze" herum. Ferris MC unterbrach den Song, bis alle wieder hinter der Linie standen. Erst dann durfte weitergetanzt werden.

So eine Investition in die Zukunft will sich ja schließlich niemand kaputt machen lassen.

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Deichkind-Tournee: Monsterzitzen und Müllsäcke


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