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Jon Bon Jovi im Interview: "Junge, mach was mit deinen Haaren!"

Jon Bon Jovi: Der Konsistente Fotos
DPA

Wohin nur mit all dem Geld? Mit seiner Band hat Jon Bon Jovi mehr verdient als die meisten anderen Rockstars. Im Interview spricht er freimütig über teure Fehlinvestitionen, falsches Styling - und weshalb es mit seiner Karriere ab jetzt bergab geht.

Sehr teure Zähne, sehr enges Hemd, sehr viel Schmuck - wie seine eigene Wachsfigur thront er auf einem Sofa mitten im klassizistischen Ambiente seiner Suite des Bayerischen Hofs in München. Am Vortag "rockte", wie man in diesen Kreisen so sagt, seine Band 62.000 Menschen im Münchener Olympiastadion. Dann fällt Jon Bon Jovi, 51, der Aufdruck "Blue Note" auf dem T-Shirt des Journalisten auf, und er erwacht zum Leben.

Bon Jovi: Um Gottes willen! Wissen Sie, was "Blue Note" ist?

SPIEGEL ONLINE: Ein Jazz-Label, ein Jazzclub. Warum?

Bon Jovi: Das dachte ich auch! Darf ich dazu eine verrückte Geschichte erzählen?

SPIEGEL ONLINE: Aber bitte sehr.

Bon Jovi: Ich war auf einer Gala, es war viel los, es war laut. Hinter mir stand Ralph Lauren, der Modemacher, und unterhielt sich mit dem Investor Ron Perelman. Mit halbem Ohr hörte ich, dass er "Blue Note" erwähnte, und so drehte ich mich zu ihm um und fragte: "Habe ich da gerade 'Blue Note' gehört?" Und er sagte: "Ja, ich überlege, ob ich mich da einkaufen soll. Interessiert Sie das auch?" Und ich so: "Absolut!" Und er: "Okay, du bist dabei!" Ich war Feuer und Flamme, und meine Anwälte regelten das dann. Eine Weile lebte ich im glücklichen Bewusstsein, Teilhaber eines Jazzclubs zu sein… Bis mir klar wurde, dass Lauren gar nicht das Label oder den Club gemeint hatte. Sondern ein mexikanisches Restaurant in East Hampton, das so ähnlich heißt: Blue Parrot. Seitdem wurmt es mich immer, wenn ich diesen Namen höre.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie die Anteile inzwischen verkauft?

Bon Jovi: Nein. Schreckliche Küche, unverkäufliche Anteile. Aber ich habe mein Geld auch für wohltätige Zwecke aus dem Fenster geworfen. Mein Restaurantprojekt "Soul Kitchen" lief lange nicht gut. Dort soll jeder geben, was er kann. Der eine zahlt 20 Dollar für ein Menü, der andere 20 Cent. Man kann aber auch beim Abwasch helfen. Inzwischen funktioniert es.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie den jungen Jon Bon Jovi treffen könnten, was würden Sie ihm raten?

Bon Jovi: Ich würde ihm raten, seine Frisur zu überdenken. Junge, mach was mit deinen Haaren! Anderseits, es waren die Achtziger. Und jetzt würde ich gerne mal Ihre Jugendfotos aus dieser Zeit sehen.

SPIEGEL ONLINE: Auf Ihrem neuen Album singen Sie von einem Punkrocker, der dem legendären Club CBGB's nachweint, von einem Journalisten, dessen Zeitung geschlossen hat...

Bon Jovi: ...und von einem Fabrikarbeiter, dessen Fabrik nach Asien gewandert ist, ja. Das ist die soziale und kulturelle Realität in unserem Land.

SPIEGEL ONLINE: Aber was haben Sie damit zu schaffen? Sie sind sozusagen der Vorstandsvorsitzende eines der erfolgreichsten Unternehmen der Unterhaltungsindustrie und ganz gewiss kein armer Mann.

Bon Jovi: Wie kann ein reicher Mann über die Probleme eines armen Mannes singen?

SPIEGEL ONLINE: Das würde ich gerne von Ihnen wissen.

Bon Jovi: Niemand würde sich für die Sorgen eines reichen Mannes interessieren, zumal dessen Sorgen im Vergleich zu denen eines Arbeitslosen eher lachhaft sind. Das ist auch nicht meine Aufgabe. Ich erzähle Geschichten, das ist mein Job: glaubhaft von Dingen zu erzählen, mit denen mein Publikum etwas anfangen kann. Muss ich ein Punkrocker sein, um über Punkrock singen zu können? Ich denke nicht. Meine Großeltern waren arme Leute, die hart arbeiten mussten, meine Eltern haben hart gearbeitet, und meine Brüder haben heute noch kein Geld, die haben Schulden! Ich weiß also durchaus, wovon ich erzähle. Und wenn ich davon singe, die Teller zu waschen, ist das auch mehr als eine Metapher. Weil ich wirklich die Teller wasche, wenn ich in der Küche meines Restaurants bin.

SPIEGEL ONLINE: Und in Ihrer Freizeit kaufen Sie dann ein mexikanisches Restaurant. Versehentlich.

Bon Jovi: Das war einer meiner größten Fehler, und ich habe daraus gelernt. Meinen Erfolg habe ich mir mit Demut und Disziplin erarbeitet.

SPIEGEL ONLINE: Sie zitieren diese Tugenden. Sie stehen am Abend drei Stunden auf der Bühne. Sie machen das, was man "ehrliche" Musik nennen könnte. Sie singen über die Sorgen des sogenannten kleinen Mannes. Sie kommen aus New Jersey. Sie halten sich körperlich außerordentlich fit. Sie gelten als bodenständig und unterstützen die Demokraten im Wahlkampf.

Bon Jovi: Worauf wollen Sie hinaus?

SPIEGEL ONLINE: Ärgert es Sie manchmal, nicht mit Bruce Springsteen verwechselt zu werden?

Bon Jovi: Gut, die Kritiker lieben ihn und mich und meine Band traditionell eher nicht. Dafür haben wir einen Erfolg, von dem er - zumindest zeitweise - nur träumen konnte. Das wiegt sich alles irgendwie auf. Als ich jung war, sah ich die Bilder von Led Zeppelin vor ihrem eigenen Flugzeug, von Kiss in ihrem Glamour, die standen sozusagen weit oben am Himmel. Keine Chance, auch nur ansatzweise in diese Sphären vorzustoßen. Irgendwann dämmerte mir: Es war alles da, direkt bei mir um die Ecke! Man musste nicht von einem anderen Planeten sein. In den Studios am Hafen von New Jersey wurde auch Geschichte geschrieben. Das war schon ermutigend. Auch wenn ich, mit Verlaub, kulturell aus einer völlig anderen Ecke komme. Wir haben glamourösen Metal gemacht am Anfang. Es ist auch eine andere Generation: Springsteen ist älter als ich. Ich glaube aber schon, dass wir manchmal ein ähnliches Publikum haben.

SPIEGEL ONLINE: Sie sollten mal zusammen Golf spielen.

Bon Jovi: Um Gottes willen. Ich kenne Bruce, aber wir hängen nicht zusammen ab oder so. Dazu sind wir, schätze ich, doch zu verschieden. Aber wenn wir, was durchaus vorkommt, hin und wieder gemeinsam auftreten, dann wissen wir schon sehr gut, wo der andere steht und was wir voneinander zu halten haben.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Schauspielerkarriere galt mal als vielversprechend. Das ist vorbei, oder?

Bon Jovi: Ich wollte gerade mit "Ja" antworten, da fiel mir ein: Nein, gerade jetzt geht es weiter. Mich hat Fox angerufen und gefragt, ob ich mich selbst in einer neuen Serie spielen oder besser sprechen würde. Ich habe zugesagt, fünf Folgen sind schon fertig: "Murder Police". So gesehen geht es mit meiner Schauspielkarriere gerade wieder bergauf.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie diese Freiräume auch bei Bon Jovi? In 30 Jahren haben Sie niemals Ihre Formel verändert.

Bon Jovi: Das stimmt, Bon Jovi handelt nicht von Freiräumen. Im Gegenteil: Es geht, wie gesagt, um Konsistenz. Wir haben den Grunge überlebt, wir haben den HipHop überlebt, wir haben Drum'n'Bass überlebt. Warum? Weil wir nichts davon in unsere Musik gelassen haben. Ich habe nichts gegen HipHop, aber Sie werden mich niemals rappen hören.

SPIEGEL ONLINE: Andere Künstler Ihrer Generation sind gerade auf Reunion-Tour…

Bon Jovi: …oder tot, genau. So weit soll es mit uns nicht kommen. Aber so lange die Leute uns gerne hören, warum nicht? Wir sind wohl wirklich beständig, und wir sind uns treu - und damit auch unserem Publikum. Deswegen sind die Leute auch nicht enttäuscht von uns, deswegen sind unsere Songs ihre Songs, auf der ganzen Welt, und das nicht nur auf eine Generation beschränkt. Sie sind zeitlos.

SPIEGEL ONLINE: Und wie lange soll das noch so weitergehen? Gerade erst hat Ihr Gitarrist Richie Sambora die Band verlassen.

Bon Jovi: Ich glaube, es wird auch für uns nicht mehr lange weitergehen. Meinem Management gefällt das nicht, aber ich dachte mir neulich: Leute, wir sind jetzt da, wo Künstler wie Elton John oder Eric Clapton auch schon mal waren. Nicht, dass das nicht heute noch großartige Musiker sind, aber ich denke, wir haben unsere Reiseflughöhe erreicht. Könnte sein, dass wir nun in den Sinkflug übergehen. Nicht, dass ich nicht gerne noch mehr Geld verdienen würde, aber mit 70, wie die Stones, möchte ich diesen Job wirklich nicht mehr machen.

SPIEGEL ONLINE: Was kommt dann? "Bon Jovi - das Musical"? Die Hits dazu hätten Sie.

Bon Jovi: Stimmt, da gab es neulich sogar schon ein Angebot. Wenn das von Ihnen als Beleidigung gemeint ist, kann ich das nicht so auffassen. Ich meine, mit "Mamma Mia" haben Abba mehr verdient als mit all ihren Platten früher. Ohne dieses Musical wüsste doch in den USA heute kein Mensch mehr, wer Abba war. Wenn also jemand die Geschichte dazu schreiben und unsere Songs an den Broadway bringen will - nur zu!


Tourneedaten Bon Jovi
Di, 18. Juni -
Berlin, Waldbühne - 18.00 Uhr
Fr, 21. Juni - Stuttgart, Cannstatter Wasen - 17.00 Uhr
Sa, 22. Juni - Köln, Rheinenergie-Stadion - 18.00 Uhr

Das Interview führte Arno Frank

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insgesamt 19 Beiträge
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1. Schade nur...
blodnach 23.05.2013
...dass mit seinen langen Haaren auch seine Rockmusik verschwand!
2. hä?
minelli 23.05.2013
Seine Brüder haben Schulden und er ist reich? Warum bezahlt er die nicht einfach? Damit er dann über die Probleme der armen singen kann? Der Typ ist mir gerade sehr unsympatisch geworden.
3. Lange Haare
lordofaiur 23.05.2013
Zitat von sysopDPAWohin nur mit all dem Geld? Mit seiner Band hat Jon Bon Jovi mehr verdient als die meisten anderen Rockstars. Im Interview spricht er freimütig über teure Fehlinvestitionen, falsches Styling - und weshalb es mit seiner Karriere ab jetzt bergab geht. http://www.spiegel.de/kultur/musik/der-saenger-jon-bon-jovi-im-interview-a-901048.html
Verstehe auch nicht wieso er sich seiner langen Haare schämt. Die haben ihn doch groß gemacht, die Platte "Slipery When Wet" war der Durchbruch. Hardrock bzw. Hair Metal vom Feinsten. Außerdem sah er damals besser aus als heute. :-)
4. .
Christ 32 23.05.2013
Zitat von lordofaiurVerstehe auch nicht wieso er sich seiner langen Haare schämt. Die haben ihn doch groß gemacht, die Platte "Slipery When Wet" war der Durchbruch. Hardrock bzw. Hair Metal vom Feinsten. Außerdem sah er damals besser aus als heute. :-)
Hardrock und Bon Jovi ? da muss ich was völlig anderes gehört haben. Aber es gibt auch Leute die Peter Maffay für einen Rockmusiker halten obwohl der Schlager singt. und was bitte ist Hair- Metal ?
5.
stefansaa 23.05.2013
Zitat von Christ 32Hardrock und Bon Jovi ? da muss ich was völlig anderes gehört haben. Aber es gibt auch Leute die Peter Maffay für einen Rockmusiker halten obwohl der Schlager singt. und was bitte ist Hair- Metal ?
Der Kollege hat schon Recht. Hardrock trifft es ganz gut.Wenn Sie sich die 80er anschauen, war da alles etwas "weicher". Van Hallen gilt ja auch als Hardrock. Ansonsten ist Bon Jovi eine schleimige Pelle wie eh und je ;). Die Musik ist definitiv massentauglich und nicht das schlimmste was im Radio gespielt wird aber Geld würde ich dafür niemals ausgeben. Vielleicht wollen seine Brüder keine Hilfe bei den Schulden sondern es selbst schaffen? Wer weiß, wer weiß.
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