Deutsche ESC-Blamage: Europa würgt Cascada ab

Aus Malmö berichtet Jan Feddersen

ESC 2013: Die Momente von Malmö Fotos

Während die Dänen schon überlegen, ob der ESC 2014 im Legoland steigen soll, blicken deutsche Fans betrübt aufs Cascada-Ergebnis: Der 21. Rang war überraschend schlecht. Der ARD-Unterhaltungschef deutet ein Imageproblem in Europa an: "Da stand auch Deutschland auf der Bühne."

Es war eine lange Nacht im schwedischen Malmö und 20 Minuten nach Mitternacht stand fest: Die Dänin Emmelie de Forest, 20, mit ihrem Song "Only Teardrops" ist die Siegerin des 58. Eurovision Song Contest. Dänemark jubelt, und die Nachrichtenseite "Politiken" spekuliert schon, ob der ESC 2014 im Legoland stattfinden soll.

Und Deutschland? Cascada und Frontfrau Natalie Horler, ganz in Gold gewandet, hatten sich bemüht und letztlich herb enttäuscht. Sängerin Horler nahm's so gefasst wie möglich. "Es war die geilste Woche meines Lebens, meiner Karriere", sagte sie in einer nächtlichen Live-Schaltung nach Hamburg. Aber es sei eben auch "superschade", dass es nicht zu mehr gereicht hat, denn: "Man steckt da nicht drin, man weiß nicht, wie die Leute voten."

Tatsächlich lagen auch die Wettbüros, die Siegerin Emmelie richtig prognostiziert hatten, zumindest bei der Cascada-Platzierung daneben. Vorab in den Top Ten gehandelt, stürzte Cascadas Dance-Nummer "Glorious" auf den 21. Platz ab. Schlechter waren zuletzt nur die No Angels 2008 in Belgrad.

18 Punkte, das ließe sich auch lesen als europäischer Missmut gegen ein Land, das in seiner ESC-Darstellung auf ostentative Zuversicht setzt. Das traf offenbar nicht die Gefühlslage von vielen krisengeschüttelten Ländern Europas. Drei Zähler aus Albanien, sechs aus Österreich, fünf aus Israel, drei Pünktchen aus Spanien und einen aus der Schweiz: So werden Lieder abgewürgt, deren Länder in Europa gerade ein realpolitisches - oder zumindest - ein Imageproblem haben. Ob Cascada also tatsächlich unter einem Merkel-Malus zu leiden hatte?

Französische Höllenwut und eine Rock-Großmutter

Immerhin ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber wollte das nicht ausschließen: "Es gibt sicher auch eine politische Lage. Ich will nicht sagen: '18 Punkte für Angela Merkel.' Aber man muss eben auch sehen, da stand nicht nur Cascada, sondern da stand auch Deutschland auf der Bühne."

Im großen Ganzen war aber alles wie immer, beim ESC. Der ästhetische Bogen zwischen Wollmützen-über-Kastenbrille-Liedermachertum (Ungarn) und Dancehall-Hands-up-Move (Deutschland), zwischen beseelter Rockerballade (Island) bis zu neckischen Kürzestkleiddarbietungen (Weißrussland) war alles dabei.

Flotte Klangläufer wie aus Malta, französische Höllenwut, ein finnisches Heiratslied von Lesben und eine britische Rock-Großmutter, die vor dem Altenteil noch mal bei den Jungen mitmischen darf (Bonnie Tyler): Es war die beinahe traditionelle Mischung aus künstlerisch sonst voneinander Abgegrenztem, die beim ESC sichtbar wurde. Da merkte man nicht, was das wichtigste Programm der schwedischen TV-Veranstalter SVT beteuerte: Das Event müsse billiger werden, frei von Gigantomanie.

Nachbarschaftsbegünstigungen haben Tradition

Statt hektargroßen LED-Wänden gab es umso mehr Flitter und Glitter vom Hallenhimmel, wurde die Kunst des Pyromanischen hergezeigt. Schön, wenn auch kitschig, sentimentalisierend, illusionär, aber war, dass erstmals bei einem ESC alle Finalaspiranten zum Auftakt über eine Brücke durch die Halle einliefen. Ein Einzug der Länder wie bei den Olympischen Spielen, begleitet von einer Komposition, die die beiden Jungs von ABBA, Björn Ulvaeus und Benny Andersson, eigens für den ESC gefertigt hatten. Das war freundlich und bis vier Wertungen vor Schluss auch spannend anzusehen.

Trotzdem, um wiederum zum Typischsten an einem ESC zu kommen: Geblieben ist die Nachbarschaftsbegünstigung in Form von Punkten. Die Niederlande und Belgien bedachten sich mit Maximalwertung, auch die skandinavischen Länder schoben in erster Linie sich selbst die Punkte zu. Nicht minder der Klassiker, der immer gilt, selbst wenn ein Act mal grottig ist: Zypern, schon im Halbfinale aussortiert, gab seine Höchstwertung dem griechischen Beitrag. Nicht einmal ein müdes Raunen ging durch die Malmö Mässan Arena, als aus Nikosia "Greece - twelve points!" vermeldet wurde.

Die sechs erwachsenen Männer von Koza Mostra fest Agathon Iakovidis forderten "Alcohol Is Free". Sie verstanden sich von Anfang als Protestgruppe, um die Verzweiflung des eurokrisengeschüttelten Landes ästhetisch auf den Punkt zu bringen. Immerhin: Aus Deutschland gab es, wenn man so will, mitfühlende sechs Punkte. 152 Zähler am Ende für eine Mixtur aus Rembetiko in Ska-Manier, das war ein sechster Platz. Griechenland 15 Plätze vor dem europäischen Zuchtmeister Deutschland - wo gibt es das sonst im wahren Leben.

Der Eiserne Vorhang ist wieder da, jetzt aus Plüsch und Flitter

Die wichtigste Trennlinie beim ESC ist die zwischen den Ländern, die einst zur Sowjetunion zählten, und jenen, die schon vor 1990 diesseits des Eisernen Vorhangs lebten. Siegerin Emmelie de Forest hätte nicht gewonnen, wären nur Wertungen osteuropäischer Länder gezählt worden. Sieger wie Alexander Rybak aus Norwegen (2009), Lordi aus Finnland (2006), Loreen aus Schweden (2012) oder auch der deutsche Lena-Erfolg 2010 - sie alle räumten auch bei den ex-sowjetischen Jurys ab.

Das ist bei der Dänin Emmelie de Forest anders. Nur in postsowjetischen Ländern abgestimmt, wäre die 20-Jährige hinter die Acts aus Aserbaidschan und der Ukraine zurückgefallen. Die junge Dänin, die ihrem Land den dritten ESC-Sieg bescherte, konnte in fast allen Ländern Punkte ernten. Der Aserbaidschaner Farid Mammadov und die Ukrainerin Zlata Ognevich gingen in neun beziehungsweise zehn überwiegend westeuropäischen Ländern gänzlich leer aus.

Das reichte schließlich für ein Resultat, nach dem die Verantwortlichen der European Broadcasting Union (EBU) hochzufrieden eingeschlafen sein müssten. Hätte nämlich der ESC 2014 in Baku oder Kiew veranstaltet werden müssen - das Siegerland darf ausrichten -, wäre den meist öffentlich-rechtlichen TV-Netzwerken die gleiche Diskussion beschert worden wie vor zwei Jahren nach dem ESC in Düsseldorf, als ein aserbaidschanisches Paar gewann: Kann man in einem Land mit dem Eurovisionsraumschiff landen, in dem alle möglichen Verhältnisse obwalten, aber keine demokratisch-rechtsstaatlichen?

Geld spielt in Ländern wie Aserbaidschan, der Ukraine oder Russland (das in Malmö auf dem fünften Rang landete) allenfalls eine dienende Rolle - ein ESC ist für die autokratischen Eliten in diesen Ländern eine Prestigeangelegenheit, keine, die mit Bedacht budgetiert wird. Die EBU in Genf kann jetzt planen: Dänemark ächzt nicht unter einer Wirtschaftskrise, es kann die Last eines europäischen Sangeswettstreits tragen. Insofern lief alles perfekt.

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insgesamt 266 Beiträge
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1. Mit Plagiaten kommt man nicht weit.
Patanjali 19.05.2013
Das sollte doch in Deutschland mittlerweile jeder wissen.
2. Früher wurde den Asiaten nachgesagt, dass sie .....
Ludwigsburger 19.05.2013
....die deutschen Industrieprodukte nachempfinden. Das deutsche Lied war einfach ein Neuaufguss. Sicher kein Plagiat im rechtlichen Sinne, aber eine Art Neuauflage. Und das Ergebnis stimmt unter diesem Blickwinkel durchaus ....
3. Laaanweilig
hechtbold 19.05.2013
Mal Hand aufs Herz: der deutsche Beitrag war vom letzten Gewinnerlied abgekupfert und auch noch bescheiden vorgetragen. Das Kostüm war grausig.
4.
Zeitwesen 19.05.2013
Zitat von sysopDPAWährend die Dänen schon überlegen, ob der ESC 2014 im Legoland steigen soll, blicken deutsche Fans betrübt aufs Cascada-Ergebnis: Der 21. Rang war überraschend schlecht. Der ARD-Unterhaltungschef deutet ein Imageproblem in Europa an: "Da stand auch Deutschland auf der Bühne." http://www.spiegel.de/kultur/musik/deutsche-esc-blamage-europa-wuergt-cascada-ab-a-900718.html
Also ich habs mir nicht angetan und nur ab und zu die Berichterstattung gelesen. Hier wurde dem deutschen Beitrag ja schon eine deutliche ähnlichkeit bestätigt. Das es nicht zum "Plagiat" Vorwurf gereicht hat ist ja Wurst, es ist schon peinlich genug wenn es ähnlich wie der Vorjahressieger geklungen hat. Da ist es nur gerecht wenn man mit diesem Kopier-Konzept scheitert! Die Aussage des ARD-Unterhaltungschef halte ich daher für Höchstpeinlich. Größe besteht darin auch in Würde verlieren zu können!
5. Merkel: 18 Punkte
der_untertan 19.05.2013
Von mir aus kann man Angela Merkel auch die Pannen auf der MIR zuschreiben :) Davon abgesehen, der Song war grottenschlecht, sobald der letzte Ton verklungen war, hatte man das Cascada Arobicstückchen doch schon wieder vergessen. Nicht dass die ESC-Songs grundsätzlich von Musikqualität geprägt sind, aber dieser Beitrag hatte eben auch nur einen hinteren Platz verdient, ob nun 21 oder z.B. 17, das mag eben auch an der - berechtigten Kritik - an Deutschlands Politik gelegen haben. Verständlich, dass z.B. die Griechen oder Spanier keine Lust hatten, Handykosten für Deutschland auszugeben.
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