Flotte Kirchenmusik Gottesmutter, ganz sinnlich

Das sind mal Messen, die sich lohnen! Die Dirigenten Stéphane Denève und Marek Janowski haben sakrale Klänge der Sonderklasse eingespielt: "Stabat Mater" und die "Glagolitische". Diese Art der Kirchenmusik dürfte selbst Ungläubige verzücken.

Werner Kmetitsch

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Auch wenn er noch so penibel schlägt, Stéphane Denève tut es häufig mit einem Lächeln. Denn das bringt hörbar mehr als manche Peitschen. Gemeinsam mit dem NDR-Symphonieorchester und dem tollen Pianisten Leif Ove Andsnes servierte der Dirigent vor einigen Jahren, als er noch hauptberuflich das Royal Scottish National Orchestra leitete, das nicht gerade leichtgriffige dritte Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow. Denèves Schwung ließ den Solisten gleich noch mal besser und elastischer abheben, das Publikum in der Hamburger Laeiszhalle war begeistert.

Natürlich kann der 1971 im französischen Tourcoing geborene Maestro noch mehr, aber besonders das heimatliche Musikfach liegt ihm. Werke des Komponisten Francis Poulenc vertragen die einfühlsame, aber entschlossene Hand des Kapellmeisters beinahe noch besser als russische Kraftpakete wie Rachmaninow. So, wie Denève die Messe "Stabat Mater" mit seinem SWR Symphonieorchester Stuttgart anpackt, bleibt keine Nuance des rauschenden Kirchenopus verborgen. Poulencs sinnliche Vision der schmerzensreichen Gottesmutter vereinigt klangliche Opulenz und inniges Meditieren, wozu besonders die Sopran-Parts beitragen.

Mit "Lulu" in die Kirche

Mit der deutschen Sopran-Amazone Marlis Petersen kann Denève in dieser Produktion auf eine vielseitige Solistin bauen, deren Talente ebenso auf der Opernbühne wie in Oratorienaufführungen liegen. Petersen, die neben ihrer Gesangs- auch eine Ballettausbildung erfolgreich absolvierte, gestaltete ihre Rollen auch als begabte Schauspielerin, was sich wiederum produktiv auf die Ausdruckspalette ihres Gesanges auswirkt. Ihre darstellerische Kompetenz wie auch ihr Gespür für Musik des 20. Jahrhunderts (sie gilt als einer weltbesten "Lulus") fließen in den filigranen Soloparts jubilierend zusammen. Ein geistlicher Höhenflug, gewürzt mit einem Hauch Erotik. Das passt gerade zu Poulenc sehr gut.

Das ganz große Mysterien-Theater wird eröffnet, wenn Marek Janowski und sein Rundfunk-Symphonieorchester Berlin sich Leoš Janáčeks "Glagolitische Messe" von 1927 vornehmen, die tschechische Version der Missa Solemnis und eines der letzten Werke des Komponisten. Kaum hat man sich vom "Intrada" mit seinem Streicherbombast erholt, da tauchen Janowskis Musiker und der famose Berliner Rundfunk-Chor in einen Rausch von Stimmungsbildern, folkloristischen Melodien und üppigen Klangschichtungen ein, von denen ganze Legionen Filmkomponisten abgekupfert haben. Dass die Messe nicht in Latein, sondern in Altslawisch (auch Kirchenslawisch genannt) getextet ist, erhöht den Reiz erheblich. Das "Glagolitische" ist dabei die Schrift, die benutzt wird, kann aber auch die Sprache bezeichnen.

Das Tempo und der suggestive musikalische Bilderreichtum erinnern eher an Mussorgskis "Bilder einer Ausstellung" mit Gesangssolisten, denn an fromme Glaubensinnigkeit. Mit seinem jüngsten "Tannhäuser" (konzertant und auf CD) voller Klarheit und Hochspannung bestätigte Marek Janowski seine bestechende Form. Leoš Janáčeks (1854-1928) hochunterhaltsames geistliches Werk (auf dieser Aufnahme mit der ebenfalls attraktiven "Taras Bulba"-Darstellung ergänzt) bietet einen eigenwilligen Einstieg in das Werk des Tschechen, der sich sehr für Russlands Kultur begeisterte. Was er damit anstellte, was ihn faszinierte: Hier kann man es laut und deutlich hören.



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hartmannulrich 09.03.2013
1. optional
Die "Glagolitische Messe" ist mehr ein nationalistisches denn ein geistliches Werk. Janacek wollte ein Werk schreiben, das sich von allen westlichen, vor allem "deutschen" Vorbildern (Bach, Mozart) abhob. Das ist ungefähr so wie wenn ein deutscher Komponist jener Zeit eine "Germanische Messe" geschrieben hätte.
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