Deutsche EM-Sängerin Oceana: "Plötzlich bin ich ständig im Osten - als Schwarze!"

Sonne, Kicken, gute Laune: "Endless Summer" heißt der offizielle Song zur Fußball-EM 2012 und eine Deutsche singt ihn. Oceana ist in Polen und der Ukraine ein Star. Im Interview spricht sie über ihre Erfahrungen mit Osteuropa  - und weist Forderungen nach einem Boykott zurück.

Oceana singt den EM-Song: "Musik ist nicht Politik" Fotos
DPA

SPIEGEL ONLINE: Oceana, Ihre Single "Endless Summer" ist der offizielle Uefa-Song für die Fußball-Europameisterschaft 2012. Warum braucht eine EM überhaupt ein Lied?

Oceana: Fußball und Musik sind die einzigen Dinge, die Völker verbinden. Da ist es doch wichtig, dass es eine gute Melodie gibt, die zum gemeinsamen Mitsingen animiert.

SPIEGEL ONLINE: Wie sucht die Uefa so einen EM-Song eigentlich aus?

Oceana: Von alleine kommen die nicht! Wir mussten den Song einreichen. Das Lied selbst entstand eher zufällig: Als ich im vergangenen Jahr in London am neuen Album gearbeitet habe, kam mir am Klavier eine Idee. Als ich die meinem Manager vorgespielt habe, sagte er sofort: "Klingt nach Fußballstadion."

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer Heimat Deutschland kennt Sie kaum jemand, in Osteuropa gelten Sie hingegen als Star. 2009 stand Ihre erste Single "Cry, Cry" in Polen und in der Ukraine auf Platz 1, ein Jahr später tanzten Sie bei der polnischen Ausgabe von "Let's Dance" mit. Woher der Erfolg im Osten?

Oceana: Vielleicht, weil "Cry, Cry" sehr melancholisch und sehr emotional ist? Die Menschen dort mögen solche Lieder einfach. Insgesamt ist das natürlich total verrückt, weil ich den Erfolg in Osteuropa nie geplant habe. Die Single lief allerdings auch in Spanien, Frankreich und Griechenland sehr gut. Trotzdem: Ich hatte vorher nie einen Bezug zu den Ostländern. Und plötzlich bin ich ständig dort. Dann auch noch als Schwarze - das ist eigentlich absurd.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie persönlich eine Beziehung zum Fußball?

Oceana: Sogar eine ganz besondere, wie ich erst kürzlich von meiner Oma erfahren habe: Ich hatte einen großen Fußballer in meiner Familie. Der Cousin meines Großvaters hieß Carl-Heinz Mahlmann und war mal Präsident des HSV - wo er Uwe Seeler entdeckt hat. Abgesehen davon kicke ich mit meinem 18 Monate alten Sohn jeden Tag. Seine Lieblingswörter sind "Auto" und "Ball".

SPIEGEL ONLINE: Vor kurzem wurden Vorwürfe bekannt, die ukrainische Oppositionsführerin Julia Timoschenko sei in der Haft misshandelt worden. Widerstrebt es Ihnen nicht, in einem autoritär geführten Land mit einem harmlosen Party-Song präsent zu sein?

Oceana: Nein, ich finde das sogar äußerst wichtig. Die Menschen dort freuen sich so sehr, dass in ihrem Land jetzt was passiert und dass die Weltöffentlichkeit durch die EM zum Hinsehen gezwungen wird. So bekommt man ja auch erst deutlich mit, was da abgeht. Dass Julia Timoschenko im Gefängnis ist und man nicht wirklich weiß, was ihr angetan wird, ist natürlich schrecklich. Aber ich glaube, es ist gut, dass die ganze Welt dank der EM auf die Ukraine schaut. Und es dauert einfach eine Weile, bis so ein Land, das so lange im Kommunismus gelebt hat, die Standards eines EU-Mitglieds erreicht hat.

SPIEGEL ONLINE: Aber mit Großereignissen wie einer EM unterstützt man wenig rechtsstaatlich ausgerichtete Regime wie das der Ukraine doch noch.

Oceana: Das glaube ich nicht. Und mal ehrlich: Auf der Welt passieren jeden Tag so viele schreckliche Dinge. Aber mit der Europameisterschaft öffnen sich in der Ukraine Fenster, die anderswo geschlossen bleiben. Natürlich finde ich das übel, was in der Ukraine geschieht. Aber egal, ob ich den Song singe oder nicht - es würde trotzdem geschehen. Außerdem: Wir reden jetzt in diesem Interview über die Situation - allein das ist gut und wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Die EU-Kommission und einige deutsche Politiker kündigten einen Boykott der EM an , sollte Julia Timoschenkos Situation sich nicht bessern - allen voran Angela Merkel. Sigmar Gabriel warnte sogar davor, zu "Claqueuren des Regimes" zu werden.

Oceana: Einen generellen Boykott finde ich falsch. Mir gefällt prinzipiell diese Haltung nicht: "Ach, was da passiert, ist so schlimm. Da bleiben wir am besten weg." Rechtsstaatlichkeit erreicht man nicht, indem man alles boykottiert, sondern seine Meinung sagt. Die Timoschenko hat doch selbst gesagt, sie fände es gut, wenn die EM in der Ukraine stattfindet. Außerdem war die Ukraine zum Zeitpunkt der Vergabe der EM auf einem demokratischen Weg.

SPIEGEL ONLINE: Aserbaidschan, der Gastgeber des Eurovision Song Contests, steht in der Kritik, sich auf Kosten seiner Bürger auf den Grand Prix vorzubereiten: Menschen werden aus ihren Häusern vertrieben, Demonstranten auf den Straßen willkürlich festgenommen oder verletzt. Würden Sie beim ESC in Baku auftreten?

Oceana: Musik ist nicht Politik. Musik erreicht Menschen und macht Menschen glücklich - darin sehe ich auch meine Aufgabe als Performerin. Die Leute haben ein Recht darauf, Musik zu hören und sich darüber zu freuen - egal, was dort politisch passiert. Außerdem ist es gut, dass wir in solche Länder fahren, weil sie dadurch Aufmerksamkeit bekommen. Jetzt reden doch alle darüber! Endlich kommt da etwas Bewegung rein.

Das Interview führte Theresa Rentsch

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