Deutschlands erste Frauen-Bigband: Ätherwellen-Geige im Krawall-TV

Von Hans Hielscher

Sex- und Glitzerappeal waren ihnen egal, was zählte, war die Musik: Vor 25 Jahren gründete sich die erste deutsche Frauen-Bigband. Und was ist aus den Jazzerinnen geworden? Die Bassistin von damals verblüffte jetzt ein Millionenpublikum in der RTL-Show "Das Supertalent".

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Deutschlands erste Frauenbigband: Zwölf Priesterinnen, 1 Glöckner

Selbst Fans fallen in der Regel nur Sängerinnen oder Pianistinnen ein, wenn sie aufgefordert werden, weibliche Jazzer zu nennen. Dabei gibt es auch auf "Männerinstrumenten" großartige Solistinnen. Aber wer kennt schon die Posaunistin Melba Liston, die Arrangements für Duke Ellington und Charles Mingus schrieb und in den Orchestern von Dizzy Gillespie und Quincy Jones spielte? Liston und andere Frauen in verschiedenen Bands nahm das Publikum weniger wegen ihrer musikalischen Qualitäten wahr, denn als exotische Außenseiter. Und reine Damen-Kapellen wie die in den Vierzigern weltberühmten "International Sweethearts of Rhythm" waren vor allem Schau-Orchester - klingender Sexappeal in Stöckelschuhen und Glitzerkleidern mit tiefem Dekolleté.

"Tango für eine Goldkrabbe"

Genau so wollten die zwölf Frauen nicht gesehen werden, die vor 25 Jahren die erste deutsche Jazz-Bigband gründeten. "Es war der Zeitgeist, der Musikerinnen Mut machte, sich als Komponistinnen und Instrumentalistinnen hervorzuwagen und einen eigenen Ton anzugeben", erinnern sich Ulrike Haage und Ilona Haberkamp (damals Henz). Die Pianistin und die Saxophonistin, die dabei waren, beschreiben in einem "Tribut an Reichlich Weiblich" eine weitgehend vergessene Episode in der deutschen Jazzgeschichte: 1984 bildeten junge Musikerinnen aus allen Teilen der Bundesrepublik eine Damen-Kapelle der anderen Art - "Reichlich Weiblich", so genannt nach dem feministischen Nina-Hagen-Hit "Unbeschreiblich Weiblich". In die Frauen-Bigband kam allerdings ein maskulines Relikt; weil sich keine passende Drummerin fand, engagierten die Musikerinnen den Bielefelder Karl Godejohann als Schlagzeuger. "Zwölf Priesterinnen und ein Glöckner", schrieb eine Zeitung.

"Reichlich Weiblich" spielte zeitgenössischen Jazz. Haage, die Saxophonistin Sybille Pomorin und die Trompeterin Iris Timmermann (heute Kramer) schrieben Stücke mit bizarren Titeln wie "Tango für eine Goldkrabbe" und "Punk Nr. 9". Die Komposition "Nuclear Footprints" war den Opfern von Tschernobyl gewidmet. Die Bigband gastierte auf Festivals in Deutschland, Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz. In Den Haag stand "Reichlich Weiblich" mit Lester Bowie und dem Vienna Art Orchestra auf der Bühne, in Moers entstand die einzige CD der Band. Dass sie sich 1989 auflöste, ist schade, aber nicht außergewöhnlich. Im Profigeschäft überleben fast nur Jazz-Orchester von Rundfunkanstalten wie die NDR Bigband und die WDR Big Band.

Exzentrisches elektronisches Instrument

Immerhin arbeiten alle Ex-Mitglieder von "Reichlich Weiblich" bis heute in ihrem Beruf als Musikerinnen. Bekannt wurde Ulrike Haage, die 2003 den Deutschen Jazzpreis erhielt. Sybille Pomorin gewann einen Jazzpreis des Südwestrundfunks und einen Komponistenwettbewerb für Neue Musik. Ilona Haberkamp brachte in diesem Jahr eine Jazz-CD heraus. Den spektakulärsten Coup landete die "Reichlich Weiblich"-Bassistin Barbara Buchholz. Die inzwischen 50-Jährige, die schon lange auf das exzentrische elektronische Instrument Theremin umgestiegen ist, kam in der RTL-Show "Das Supertalent" bis ins Halbfinale am vergangenen Samstag. Ihre Auftritte beim eher kulturfernen Krawall-TV erklärte Buchholz mit der "unglaublich tollen Chance", einem Millionenpublikum das Theremin vorzustellen. Von dem auch "Ätherwellen-Geige" genannten Instrument, das - wie von Geisterhand - berührungslos gespielt wird und wie eine singende Säge klingt, war auch Gastgeber Dieter Bohlen "total fasziniert".

Ob man vor 20 Jahren "Reichlich Weiblich" in eine solche Show eingeladen hätte? Sicher bereicherte die außergewöhnliche Bigband die deutsche Jazzszene und trug dazu bei, "Frauen im Jazz als etwas Normales anzuerkennen" (wie die "Stuttgarter Zeitung" 1987 hoffte). Während derzeit keine vergleichbare Bigband existiert, gibt es heute viel mehr gut ausgebildete Jazz-Instrumentalistinnen als damals. Ein Beispiel ist die 20-jährige Saxofonistin Charlotte Greve, die im November mit ihrem Lisbeth Quartett das Album "Grow" herausbrachte.


CD: "Live at Moers Festival 87 - Reichlich Weiblich" (Moers Music, ist nur noch bei Ebay und Amazon zu finden).

Die Tageskarte Jazz des KulturSPIEGEL auf SPIEGEL Online erscheint 2010 nicht mehr alle 14 Tage freitags, sondern mittwochs - zum ersten Mal am 6. Januar.

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1. ...
stevie76 18.12.2009
hatte die dame bei ihrem letzten auftritt beim supertalent nicht gesagt, sie glaube nicht an ihr weiterkommen, da sie keine rührselige schicksalsgeschichte habe? fand ich toll, endlich sagte jemand live in dieser show wo der hase läuft.
2. 50:50
Gegengleich 18.12.2009
Zitat von stevie76hatte die dame bei ihrem letzten auftritt beim supertalent nicht gesagt, sie glaube nicht an ihr weiterkommen, da sie keine rührselige schicksalsgeschichte habe? fand ich toll, endlich sagte jemand live in dieser show wo der hase läuft.
Ich denke sie hat nicht unrecht, mit dem, was sie sagte. Eine Schicksalsgeschichte hilft bestimmt. Aber eben nicht nur. Und in diesm Fall sehe ich das so: Das Instrument ist zwar außergewöhnlich, hat mich aber in der Live-Darbietung nicht vom Hocker gerissen. (Die Dame übrigens auch nicht.) Und auf CD/als mp3 o.ä. ist es meiner Meinung nach nicht wirklich von (anderen?) Synthesizern etc. zu unterscheiden und ist somit auch nicht mehr besonders.
3. Frauen im Jazz
Cipo 18.12.2009
"Selbst Fans fallen in der Regel nur Sängerinnen oder Pianistinnen ein, wenn sie aufgefordert werden, weibliche Jazzer zu nennen." Zum Beispiel die "Sängerin" Babs Gonzales, nicht wahr, Herr Hielscher? ;) http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,591454,00.html
4. ts, ts, ts.....
Danny Wilde 18.12.2009
Zitat von Cipo(...) Zum Beispiel die "Sängerin" Babs Gonzales, nicht wahr, Herr Hielscher? ;) http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,591454,00.html
... sind Sie aber gemein. Andererseits... musste auch mal gesagt werden. Jetzt aber hier: (...) gibt es heute viel mehr gut ausgebildete Jazz-Instrumentalistinnen als damals (...) (http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,667684,00.html), zum Beispiel die (E-) Bassistin Tal Wilkenfeld. Zwar keine Jazzerin des puristischen Glaubens, aber watt ne Saitenzupferin! (Gäbe es das Wort "Spielfreude" nicht, würde es jeder Tal-Adept beim Mitgrooven erfinden müssen!) Und wir olleren Säcke haben noch was fürs Auge (das wird sich Jeff Beck wohl auch gedacht haben)
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