Von Felix Bayer
Der Moment, an dem alles kippt, kommt im siebten Lied "I'm Always Going To Love You". Kevin Rowland und seine Duettpartnerin hatten sich bis dahin gegenseitig Liebesschwüre zugesungen, da wechselt Rowland in die Sprechstimme und sagt: "To be completely honest" - um ganz ehrlich zu sein, wisse er gar nicht, wie das gehe, jemanden zu lieben.
Das neue Album der Dexys (der Zusatz Midnight Runners ist verlorengegangen in den 27 Jahren seit der letzten Platte) erzählt eine Geschichte in elf Songs. Die Geschichte eines Mannes, der nach der Liebe sucht, sie gefunden zu haben glaubt, und dann feststellt, dass die Liebe selbst ihm ein Rätsel bleibt. Vor allem, das betont Kevin Rowland, der Anführer der Band, sei "One Day I'm Going To Soar" eine "extrem ehrliche Platte. Ich habe alles, was ich sagen will, in die Texte gepackt."
Es liegt an diesem Gestus, alles auf den Tisch zu legen, dass "One Day I'm Going To Soar" ein herausragendes Comeback-Album geworden ist. Hier geht es nicht darum, alte Glorie heraufzubeschwören oder schnelles Geld zu machen. Dieses Album musste gemacht werden.
Soul mit der Energie des Punk
Diese Haltung hat dazu beigetragen, dass Dexys Midnight Runners Anfang der achtziger Jahre zu einer heiß geliebten Band wurden - und sie hat Kevin Rowland im Lauf seiner Karriere in große Schwierigkeiten gebracht. "Ich neige dazu, besessen zu sein", sagt der inzwischen 58-Jährige: "Aber ich versuche, die Dinge leichter zu nehmen - etwas leichter."
Das grandiose Debütalbum "Searching For The Young Soul Rebels" erschien 1980. Zu den Hits der Platte gehörte "There There My Dear" - mitsamt einer radikalen Textzeile, in der Rowland sinngemäß behauptete, man könne nur etwas ändern, in dem man die Verantwortlichen erschießt. Kevin Rowland ist heute noch erstaunt: "Wahrscheinlich haben sie den Text einfach nicht verstanden, sonst wäre das Lied nie ins Radio gekommen." Die Musiker, besonders die an den Blasinstrumenten, mussten so hart und laut wie möglich spielen, bis zum Lippenbluten, um Rowlands Vision zu erfüllen: die melodiöse Leidenschaft des Soul mit der rohen Energie des Punk zu paaren.
Mit einer neuen Dexys-Besetzung veröffentlichte Rowland 1982 das Album "Too-Rye-Ay": Die Musiker trugen Latzhosen, statt der Bläser spielten keltische Fiddeln die Hauptrolle - und mit "Come On Eileen" hatte die Band einen Hit, der noch heute bei Hochzeiten und im Oldie-Radio läuft. Er veränderte alles, wie Rowland heute einräumt: "Ich mochte den Song, aber ich mochte all das nicht, was er auslöste."
Wieder einmal verordnete der Kontrollfreak Rowland der Band einen radikalen Richtungswechsel: Auf dem Album "Don't Stand Me Down" (1985) präsentierten sich die Dexys Midnight Runners im Preppy-Look. In langen, mit Dialogen versetzten Songs verhandelte Rowland seine irische Herkunft und die Fehlleistungen britischer Sozialisten. Er verzichtete auf eine Singleauskopplung - und landete einen kommerziellen Flop. Erst im Lauf der Jahre wurde die Platte als kompromissloses Meisterwerk anerkannt.
Dunkle Jahre
Das neue Album setzt musikalisch bei diesem Vorläufer an. Ein neues "Come On Eileen" ist nicht darauf zu hören . Aber es ist wieder ein leidenschaftlich inszeniertes Werk - auf dem Rowland auch die eigene Musikerlaufbahn kommentiert: "I described myself as a wanderer, but you know, that's not what I am", singt er und spielt damit auf sein erstes, enttäuschendes Soloalbum "The Wanderer" von 1988 an. "Ich weiß nicht mehr, warum ich das gemacht habe. Wahrscheinlich des Geldes wegen."
Es folgten dunkle Jahre, mit Drogen und Depressionen. 1999 nahm Rowland ein Album mit Coverversionen auf. Er wurde verspottet und bei einem Auftritt mit Flaschen beworfen - nicht zuletzt, weil er auf der Bühne und dem Plattencover Frauenkleider trug.
Für das Comeback-Album tritt Rowland 2012 optisch zurückhaltender auf, mit seiner Schiebermütze und seinem erkennbar gealterten, aber drahtigen Körper erinnert er an die alten Männer, die in südeuropäischen Dörfern am Straßenrand sitzen. Kevin Rowland hat noch immer alle Fäden in der Hand, was die Dexys betrifft - auch wenn er zugibt, heute den Rat anderer zumindest anzuhören. Einen Plattendeal mit der EMI lehnte er ab, weil er, wenn es schiefgegangen wäre, auf den Schulden sitzengeblieben wäre. Stattdessen bringt der Musikverlag BMG Rights Management das Album in England heraus und verkauft die Rechte in den anderen Ländern. So erscheint es in Deutschland bei dem Indie-Label Buback.
Manche der Songs von "One Day I'm Going To Soar" schrieb Rowland schon vor etwa 20 Jahren zusammen mit seinem alten Bandkollegen Jim Patterson, erst vor sechs Jahren fiel ihm auf, dass die Lieder in der richtigen Reihenfolge eine Geschichte erzählen. Sie kulminiert in Rowlands Eingeständnis "I do believe in love, but I don't know anything about it", eine Zeile, die er mal in einer E-Mail schrieb und danach dachte: "Interessanter Gedanke. Den möchte ich vertonen."
Bei einem Album, das so Grundsätzliches über die Liebe behandelt, stellt sich die Frage, was danach noch für eine nächste Platte zu sagen bleibt. Kevin Rowlands Antwort kommt schnell: "Nichts. Absolut gar nichts." Nach einem Moment Überlegen fügt er hinzu: "Das ist wie bei Frauen, die gerade ein Kind bekommen haben. Die sagen auch: 'Ich will niemals noch ein Baby haben.' Und zwei Jahre später wollen sie doch wieder eines."
Aber das sagen die Frauen ja wegen der Schmerzen. "Oh, diese Platte zu machen war schmerzhaft", sagt Kevin Rowland. Und er ging weit länger als neun Monate mit ihr schwanger. Doch es hat sich gelohnt.
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