Jazzsängerin Diana Krall "Mir egal, in welcher Kategorie ich Nummer eins bin"

Eigentlich ist Diana Krall Jazzsängerin. Weil sie aber weiß, dass dieses Genre nur eine Minderheit erreicht, inszeniert sie sich auf ihrem Album "Wallflower" als Popdiva. Hören Sie bei uns die neue Platte vorab im Stream.

Janko Tietz

Ein Interview von


Es gibt nur wenige Jazz-Musiker, die internationalen Ruhm genießen und auch in der Lage sind, große Hallen zu füllen. Die kanadische Sängerin Diana Krall gehört zweifellos zu den Top-Stars der Szene: kühle Stimme, starkes Klavierspiel, experimentierfreudig.

Seit fast einem Vierteljahrhundert ist sie im Geschäft, seit zehn Jahren ist die mehrfache Grammy-Gewinnerin mit Elvis Costello verheiratet. Während dieser Zeit hat sie sich immer wieder anderen Musikrichtungen geöffnet. Zu Beginn ihrer Karriere spielte sie vor allem klassischen Quartett-Jazz, zuletzt engagierte Krall immer opulentere Orchester mit Streichern und viel Pathos, zuletzt auf "Quiet Nights", wo sie sich dem Brazil-Jazz widmete, und bei "Glad Rag Doll", einer Reminiszenz an den Ragtime der Zwanziger- und Dreißigerjahre.

Bei ihrem jüngsten Album "Wallflower" verzichtet Krall sogar weitgehend aufs eigene Klavierspiel und inszeniert sich ganz als Popdiva mit Evergreens wie "California Dreamin'", "Alone Again" oder Elton Johns "Sorry Seems to Be the Hardest Word". Jazzpolizisten mögen so etwas nicht, aber man kann auch sagen: Krall mag keine Jazzpolizisten. Beharrlich erweitert sie ihr Repertoire - und damit auch ihr Publikum.

SPIEGEL ONLINE: Die Veröffentlichung Ihres neuen Albums "Wallflower" war eigentlich für den Herbst des vergangenen Jahres geplant. Warum erscheint es nun erst am 30. Januar?

Diana Krall: Ich bin ziemlich krank geworden. Ich hatte eine Lungenentzündung, die sich hinzog. Ich brauchte wohl mal eine Pause. Aber jetzt geht's mir besser und es geht wieder voran.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind seit fast 25 Jahren eine gefragte Musikerin, sind ständig auf Tour auf vielen Kontinenten, treten dabei jeden Abend in einer anderen Stadt auf und sind gleichzeitig Mutter von jungen Zwillingen. Geht so ein Leben an die Substanz?

Krall: Die Frage hab ich mir so noch nie gestellt. Man nimmt das alles als normal und selbstverständlich hin - aber Sie haben Recht, das ist es sicher nicht. Der musikalische Teil an dem Beruf ist sicher nicht gesundheitsbelastend, sobald ich eine Bühne betrete, ist der Stress weg. Die viele Reiserei ist aber schon anstrengend. Dieser Beruf ist nicht mit anderen zu vergleichen. Ich will mich nicht beschweren. Die Anstrengung ist es wert. Dadurch entstehen so viele tolle Momente, die ich nicht hätte, wenn ich einen anderen Job hätte. Letztlich genieße ich ihn.

SPIEGEL ONLINE: Nach "Glad Rag Doll" und "Quiet Nights" widmen Sie nun mit "Wallflower" bereits das dritte Album einer bestimmten Epoche beziehungsweise einem bestimmten Genre, diesmal Popsongs der Sechziger- und Siebzigerjahre. Klingt nach Formatradio.

Krall: Es sind auch Popsongs der Achtziger dabei.

SPIEGEL ONLINE: Das macht es nicht besser...

Krall: Meine Intention war es nicht, ein Album mit Songs der Sechziger, Siebziger und Achtziger aufzunehmen. Meine Intention war es, Lieder einzuspielen, die mich begleiteten, als ich Teenager war und erwachsen wurde. Und darüber hinaus. Songs von zeitloser Schönheit, die mich und andere bis heute begeistern. Es ist auch "If I Take You Home Tonight" von Paul McCartney dabei, ein Lied, das er erst spät geschrieben, aber selbst nie aufgenommen hat. Oder ein Lied von Bob Dylan, das kaum jemand kennt. In erster Linie sind es aber Songs, mit denen jeder etwas anfangen kann, der in meinem Alter ist.

SPIEGEL ONLINE: Sie singen auf der Platte auch Duette mit Bryan Adams und Michael Bublé. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

Krall: Beide sind Kanadier, wie ich. Michael lebt in Vancouver. Wir treffen uns manchmal im Supermarkt. Irgendwann haben wir gesagt, lass uns doch mal was zusammen machen. Er hat zuvor mit dem Produzenten David Foster gearbeitet, der jetzt meine Platte produziert hat. Es passte einfach. Michael ist ein smarter, fröhlicher Typ. Es macht glücklich, ihn zu sehen. Das gleiche gilt für Bryan, der zudem noch alle Fotos für das Album gemacht hat. Wir kennen uns seit 20 Jahren. Seine Stimme ist fantastisch.

SPIEGEL ONLINE: Viele Musiker berufen sich auf vergangene Zeiten, Adele, Amy Winehouse vor ihrem Tod, heute Annie Lennox oder Lady Gaga zusammen mit Tony Bennett. Bietet die Gegenwart zu wenig als Inspiration für neue Platten?

Krall: Das ist eine große Frage. Ich finde zuallererst Inspiration bei meinen Kindern. Aber in der Tat beeinflussten mich Bob Dylan, Joni Mitchell, Nat King Cole oder Louis Armstrong mehr als Radiohead oder andere Indie-Bands, die ich durchaus auch höre. Ich gehöre nicht zur gleichen Kategorie wie Annie Lennox, die jahrzehntelang ein Popstar war und erst jetzt entschieden hat, ein Standards-Album aufzunehmen. Ich singe Standards, seit ich geboren wurde. Ich bin jetzt 50, alte Lieder gehören von jeher zu meiner Karriere. Ich bin Pianistin und Sängerin und spiele diese Lieder, weil sie zu mir passen und gut für mich sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich dann den Retro-Trend bei den anderen?

Krall: Verstehen Sie mich nicht falsch, ich liebe Amy Winehouse oder Adele. Auch Annie Lennox. Sie haben meinen vollen Respekt - und es ist kein Drama, dass sie ähnliche Ideen haben. Das zeigt, wie stark diese Songs sind, wenn sie von so vielen Künstlern interpretiert werden.

SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht eine Masche, wenn es alle machen?

Krall: Hören Sie sich die neue Platte "Cheek to Cheek" von Lady Gaga und Tony Bennett mal an. Das ist keine Masche. Bennett wanzt sich nicht an eine Epoche ran, er ist epochal! Er ist eine Ikone. Wenn sich dann ein Popstar wie Lady Gaga zu ihm gesellt, zeigt das nur, dass sie etwas von Musik versteht. Sie muss das nicht machen. Ihre Fans erwarten das nicht von ihr. Sie macht es, weil sie davon träumt. Sie ist jung, er hat Geschichte, diese Begegnung wird sie für immer prägen. Das ist gut für sie. So wie es für mich gut war, mit 16 auf Oscar Peterson zu treffen.

SPIEGEL ONLINE: In Ihren Anfängen waren Sie eine Musikerin, die straight im Modern Jazz zu Hause war, Größen wie der Bassist Ray Brown oder der Saxofonist Stanley Turrentine zählten zu Ihren Begleitern. Das neue Album dagegen rangiert bei Amazon auf Platz 1 in der Kategorie "Smooth Jazz". Stört Sie das?

Krall: Ach was. Wissen Sie, wie schwer es ist, als Jazz-Künstler heutzutage überhaupt noch Aufmerksamkeit zu bekommen und Platten zu verkaufen? Ach, das gilt eigentlich für alle Künstler. Da ist es mit völlig egal, in welcher Kategorie ich die Nummer eins bin. Hauptsache, die Leute kaufen die Musik. Das ist doch großartig.

SPIEGEL ONLINE: Na ja, "Smooth Jazz" haftet aber auch was Oberflächliches an.

Krall: Ich sage nur: Nummer eins! Wollen Sie all die Leute, die diese Musik mögen, der Oberflächlichkeit bezichtigen? Wo ist das Problem? Ich wäre auch glücklich, wenn die Platte Nummer eins im "International House and Horse Magazine" wäre. Man darf da kein Snob sein.

Konzerte:

4. Oktober 2015: Düsseldorf, Mitsubishi Electric Halle

5. Oktober 2015: Hamburg, CCH 1

7. Oktober 2015: Stuttgart, Liederhalle

8. Oktober 2015: Frankfurt am Main, Alte Oper

18. Oktober 2015: München, Philharmonie

19. Oktober 2015: Berlin, Tempodrom



insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
vhn 23.01.2015
1. Diana Krall...
... hat es so was von drauf. Da ist mir auch egal, was sie jetzt macht.
undog 23.01.2015
2. Was für eine Piepsmaus
gegenüber vielen schwarzen Bluesladies, die ich schon in kleinen Clubs gehört habe - aber die natürlich keine Platten verkaufen. Ansonsten: Mal anhören wie Dee Dee Bridgewater Songs von Eleonora Fagen und Ella Fitzgerald singt. Wenn je eine von den 3 o.g. normal einatmet, hängt die Piepsmaus quer unter der Nase.
sotomajor 23.01.2015
3. Sie ist und Sie hat Klasse
Diana Krall mag ich sehr gerne, sie hat es einfach drauf. Die leisen Töne und die Mischung der Musik in ihrer Darbietung, das ist einfach toll. Ich mag Diana und sie kratzt manchmal an meiner Seele.
qvoice 23.01.2015
4.
Zitat von undoggegenüber vielen schwarzen Bluesladies, die ich schon in kleinen Clubs gehört habe - aber die natürlich keine Platten verkaufen. Ansonsten: Mal anhören wie Dee Dee Bridgewater Songs von Eleonora Fagen und Ella Fitzgerald singt. Wenn je eine von den 3 o.g. normal einatmet, hängt die Piepsmaus quer unter der Nase.
Aha, Ihnen ist also wichtig, wer am lautesten ist? Diese "Piepsmaus" gehört zu den besten Jazz-Sängerinnen überhaupt. Sie hat mit allen musiziert hat, die Rang und Namen haben.
jenli 23.01.2015
5. Vor ein paar Jahren ...
.... trat sie in der Philharmonie in Köln auf. Es war ein tolles Konzert (und es hätte Ella Fitzgerald gut gefallen, Louis Armstrong übrigens auch).
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