Die Ärzte "Was bringt Zensur?"

Rod Gonzalez, Bassist bei der Berliner Funpunk-Band Die Ärzte, sprach mit SPIEGEL ONLINE über Internet, das Verbot rechtsradikaler Parteien, das neue Ärzte-Album "Runter mit den Spendierhosen, Unsichtbarer!" und die erste DVD der Band.

Von Stéfan Picker-Dressel


Die Ärzte: Farin Urlaub, Bela B. und Rod Gonzalez
Foto: Olaf Heine

Die Ärzte: Farin Urlaub, Bela B. und Rod Gonzalez

SPIEGEL ONLINE:

Ist Ihnen der Erfolg der Single "Männer sind Schweine" heute peinlich?

Rod Gonzalez: Nein, das war schon ein toller Song mit enormer Breitenwirkung, sonst hätten wir auch nicht fast eineinhalb Millionen Singles davon verkauft. Der Song hat aber leider den Effekt gehabt, dass Leute zu unseren Konzerten kamen, die sich vorher nie ein Ärzte-Konzert angesehen haben und dementsprechend erstaunt waren, wie es bei uns zugeht.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie heute nur noch auf diesen einen Song reduziert?

Gonzalez: Von vielen Leuten ja. Viele wissen nicht mal, wie unsere Band heißt, die grölen auf der Straße gleich "Hey, Männer sind Schweine", wenn sie uns sehen. Wir machen alle schon ziemlich lange Musik. Aber seit zwei Jahren nur auf diesen einen Song reduziert zu werden, ist verdammt bitter. Wir haben uns geschworen, dass wir so was nicht noch mal heraufbeschwören wollen.

SPIEGEL ONLINE: Darum lassen Sie auf Ihrem neuen Album auch wieder die Gitarren sprechen.

Gonzalez: Genau. Wir haben schon bei den Aufnahmen gemerkt, dass das wieder eine richtig gute Rockplatte wird. Wir haben uns einfach darauf konzentriert, was wir gut können. Songs, die wir früher schon gemacht haben, die einfach und geradlinig sind.

Nur echt mit blauer Plüsch-Hülle: Die neue Ärzte-CD
Foto: Olaf Heine

Nur echt mit blauer Plüsch-Hülle: Die neue Ärzte-CD

SPIEGEL ONLINE: Sie kümmern sich um die Internetaktivitäten der Band. Wie sehen Sie die Entwicklungsmöglichkeiten für Musiker im Netz?

Gonzalez: Das Internet ist das einzige Netzwerk, das von Zensur noch relativ unbelastet ist. Leider will man diese Freiheit jetzt nach und nach einschränken. Ein Sprecher der Phono-Industrie hat gerade erklärt, dass man den Providern Filter gegen MP3 und ähnliche Geschichten aufdrängen will. Wer aber bestimmt, wie diese Filter aussehen? Wer bestimmt, ob morgen nicht auch kommunistische oder schwule Inhalte gefiltert werden? Dabei ist das Internet eine riesige Chance für jeden, seine Inhalte rüberzubringen. Das ist auch gerade für uns als Band interessant, die kaum im Radio gespielt wird, wenn der Song nicht "Männer sind Schweine" heißt. Die Industrie sollte das Internet endlich als Austausch- und Infobörse ansehen und nicht nur als gigantischen Shopping-Channel.

SPIEGEL ONLINE: Das Musikbusiness ist noch unschlüssig, wie es mit dem Internet umgehen soll.

Gonzalez: Ja, total. Erst mal versuchen sie, Verbote wie gegen Napster auszusprechen. Das ist der typische Fall von "Wir haben keine Ahnung, aber wir müssen was dagegen tun". Die Industrie sollte erkennen, dass MP3 eine supergute Werbung für ihre Produkte sein kann. Am Beispiel der US-Band Korn kann man sehen, dass es auch eine Band schaffen kann, die durch MP3 erst richtig groß geworden ist. Die haben auf ihrer Website eigene Charts nach den Downloads ihrer Songs im Netz eingerichtet. Das hat den Plattenumsatz der Band enorm angekurbelt und führt die Argumente der Industrie ad absurdum.

SPIEGEL ONLINE: Macht eine Zensur aber nicht doch Sinn, wenn es um die Verbreitung von pornografischen oder rechtsradikalen Inhalten geht?

Gonzalez: Klar macht das Sinn. Aber was bringt eine Zensur? Durch Verbote machst du Themen für Leute erst interessant. Bei Verboten gehen die Betreiber solcher Seiten eben zu einem anderen Provider und wechseln auf einen russischen Server, und da funktioniert der Filter wiederum nicht. Wir machen durch diese Zensur viele Dinge, von Kinderpornografie einmal abgesehen, viel zu wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Würde ein Verbot rechter Parteien Ihrer Meinung nach etwas bringen?

Gonzalez: Am liebsten wäre es mir, wenn die Rechten alle aufs Maul kriegen würden. Und zwar so richtig Dresche, damit sie wissen, wie ihre Opfer sich fühlen, wenn sie die angreifen. Das ist meine ganz persönliche Meinung. Aber auch ein Verbot hat doch nur zur Folge, dass die Organisationen in den Untergrund abtauchen. Dann sind die gar nicht mehr greifbar und agieren komplett illegal. Wie die Parteien heißen, ist doch ganz egal - heute werden sie verboten, dann können sie ruckzuck den Namen ändern, und schon haben sie wieder eine neue Partei. Ich glaube, das ist eher eine Bestrebung der Rechtskonservativen in Deutschland, die die NPD verbieten lassen wollen. Weil sie deren Wählerstimmen haben wollen.

Ärzte-DVD "Killer": "Unbedingt viele Gimmicks"

Ärzte-DVD "Killer": "Unbedingt viele Gimmicks"

SPIEGEL ONLINE: Als erste deutsche Band veröffentlichen die Ärzte zeitgleich mit ihrem neuen Album eine DVD mit dem Namen "Killer". Wie sind Sie auf das Medium DVD aufmerksam geworden?

Gonzalez: Als wir im letzten Jahr "Killer" als Video herausgegeben haben, fragten viele Fans, ob es das nicht auch auf DVD gibt. Das hat mich stutzig gemacht, denn viele wollten das Geld nicht mehr für ein Video ausgeben. Da habe ich angefangen, mich für diese Technik zu interessieren. Das Thema wird in Deutschland noch sehr stiefmütterlich behandelt. Und wenn wir uns mit so einem Thema beschäftigen, muss was Gutes dabei herauskommen. So wie bei Underworld oder Robbie Williams. Der hat auf seiner DVD Spiele eingebaut, Gags, und aus dem Off kommen Sprüche von ihm. Da kann man erahnen, was alles möglich ist.

SPIEGEL ONLINE: Was ist auf Ihrer DVD alles zu sehen?

Gonzalez: Der Betrachter betritt das Ärzte-Universum durch einen Backstage-Bereich. Dann kann er sich entscheiden: Erst einmal sind alle Videos der Ärzte seit 1993 drauf. Außerdem haben wir viele kleine Sachen versteckt, wie zum Beispiel unser neues Video. Das entdeckt man nur, wenn man sich lange damit beschäftigt. Wir wollten unbedingt viele Gimmicks drin haben. Wir haben Untertitel, wir haben einen Karaoke-Part, Informationen, TV-Sequenzen. Und wir haben Szenen versteckt, die man nur durch intensives Suchen oder durch die Kombination von verschiedenen Elementen findet.

SPIEGEL ONLINE: Wie bei einem Computerspiel?

Gonzalez: Genau. Wir wollen, dass man sich damit möglichst lange befassen kann, ohne das es langweilig wird. Ich denke, dass wir irgendwann auch mal die Secret Codes veröffentlichen, mit denen man sich die versteckten Szenen gleich anschauen kann. Aber bis dahin sollen die Leute tüchtig tüfteln. Uns war es wichtig, dass die Leute was kriegen für ihr Geld. So eine DVD ist nicht gerade billig.



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