Freigeist-Musiker Daevid Allen Die Gong-Show

Seit gut vier Jahrzehnten zelebriert die Artrock-Band Gong um den Australier Daevid Allen Kunstrock der besonders freigeistigen Art. Nun erscheint ihr vermutlich finales Album "I See You".

Clarissa Lambert

Daevid Allen, der sich zeitweise auch Divided Alien oder Bert Camembert nannte, zählt zwar zu den aufregenderen Paradiesvögeln der Musikgeschichte, ist aber nur Spezialisten bekannt. Der Australier gründete die beiden enorm einflussreichen psychedelischen Rockbands Soft Machine und Gong. Im Januar wird der Songwriter, Sänger und Gitarrist auch schon 77 - was ihn bislang nicht gebremst hat. Gerade erschien "I See You", das neue Album seiner Band Gong. Eine Platte, die mit ihrem frickeligen Artrock belegt, dass der dafür verantwortliche Künstler ein Freigeist geblieben ist.

Mit Anfang 20 machte sich der in Melbourne geborene Allen auf den Weg nach Europa, wo er in Frankreich und Großbritannien die Beatniks, Jazz, Terry Riley und William S. Burroughs für sich entdeckte. Mit Robert Wyatt - dem Sohn seines Vermieters, Kevin Ayers und Mike Ratledge startete Allen 1966 die Kunstrock-Band Soft Machine, benannt nach einem Buch seines Idols Burroughs, die schnell für Furore sorgte. Es sei eine aufregende Zeit gewesen, erinnert sich Allen: "Eines Abends, als wir im Londoner Speakeasy Club auftraten, kam Jimi Hendrix mit auf die Bühne und half uns als Bassist aus. Aber meine liebste Erinnerung an Soft Machine ist die Einladung von Brigitte Bardot, 1967 auf ihrer Party in St. Tropez aufzutreten. Die französischen Hipster waren begeistert von uns."

Mehr Kommune, weniger Band

Mit Soft Machine durfte Allen dann dummerweise nicht weitermachen, weil ihm nach einer langen Europa-Tournee die Wiedereinreise nach Großbritannien wegen eines abgelaufenen Visums verweigert wurde. Allen reiste nach Paris, mischte sich 1968 unter die protestierenden Studenten und legte dann mit Gong los: "Gong sollte nie eine Band sein, sondern eher eine Kommune von regelmäßig wechselnden Musikern mit verschiedenen Stilen und Philosophien. Es ging darum, viele Ideen zu einem großen Energiestrom zu bündeln", sagt Allen.

Entsprechend lang und eindrucksvoll ist die Liste der Musiker, die zeitweilig bei Gong aktiv waren: Sie reicht von Charles Hayward über Steve Hillage, Chris Cutler und Bill Bruford bis hin zu Pierre Moerlen. Gemeinsam war all den verschiedenen Gong-Inkarnationen nur der unkonventionelle wie kompromisslose Sound - ein oft furioser Mix aus Avantgarde, Jazz, Rock und blühender Fantasie. Klar war auch immer, dass diese Musik eher Kritiker begeistert als die Charts aufrollt. Daevid Allen beteuert bis heute, dass er dem kommerziellen Erfolg bewusst aus dem Weg ging: "Ich glaube fest daran, dass großer kommerzieller Erfolg der Kreativität schadet - zumindest wäre das bei mir der Fall gewesen. Ich bin dafür glücklich, in meinem fortgeschrittenen Alter immer noch mit Gong aktiv zu sein."

Dass die Geschichte von Daevid Allen und Gong sich nun aber doch einem Finale zuneigen könnte, liegt dann eher an der Gesundheit des Chefs. Gerade hat er eine umfangreiche Krebs-Behandlung abgeschlossen: "Ja, zum ersten Mal in meinem Leben denke ich über den Ruhestand nach." Für das kommende Jahr sind trotzdem noch einige Gong-Konzerte geplant. Logisch!


CD-Angaben:
Gong: I See You. Special Edition. Madfish/Edel; 19,98 Euro.



insgesamt 5 Beiträge
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angst+money 26.12.2014
1. Tu veux un Camembert
"Energiestrom" ist ein passender Ausdruck. Wer Gong mit Allen mal Live erleben durfte weiß, was gemeint ist - die hätten "damals" (2009) jede 30 Jahre jüngere Band an die Wand gespielt. Nicht dass sie das gewollt hätten - Allen ist zwar immer schwer sarkastisch, aber auch bemerkenswert unagressiv. Ich hatte mich auf eins der angekündigten Konzerte diese Jahr gefreut, aber jetzt erstmal Gute Besserung. Er freut sich angeblich schon darüber wenn man OOOM singt und dabei an ihn denkt - warum also nicht. Sicher aber auch über verkaufte Platten - durch seinen jahrelangen Aufenthalt im Ausland bekommt wurde ihm nämlich die Mindestrente (oder sowas in der Art) in Australien aberkannt.
freddykruger, 26.12.2014
2. Cool
EIn Artikel über Gong bei SPON. Hab zwar noch das ein oder andere Gong Album und div. Steve Hillage Solo Alben. Trotzdem sind Gong seit zig Jahren vom Radar verschwunden. Ist glaub ich mal wieder ein Grund Flying Teapot aufzulegen, daß Pfeiffchen rauszuhohlen und ab in die Umlaufbahn.
ambulans 26.12.2014
3. ich finde,
dass man daevid allen und seine projekte mit und um gong herum durchaus - anderer kontinent, andere stilrichtungen - mit sun ra und seinem "arkestra" vergleichen kann ...
Schakutinga 26.12.2014
4. ..but you can't kill me...
Ein neues Gong-Album. Das ist aber mal ne nette Weihnachtsüberraschung. Gute Besserung, teapot pixie ;-) übrigens vermisse ich bei der Aufzählung der Gong-Mitglieder ein bisschen 'Shakti Yoni' Gilli Smyth und Didier Malherbe, der mit seinem Hadouk Trio noch immer grossartige Musik macht.
lutschbommler 02.01.2015
5.
Die Musikeraufzählung ist aber ziemlich nerdig :o) (drei von denen waren im Gong-Universum eher kurzlebige Randerscheinungen). Aber so habe ich erfahren, dass Charles Hayward und Chris Cutler bei Gong gespielt haben. Die mir bislang einzig bekannte Cutler/Allen-connection ist die herausragende Spät-70er Daevid Allen LP "N'existe pas" - in einigen ästhetischen Eckpunkten durchaus Gong-verwand, aber noch etwas verschrobener.
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