Die Mundharmonika im Jazz: Dieser Musiker macht einen Höllenjob
Gregoire Maret gilt als Stil-Gigant. Der Schweizer Musiker spielt sogar Bach und Chopin auf der Mundharmonika! Als Gast auf seinem aktuellen Album ist Toots Thielemans dabei, er hat das Instrument im Jazz etabliert.
Wäre er ein Schauspieler, hätte Gregoire Maret schon längst den Oscar für die beste Nebenrolle bekommen. Denn seine Mundharmonika ist auf mehr als 50 Alben zu hören. Stars wie Pat Metheny und Cassandra Wilson, Herbie Hancock und George Benson lieben den Sound des simplen Instruments - wenn es so exzellent gespielt wird wie von Maret.
Nun erst hat der gefragte Begleitmusiker - mit 37 Jahren - eine CD unter eigenem Namen herausgebracht. "Das Album war schon lange in meinem Kopf", erzählte Maret dem US-Magazin "Down Beat". Der Sohn eines Schweizers und einer Afro-Amerikanerin wollte einmal die ganze Bandbreite seines Könnens darbieten: Balladen und schnelle Stücke, eigene Kompositionen und Standards; er wollte im Duo, mit Combos und mit großem Orchester musizieren. Dabei ließ sich Maret von Spitzenkollegen wie James Genus (Bass) und Jeff Tain Watts (Schlagzeug) begleiten. Als Gastsolisten gewann er Cassandra Wilson und Marcus Miller - und Toots Thielemans, den Belgier, der die Mundharmonika im Jazz etablierte.
Das "Mississippi Saxophone" der Blues-Barden
"Ich wollte ausdrücken, wie sehr ich Toots bewundere und liebe", sagt Maret. Thielemans, der auch als Gitarrist reüssierte, hat mit Charlie Parker, Miles Davis und Jaco Pastorius gespielt. Seine Mundharmonika bestimmt den Soundtrack von Filmen ("Midnight Cowboy") und TV-Serien ("Sesamstraße"). Dass Thielemans bereit war, auf Marets Platte zu erscheinen, beglückt den jungen Kollegen. Maret könnte das Erbe des inzwischen 90-Jährigen antreten. Das als Standardwerk international anerkannte "Jazzbuch" von Berendt/Huesmann bescheinigt Maret "das größte stilistische Spektrum unter den zeitgenössischen Mundharmonika-Virtuosen".
Maret fühlte sich schon als Kind zur Mundharmonika hingezogen, weil sie "der menschlichen Stimme so nahe" klinge. Durch seinen Vater, der in einer Dixieland-Band Banjo spielte und Platten von Armstrong und Ellington besaß, kam Maret zum Jazz. Doch während seines Musikstudiums in Genf und New York lernte er auch, Stücke von Bach und Chopin zu spielen - auf seinem Instrument ein Höllenjob.
Karriere machen Mundharmonika-Spieler offenbar nur in den USA. So wie einst Toots Thielemans und später der Deutsche Hendrik Meurkens - der gerade auf einer CD des Gitarristen Albare ("Long Way", Enja) zu hören ist - verlegte auch Maret seinen Wohnsitz nach Amerika. Die Mundharmonika, die auch "Mouth Organ", "Mouth Harp" und "Blues Harp" genannt wird, hatte dort vor dem Jazz im Blues ihren Platz gefunden. Das erschwingliche, leicht zu transportierende Instrument passte als "Mississippi Saxophone" zu den von Ort zu Ort reisenden Barden.
An den Stil der Bluesmusiker erinnert Stevie Wonders Art, die Mundharmonika zu spielen. Der blinde Weltstar ist neben Thielemans das Idol von Gregoire Maret. "Stevie und Toots haben auf der Mundharmonika eine neue Welt geschaffen", sagt er. Dagegen klingt Marets eigene Welt auf seinem Solo-Album zuweilen ein wenig überladen: zwei Suiten mit Kinderstimmen, die eigene Stimme unisono zu seinem Instrument, die satten Streicher beim Duett mit Toots Thielemans. Dass mit weniger Aufwand mehr erreicht werden kann, beweist Maret bei vielen Konzerten und auf etlichen Platten.
CDs: Gregoire Maret: Gregoire Maret. eOne Music. Albare: Long Way. Enja.
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