Die Fantastischen Vier "HipHop ist eine alte, spießige Bewegung"

Mit dem Hit "Die da" wurden die Fantastischen Vier berühmt. Seither sind sie das, was man Popstars nennt. Was ist das überhaupt? Wie lebt es sich als deutscher Popmusiker? "FAS"-Redakteurin Johanna Adorján hat zwei von ihnen gefragt.


Frage: Die meisten wissen, dass Sie aus Stuttgart kommen und deutschen Rap groß gemacht haben – ich würde gerne mit Ihnen darüber reden, wie es ist, in Deutschland ein Popstar zu sein.

Michi Beck: Den Begriff Popstar finde ich immer ein bisschen komisch. Wenn ich im Ausland jemanden kennenlerne, sage ich: "I’m a relatively well-known musician in Germany."

Fanta-Vier-Sänger Smudo, Beck: "Ist man vielleicht wirklich mal zu alt für irgendwas?"
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Fanta-Vier-Sänger Smudo, Beck: "Ist man vielleicht wirklich mal zu alt für irgendwas?"

Smudo: Musiker und Autor. So bin ich beim Finanzamt gemeldet.

Frage: Wie hatten Sie sich das vorgestellt, als Sie angefangen haben, mit Anfang zwanzig – dachten Sie da, wenn Sie einmal einen Nummer-1-Hit haben, dann haben Sie ausgesorgt?

Smudo: Genauso war das. Als wir bei der Plattenfirma unseren Vertrag unterschrieben haben, ging mein Blick im Flur über die Fotos von diesen ganzen bekannten Gesichtern mit ihren goldenen oder platinierten Schallplatten, und ich dachte mir, boah, wenn wir auch mal so eine haben, dann müssen wir nie mehr arbeiten.

Frage: Das ist fast zwanzig Jahre her – Sie arbeiten immer noch. Nächste Woche erscheint ein neues Album.

Smudo: Heute ist das sowieso anders bei den Einbrüchen in der Musikindustrie. Aber damals bedeutete eine Platinplatte noch 500.000 verkaufte Stück. Da blieb nach allen Abzügen vielleicht pro Platte 1,50 Euro für die Band, dann noch die Steuer, und dann bei uns durch fünf, der Manager kriegt ja auch noch was.

Frage: Deutschland ist der drittgrößte Musikmarkt der Welt. Da müsste man als erfolgreicher Popmusiker gut leben können.

Smudo: Klar, wenn ich bescheiden leben würde, nur mit Kümmelbrot und Wasser, hätte vielleicht eine goldene Schallplatte sogar gereicht. Jetzt ist aber mein Lebensstil auch größer geworden, hübsche Wohnung, gutes Auto, mal ’ne schöne Urlaubsreise, da ist das Geld schnell ausgegeben.

Frage: Sie hatten mal eine eigene Plattenfirma, "Four Music", 1996 gegründet, inzwischen verkauft. War das als Altersvorsorge gedacht?

Smudo: Auch – man ist ja nicht ewig Popstar. Wir machen ja jetzt eine Platte in einem Alter, von dem ich vor zehn Jahren dachte, da sitze ich schon in Nizza und steche Salat. Das war eine Mischung aus Zukunft sichern und Spaß an guter Musik, Sinnstiftung, man will ja auch was Gutes machen. Aber die Krise der Musikindustrie ging auch an uns nicht vorbei, und zuletzt mussten wir uns von unserem Label trennen, wir haben es verkauft, um wenigstens ein paar Arbeitsplätze sichern zu können. Also weit weg von Altersversicherung.

Frage: Alle Mitglieder der Fantastischen Vier werden dieses oder nächstes Jahr 40 ...

Michi Beck: In Stuttgart nennt man das das Schwabenalter. Ich glaube, das heißt: Jetzt kannst du dich als Schwabe erst Mann nennen.

Frage: HipHop hat mal als Jugendbewegung angefangen.

Michi Beck: Ja, und jetzt ist es eine alte, spießige, etablierte Bewegung, wenn man so möchte. Aber die Überalterung der Gesellschaft kommt unserem Beruf zugute, würde ich sagen. Das ist schon anders als noch bei unseren Eltern – früher wurden Leute, die mit 25 noch ausgingen, in der Disco Opa genannt, heute sind die Clubs voll mit über 30-Jährigen, jedenfalls in Berlin. Ich glaube, das liegt daran, dass nach Rave und HipHop, den letzten musikalischen Richtungen, die irgendwie neu waren, nichts mehr nachkam. Also hat die Generation, die damit groß wurde, so ein bisschen Extra-Time gekriegt. Extended Play.

Smudo: Nach HipHop und Techno kam ja kein neues Lebensgefühl mehr, das mit Musik oder Ausgehen verbunden war. Jetzt ist ja Rock-Remake und Computer-Zeitalter.

Frage: Wie nennen Sie die Musik, die Sie heute machen? Es ist rhythmisch gesprochener Text auf verschiedenen Tonhöhen, es gibt Strophen und Refrain.

Michi Beck: Irgendjemand hat das neulich als Future-Pop mit HipHop-Wurzeln bezeichnet, das fand ich ganz treffend. Es ist eine Art Popmusik. Eine Art Alternative Rap. Wir können nicht singen, aber es ist schon ein bisschen sing-along.

Smudo: Ich sag’ Rapmusik dazu, das ist es nach wie vor. Es wird gerappt und nicht gesungen.

Frage: Hören Sie noch HipHop?

Smudo: Geht so, ich höre im Allgemeinen wenig aktuelle Musik. Ich identifiziere mich nicht mehr so damit, und die meisten Sachen, auch international, finde ich ziemlich langweilig. Themenarm, auch instrumentell stagniert es. Wenn ich heute 13 Jahre alt wäre und die Revolution wollte, würde ich doch nicht HipHop hören.



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