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28. April 2018, 21:13 Uhr

Neues Fanta-Vier-Album

Das Heldenkostüm zwickt am Bauch

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An Superpower mangelt es den Fantastischen Vier auf ihrem neuen Album "Captain Fantastic" nicht: Die Hiphop-Veteranen geben sich offen politisch. Aber wie wirkungsvoll sind ihre Reime im aktuellen Rap-Battle?

Die erste Runde ging an die Bad Guys. Wenn ein neues Album der erfolgreichsten und etabliertesten deutschen Hiphop-Gruppe kurz bevorsteht, wäre ein Auftritt bei der Branchenleistungsschau Echo obligatorisch gewesen und war auch geplant. Doch die Fantastischen Vier fehlten am 12. April am Berliner Funkturm, offenbar aus produktionstechnischen Gründen - und überließen den Gangsta-Rappern Kollegah und Farid Bang die Bühne für die Inszenierung ihrer geschmacklosen und menschenverachtenden Show.

Zwei Wochen und eine Debatte über Antisemitismus und Verrohung im deutschen Sprechgesang später erscheint nun mit "Captain Fantastic" das zehnte Album der aus Stuttgart stammenden Deutschrap-Veteranen. Der ans Superheldengenre angelehnte Titel, laut Band eine Chiffre für "die gute Seite der Macht", macht es erst mal leicht, sich über die Fantas lustig zu machen.

Denn ganz ehrlich: Gegen die per "Bosstransformation" zu durchtrainierten Rhetorikberserkern mutierten Kollegahs aus dem Straßenmilieu wirken die Altbau- und Eigenheimbewohner Smudo, Michi Beck, Thomas D und And Ypsilon erst einmal wie wohlanständige Softies, die sich mit fast Fünfzig nochmal ins Heldenkostüm zwängen - und feststellen, dass es doch ganz schön am Bauch zwickt.

Bisschen "Lauschgift"

Man muss fair bleiben: Auch ihr Publikum, vor 25 Jahren mit "Die da!?" und "Was geht" rekrutiert, ist mit den Fantas älter und erwachsen geworden. Es wäre wahrscheinlich schon damit zufrieden gewesen, wenn die Band einfach noch mal 'ne Runde "Lauschgift" geschmissen hätte, MFG, mit freundlichen Grüßen zum gemächlichen Kopfnicken.

Super sind die Fanta Vier ja immer dann, wenn sie sich selbst nicht allzu ernst nehmen, so wie im Videoclip zur seichten Single "Zusammen", in dem Michi Beck dem vermeintlich neuen Bandmitglied Clueso die ganze Zeit die Fresse polieren will. So wird der mögliche - und wahrscheinlich reale - Diskurs über einen drohenden Ausverkauf an den Pop-Mainstream, der das Bandgefüge strapaziert, in kumpelhaftes Entertainment verpackt - und am Ende wirkt die Clueso-Nummer gar nicht mehr so uncool und anbiedernd, wie sie in Wahrheit natürlich doch ist.

Tja. Es könnt' alles so einfach sein. Ist es aber nicht.

Denn "Captain Fantastic" ist ein schwieriges Album geworden, ein Hybrid aus politischer Gravitas und schulterklopfender Leichtigkeit. Oder, um im Comic-Kosmos zu bleiben: Ein Mega-Blockbuster-Crossover-Event, dem in den intergalaktischen Räumen, die es erobern will, der dramaturgische Sprit ausgeht.

Dabei mangelt es nicht mal an Kraft und Begabung: Der Fantastische Vierer, markant produziert von DJ Thomilla, unterstützt von einem Think Tank aus Samy Deluxe, Curse und Damion Davis, gibt sich druckvoller und dringlicher denn je, was Beats, Grooves und Reime betrifft.

Die Tracks, in denen es um kaum mehr geht als die Beweihräucherung genau dieser Ausnahmestellung im deutschen Hiphop-Gewerbe, "Fantanamera", "Hitisn" oder "Hot", sind hochwertige Fanta-Vier-Markenware, ebenso wie die Skits "Moduland.Y" und "Henson J.J. Barkley", mit denen Bandingenieur Andy Rieke seine an Oldschool-Platten geschulte Kunst beweist.

Die Fantas bekennen Farbe

Für Irritation sorgen die Stücke, in denen die hochversierten Befindlichkeitsrapper sich plötzlich politisch geben. Das ist grundsätzlich ehrenhaft. Die Fantastischen Vier hielten sich da bisher immer eher im Ungefähren, jetzt bekennen sie Farbe.

Das Titelstück eröffnet das Album mit orchestraler Blockbusterdramatik, dann geht es im klapprigen Trap-Stil der Gangsta-Rapper mitten hinein in den Zustand der Gesellschaft: "Macht euch mal schlau/ Schaut nicht mehr weg/ Ihr habt doch auch Internet/ Woher kommt diese Faszination/ Wir brauchen Gewalt und wir wollen Aggression/ Wir stehen auf Eskalation/ Statussymbol Testosteron/ Vaterfigur Smarttelefon".

Auch "Endzeitstimmung" geht sperrig und gitarrenstarrend in die Zeitdiagnostik: "Geh mir weg mit eurem Stolz auf die eigene Nation/ Ihr seid nicht das Volk, ihr seid Vollidioten", ätzt Michi Beck darin gegen das Heimatpathos von rechts und konstatiert: "Es wär 'ne wunderschöne Welt ohne Religion (...…), denn es geht hier nicht um irgendwelchen heiligen Kram/ Es geht in Wirklichkeit doch nur um Reich gegen Arm." Das hat durchaus Power, jedenfalls mehr als das verquaste Pazifistenlied "Affen mit Waffen" oder "Weitermachen", der obligatorische, aber schwer erträgliche Esoteriksermon von Thomas D. zum Schluss der Platte.

Aber wohin mit dieser durchweg sympathischen, positiv motivierten Fanta-Power? Das tragische Dilemma des Rechtschaffenheitsraps von "Captain Fantastic" ist: Seine gut gemeinten Schläge werden verpuffen, weil sie, so muss man befürchten, nicht da treffen, wo der Battle ausgetragen wird.

Die Kids auf den Schulhöfen, denen mit krass beleidigenden - und extrem populären - Battle-Rap- und Provo-Reimen gerade jede soziale und gesellschaftliche Empathie ausgetrieben wird, erreichen die Fantastischen Vier schon lange nicht mehr. Leider.

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