Jazzgeschichte: Musik-Invasion im Truppentransporter

Von Hans Hielscher

Wie kam der Jazz nach Europa, und wie interpretierten ihn Musiker unterschiedlicher Nationen und Kulturen? Ekkehard Jost beschreibt das in einem Buch. Von der Vielfalt des europäischen Jazz zeugen neue Alben aus Spanien und Norwegen.

Jazz-Geschichte: Musik-Invasion im Truppentransporter Fotos
Lourdes Delgado/ Blue Note

Promoviert hat er im Fach Physik über die Akustik von Klarinettenklängen. Den Professorentitel erwarb er als Musikwissenschaftler mit einer Arbeit über Freejazz. Er komponiert, leitet Bands und gehört zu Deutschlands besten Baritonsaxofonisten: Ekkehard Jost, geboren 1938, schreibt zudem Radiobeiträge und Bücher. Sein neuestes, "Jazzgeschichten aus Europa", liest sich gut. Denn der Professor kann unterhaltsam schreiben.

Jost erzählt die Geschichte des Jazz in Europa anhand von Personen und Ereignissen. Als Vorhut der neuen, faszinierenden Musik sieht er schwarze Militärkapellen, die im Ersten Weltkrieg mit den US-Truppen auf dem Kontinent eintrafen. Das war keine ungefährliche Mission. So ging die Band der "Harlem Hellfighters" am Neujahrstag 1918 in Brest und St. Nazaire an Land. "Man war auf zwei Schiffen gekommen", schreibt Jost, "um die Gefahr, von einem deutschen U-Boot erwischt zu werden, zu verringern." Die schwarzen Militärmusiker begeisterten die Bevölkerung. Einige blieben in Europa und belebten das Showgeschäft. Der Klarinettist und Sopransaxofonist Sidney Bechet, der freilich nicht mit der Armee nach Europa gekommen war, stieg in Frankreich zum Volkshelden auf. Die schwarzen Amerikaner faszinierten das Publikum als exotische Attraktionen, waren aber auch Vorbilder für einheimische Musiker, die sich zudem auf der immer populärer werdenden Schallplatte über Jazz aus Amerika informieren konnten.

Europas Jazzer imitieren die Amerikaner

Denn die Europäer eiferten bis weit in die zweite Hälfte des vergangenen Jahrhunderts US-Vorbildern nach. Als Beispiel zitiert Jost den deutschen Pianisten Michael Naura, der selbstkritisch seine "plagiatorische Epoche" beschrieben hat: Seine Combo kopierte nacheinander das George Shearing Quintet, Dave Brubeck, das Modern Jazz Quartet und den Hardbob der Adderly-Brüder.

Jost beschreibt in seinem 330-Seiten-Werk, was Musiker in verschiedenen europäischen Ländern aus dem Jazz machen. Er behandelt den Jazz in der Weimarer Republik, "unterm Hakenkreuz" und im Stalinismus in Osteuropa. Er schildert, wie in Westeuropa die Jazz-Euphorie der Nachkriegsjahre abklingt, als Rock'n'Roll und Beat Music aufkommen, wie seit den sechziger Jahren immer mehr europäische Jazzer ihre eigenen Töne suchen.

Die Emanzipation der Europäer beginnt für Jost, als sich mit dem Freejazz die musikalischen Strukturen auflösen. Seitdem bringen die Musiker von Skandinavien bis Spanien verstärkt ihre eigene Kultur in ihre Kunst ein. Wenn man die Musikform des Jazz nicht nach ihren Spielregeln beurteilt, sondern nach ihrer schöpferischen Dynamik, schlussfolgert Jost, werde die Entwicklung des Jazz zunehmend von Europäern bestimmt.

Wo bleiben Jan Gabarek und e.s.t.?

Einige Namen, die dabei eine Rolle spielen, fehlen in Josts Buch: Richard Galliano zum Beispiel, der französische Akkordeonvirtuose, der Jazz mit Musette-Musik fusioniert; oder Esbjörn Svenssons schwedisches Trio e.s.t., das es 2006 unter der Schlagzeile "Europe Invades" als erste europäische Jazz-Formation auf den Titel des US-Magazins "Down Beat" schaffte. Und die Situation in Norwegen behandelt Jost zwar zur Zeit der deutschen Besatzung. Aber es fehlen der "Fjord-Jazz" des Saxofonisten Jan Garbarek und Nils Petter Molvaers Musik aus Jazz, nordischer Folklore und HipHop.

Indes dokumentiert sich die Vielfalt des neuen europäischen Jazz Monat für Monat in Neuaufnahmen. So erschienen in den vergangenen Wochen zum Beispiel Alben der spanischen Flamenco-Jazzer Chano Dominguez (Piano) und Gerardo Nunez (Gitarre). Dabei fasziniert besonders, wie Nunez das typische Händeklatschen und das Improvisieren des Saxofonisten Perico Sambeat zusammenbringt. Der eigene Sound der Norweger erklingt auf CDs der Sängerin Susanna Wallumrod und der Band Ballrogg. Während Wallumrods Songs wie Volkslieder mit Pop-Appeal anhören, sind Ballroggs elektronische Collagen eher Neue Musik. Am besten, Ekkehard Jost erweitert seine Jazzgeschichten aus Europa in der nächsten Auflage um neuere Storys.

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Im U-Boot???
AxelSchudak 07.07.2012
Zitat von sysopWie kam der Jazz nach Europa,
Interessanter Artikel, aber die Überschrift ist völlig sinnlos... Ein wenig mehr Qualität und weniger Reisserei sollte der Spiegel auch in den Titeln anstreben.
2. alles zu seiner Zeit
hans wurst 07.07.2012
Wie das Geburtsjahr aussagt, ist Prof. Jost emeritiert. Für angemessene Einschätzungen aktueller Jazz-Tendenzen empfehlen sich Andere. Seine Zeit und davor beschreibt er aber tatsächlich sehr gut.
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