Indiepop-Frauen Die Heiterkeit Erst die Attitüde, dann die Akkorde

Das Bandfoto war schon fertig, als der erste Song noch geschrieben werden musste. In der kurzen Zeit, in der es Die Heiterkeit gibt, haben die Hamburgerinnen so viel richtig gemacht, dass man ihre Geschichte schon fast als Lehrstück erzählen kann: So wird man 2012 die neue coole Band.

Katja Ruge

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Am Anfang war: erst mal nicht viel. Stella Sommer und Stefanie Hochmuth hatten in der Bar beschlossen, zusammen Musik zu machen. Dass Hochmuth noch kein Instrument spielte, war kein Hinderungsgrund. Sie probierte es am Schlagzeug. Sommer sang und spielte Gitarre, bald kam Rabea Erradi am Bass hinzu. "Alle redeten schon drüber, aber wir haben getan, als sei alles ein großes Geheimnis", erzählt Stella Sommer. Der Grund: Es gab noch keinen Bandnamen.

Als der Name Die Heiterkeit dann gefunden war, kam auch gleich ein einprägsames Logo hinzu: ein Smiley mit geradem Mund. Bandname und Smiley wurden auf weiße Stofftaschen gedruckt, ein simples, aber effektives Werbemittel. Dann kam im Oktober 2010 eine Facebook-Seite, auf der das bald schon legendäre Foto zu sehen war, das die drei Musikerinnen bei einer Art Deluxe-Picknick zeigte, in Schwarz im Park vor Rhododendren, mit gedecktem Tisch, Kerzenleuchter und französischem Jahrgangssekt, eindringlich in die Kamera oder an ihr vorbeiblickend. Hier war ein Wille zur Inszenierung zu spüren, der weit über das Newcomerband-Normalmaß hinausging.

Dass nun bis hierher noch nicht von der Musik die Rede war, liegt daran, dass bis dahin auch noch keine zu hören war. "Wir haben uns rar gemacht", sagen die drei von der Heiterkeit. "Andere Bands spielen ja zehnmal im Jugendfreizeitheim", erklärt Rabea Erradi, "und alle Freunde sind irgendwann genervt, weil sie da schon wieder hin müssen." Die Heiterkeit gab ihr Debütkonzert weit weg von zu Hause, in Jena, als Vorgruppe.

Eine Terz über dem üblichen Herzschmerz

Inzwischen war auch die erste Single fertig, Seven-Inch, Vinyl, mit vier Liedern und natürlich dem Parkfoto auf dem Cover. Und mit Slogans, die sofort im Gedächtnis blieben: "Alle Menschen lieben mich", "Die Liebe eines Volkes hat mich zur Königin gemacht" oder "Alles ist so neu und aufregend", nicht nur letzteres betont unaufgeregt und mit tiefer Stimme gesungen von Stella Sommer - "drei Halbtöne tiefer, als ich die Lieder heute singe", sagt sie.

Auch sonst meckert die Band über die Single; schlecht aufgenommen sei die - und doch war sie ein Statement: "Wir haben uns vorgenommen, niemals Demos zu verschicken. Als dann zum Beispiel ZickZack (traditionsreiches Hamburger Indie-Label - d. Red.) anfragte und was von uns hören wollte, haben wir gesagt: 'Wir haben eine Seven-Inch, können Sie sich kaufen.'"

Für Mobilnutzer: Hier klicken, um das Video zu sehen.

Mit einer selbstproduzierten Vier-Lieder-Single voller einprägsamer Slogans debütierte vor bald 20 Jahren auch ein anderes Hamburger Trio: Tocotronic. Und wie bei diesen liegt auch bei der Heiterkeit der Schwerpunkt weniger auf Virtuosität, sondern viel mehr auf einem wiedererkennbaren Stil und der richtigen Attitüde. Das wurde ganz offensichtlich, als man Die Heiterkeit dann doch mal auf der Bühne sehen konnte.

Ganz konzentriert betont Stefanie Hochmuth jeden Trommelschlag, zwischen den Liedern sitzt sie nahezu regungslos da. Rabea Erradi gibt den freundlichen Part, ihre Bassmelodien prägen die Songs, und manchmal singt sie die Zweitstimme - "meistens einfach eine Terz drüber, das klingt immer gut", sagt sie und lacht wissend. Stella Sommer singt ihre Lieder mit einer Coolness, die man beinahe mit Strenge verwechseln könnte. "Mitsingchöre haben wir eher nicht", sagt sie, "das würde sich bei uns auch keiner trauen." Aber immerhin: "Kleine Indie-Boys, die in der ersten Reihe stehen, singen manchmal leise mit."

Polarisierung ist viel Wert

Bei einem Konzert im Festsaal Kreuzberg in Berlin wurde im Backstageraum beschlossen, dass Die Heiterkeit - die Vorgruppe des Abends - ihr Debütalbum auf dem Label des Hauptacts herausbringen sollten, nämlich Ja, Panik, die in Berlin ansässige österreichische Band, die vielen als die wichtigste neue Stimme im deutschsprachigen Pop gilt. Anfang 2012 erschien zunächst eine Split-EP, auf der sich beide Bands gegenseitig coverten.

Das Lied, das Die Heiterkeit dafür beisteuerte, "Für den nächstbesten Dandy", etablierte ein Schlüsselthema in den Texten von Stella Sommer. Oft geht es um Trennungen, aber es geht nicht ums Erleiden. Hier singt sie, dass der Mann zu ihr sagt: "Für den nächstbesten Dandy wirst du mich verlassen / für den nächstbesten Dandy muss man das wohl machen / dem nächstbesten Dandy wirst du dich in die Arme werfen." Den Männern singt sie in anderen Liedern nach, sie würden schon über sie hinwegkommen und sollten ihr keine Träne nachweinen.

"90 Prozent aller Popsongs bestehen daraus, dass jemand das Opfer ist", sagt die Songwriterin: "Wurde verlassen, ist jetzt unglücklich. Oder: Wurde verlassen, ist jetzt drüber weg. Das nervt tierisch, dieses Passive. Wir wollten das mal umdrehen, eine aktive Haltung einnehmen, gerade auch als Frau."

Stella Sommers Texte müssen nicht krampfhaft Geschichten erzählen. Pavement sind ein Vorbild für sie, die als Slacker verschriene Band aus den Neunzigern: "Bei denen gibt es auch oft ein Bild, das durch die Sprachästhetik gemalt wird. Und sie arbeiten auch viel mit Wiederholung." Die Heiterkeit raut die Texte in ihren Wiederholungen auf, mit kleinen Verschiebungen.

"Mein Herz ist aus Gold, vielleicht / es ist aus Silber, auf jeden Fall", heißt es im Titelsong des Albums. Vielleicht ist tatsächlich noch nicht alles aus Gold auf dieser Platte (womöglich ist sie doch ein wenig zu gleichförmig im Sound), doch scheint sie heller als die meisten Debüts, die hierzulande herauskommen.

Auf jeden Fall ist Die Heiterkeit eine Band, der man schwer mit Desinteresse begegnen kann. Entweder wird sie schon als leuchtendes Beispiel in einer feministischen Gender-Kolumne genommen oder sie löst im Pop-Kritiker Wut aus. Polarisierung ist viel wert im Pop, wo es ja stark ums Erzeugen von Aufmerksamkeit geht.

Wenn so viel über eine Band diskutiert wird, dann hat sie, schon wieder, viel richtig gemacht.

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
firefox34 19.09.2012
1. So wird man 2012 die neue coole Band?
Sie können weder singen noch beherschen sie ihre Instrumente und die Songs sind... langweilig. Hauptsache "Attitüde" und die "Kunstkritiker" sind begeistert.
f.k. 19.09.2012
2. Seltsam...
Untalentierte junge Frauen vertonen mit musikalisch minimalsten Mitteln langweilige Songideen. Warum wird darüber berichtet? Ich verstehe das nicht. Es gibt soviel tolle, begabte Menschen über die es sich lohnen würde....ach, sinnlos.
doppelblind 19.09.2012
3.
Ich würde jedem raten, sich vor dem Lesen des Artikels erst mal das Video anzuschauen, um sich dann zu entscheiden, ob man auf Ersteres wirklich noch Lust hat. Wer auf Gitarrengeschrammele mit maximal 2 Akkorden (4 Minuten lang!) in einem Lied und auf dilettantischen Gesang steht, der ist hier genau richtig. Wenn schon 2 Akkorde, dann Punk und maximal 2 Minuten lang. Vielleicht war der Text des Liedes im Video gut, ich kann es nicht beurteilen, weil beim Hören der Musik mein Blut aus meinem Hirn geflossen ist, um in anderen Organen wichtigere Arbeit zu verrichten...
infoseek 19.09.2012
4. Von mir keinen Cent.
Die drei mögen ja bezüglich Marketing vieles richtig machen - eins machen sie jedenfalls nicht richtig: Musik. Insofern kann man diese Band bestenfalls als Gesamtkunstwerk begreifen - und als Beweis dafür, dass es problemlos möglich ist, auch ohne teure Marketingmaschinerie eines Labels ausreichend mediale Aufmerksamkeit zu erzeugen. Das war's dann aber auch schon.
spon-facebook-10000099342 19.09.2012
5. !
Ach sie können nicht singen... Seit wann ist das bei Indiemusik wichtig? Tocotronic könnens auch nicht, und trotzdem zählen sie zu den besten deutschen Bands. Für mich ist die Heiterkeit eines der besten Bands des Jahres.
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