Jazz-Hitliste Du brauchst amerikanische Freunde

Hallo? Wo laufen sie denn? In der Rangliste der international wichtigsten Jazz-Zeitschrift "Down Beat" belegen deutsche Musiker hintere Plätze. Labels und Produzenten aus Germany landen dagegen auf Rang eins. Was ist da los?

ACT / Jimmy Katz

Für ECM ist es fast Routine. Wieder einmal kürten Jazz-Kritiker die Münchner Plattenfirma zum "Label of the Year" und ECM-Chef Manfred Eicher zum "Producer of the Year". In den vergangenen fünf Jahren ging einer dieser Titel vier Mal an das deutsche Unternehmen oder seinen Gründer. Die Ranglisten erstellt das 1934 in Chicago gegründete Jazz-Magazin "Down Beat". Es ließ zunächst jährliche seine Leser über die besten Musiker und Bands abstimmen. Seit 1952 kommt dazu die Kritiker-Umfrage. Sie wird weltweit beachtet.

2012, zum 60. Jubiläum, stimmten 186 Fachleute ab und wählten in 62 Kategorien ihre Favoriten unter den etablierten Künstlern und den "Rising Stars". Neben dem ECM-Erfolg gibt es eine weitere gute Nachricht für den deutschen Jazz: Das gleichfalls in München ansässige Label ACT stellt in nicht weniger als sechs Kategorien den Poll-Gewinner: Der bei ACT unter Vertrag stehende Vijay Iyer wurde "Artist of the Year" und bester Pianist, sein Trio ist die beste Band, seine CD "Accelerando" das "Album des Jahres"; zudem kürten die Kritiker Iyer zum "Rising Star Composer". Einen weiteren Poll-Gewinner stellt ACT mit dem Altsaxofonisten Rudresh Mahanthappa. Der ist wie Iyer Amerikaner.

Und Deutschlands Musiker? Kein Till Brönner, kein Michael Wollny erscheint in den Ranglisten. Stattdessen tauchen Jazzer auf, die hierzulande eher Insidern bekannt sind: Bei den Bigbands liegt auf Platz 19 das Tentett des Saxofonisten Peter Brötzmann. Der Pianist Alexander von Schlippenbach wird 26., Barbara Dennerlein immerhin Nummer 10 in der Sparte Orgel. Der Sänger Theo Bleckmann erreicht sogar Rang vier.

Die Deutschen punkten mit Amerikanern

Das irritierende Ergebnis ist so zu erklären: Ungefähr vier Fünftel der von "Down Beat" berufenen Juroren sind Amerikaner. Und die nehmen - obwohl der Jazz inzwischen weitgehend in Europa geprägt wird - fast nur wahr, was in USA passiert. So lebt der Stimmkünstler Bleckmann seit 23 Jahren in New York; die Band des Free-Jazz-Veteranen Brötzmann besteht aus in Chicago ansässigen Musikern; die unermüdliche Barbara Dennerlein reist immer wieder nach Amerika - sie ist in diesem Jahr bei einem Festival in San Francisco und in Clubs an der Westküste aufgetreten. Offenbar zählt nur die Amerika-Connection. Vor einigen Jahren war die WDR Big Band auf Platz drei gelandet - da hatte sie gerade erfolgreiche Alben mit den US-Größen Michael Brecker und Maceo Parker auf den Markt gebracht.

Auch ECMs anhaltende Spitzenposition wäre unmöglich ohne US-Stars wie den Pianisten Keith Jarrett, der seine Tonträger seit den siebziger Jahren bei den Münchnern herausbringt. Jarretts Schlagzeuger Jack DeJohnette, der gleichfalls mit dem Label verbunden ist, wurde in diesem Jahr zum besten Drummer gewählt. Und ACT rückte ins Rampenlicht, weil das Label den Pianisten Vijay Iyer produziert. Der Amerikaner mit indischen Wurzeln war in seinem Land kaum beachtet worden. 2009 hörte ACT-Chef Siegfried Loch den Musiker in London und überredete ihn, bei seinem Label eine Trio-CD herauszubringen. Sie erschien unter dem Titel "Historicity" und wurde im "Down Beat"-Poll "Album of the Year".

Haben deutsche Jazz-Produzenten einen Riecher für Talente? Loch erinnert an die Berliner Emigranten Francis Wolff und Alfred Lion, die 1939 in New York Blue Note gründeten, das bedeutendste Label der Jazz-Geschichte. Als die beiden 1969 in den Ruhestand gingen, startete Eicher ECM.

Das Label hat jetzt eine Einspielung aus seiner Frühzeit herausgebracht. Auf einem Konzert in Tokio 1979 musiziert der amerikanische ECM-Protagonist Jarrett mit dem Künstler, der in kommenden Jahren europäischen Jazz verkörpern sollte - Jan Garbarek. Der norwegische Saxofonist und seine Landsleute Palle Danielsson (Bass) und Jon Christensen (Drums) bilden mit dem US-Star ein wunderbar homogen klingendes Quartett. Musik von unangestrengter Schönheit, bei der die Skandinavier mitnichten in Jarretts Schatten spielen.

Ein Künstler aus Europa glänzt auch auf der neuesten Veröffentlichung des ECM-Konkurrenten ACT. Der spanische Flamenco-Gitarrist Gerardo Nunez erzählt die ergreifende Geschichte von afrikanischen Boots-Flüchtlingen, die halbtot an Spaniens Küste landen. Musikalische erinnert die CD "Travesa" (Die Überquerung) an das Album, mit dem das Label 1992 gestartet war: "Jazzpana", eine Jazz-Meets-Flamenco-Einspielung von spanischen Musikern und der WDR Big Band.

Eins sollte nicht vergessen werden: Zwar holen sich die deutschen Erfolgslabels ACT und ECM beim jährlichen "Down Beat"-Poll ihre Punkte mit US-Musikern. Aber verdient machen sie sich vor allem um den Jazz in Europa.



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insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
spectrix 18.08.2012
1. Jazz-Szene braucht (mehr) europäisches Podium und Medien
Hier mal ein nicht-amerikanischer Ansatz aus Frankreich: http://www.fipradio.fr/ Täglich 19-21 Uhr
W. Robert 18.08.2012
2. Mehrere Faktoren
Ich kann die verzwickte Situation nur so beschreiben, dass es den deutschen Jazzmusikern der jüngeren Generation leider an Authentizität mangelt. Die besten jüngeren Jazzmusiker haben fast alle die Berklee College of Music besucht. BERKLEE | Berklee College of Music (http://www.berklee.edu/) Zweifellos hat das ihre Leistungen beflügelt, aber die Tendenz zum glattgebügelten Jazzrock-Mainstream ist unüberhörbar. Zudem gibt es nur noch wenige echte Jazzclubs in Deutschland, irgendwelche Gigs in sterilen, aber subventionierten „Jugendclubs“ ruinieren eher das „Feeling“, das der Jazz nun mal braucht. Eine unrühmliche Rolle spielen wohl auch der Rundfunk in Deutschland. Trotz gewaltiger Gebühren gibt ein keinen Sender, der es auch nur ansatzweise mit dem (privaten) „Radio Swiss Jazz“ aufnehmen könnte. Andererseits kann man dort über Internet rund um die Uhr guten Jazz hören, in erstaunlich hoher Qualität (192kbps). Wer da noch Jazz-CD's kauft muss schon ein beinharter Fan sein. Die Rolle von ECM ist zweischneidig. Die arbeiten mit sehr hochwertiger „audiophiler“ Technik, die natürlich auch von der internationalen Jazz-Elite sehr geschätzt wird. Die wenigen, von Idealisten betriebenen kleinen Studios bekommen wenig vom Kuchen ab, wenn die Produzenten beschließen, die Plattenaufnahmen in einem „richtigen“ Studio wie Bauer/ECM durchzuführen, obwohl die kleine Studios so manche Band erst ermöglicht haben. https://de.wikipedia.org/wiki/Free_Music_Production Es wäre außerdem zu wünschen, dass wieder authentische Spielstätten in Deutschland entstehen, denen von Seiten der Behörden nicht ständig unerfüllbare Auflagen gemacht werden. Selbst in Berlin gibt es nur kleine, verräucherte Spielstätten, andererseits große Bühnen für die Stars. Die jungen deutschen Musiker enden eben meist in einer „Bigband“ der Massenmedien, oder werden Musiklehrer und betreiben den Jazz als Hobby. Und so klingt es dann leider auch. Ich glaube, echter Jazz, wie ihn beispielsweise der genannte Peter Brötzmann macht, ist den Kulturbeamten immer noch reichlich suspekt.
prüderiegegner 18.08.2012
3. Downbeat
Die unlängst vollzogenen Deformationen an der deutschen Rechtschreibung verführen viele zu dem Irrtum, im Englischen gebe es keine Komposita. Derartig Fehlgeleitete schreiben nun Komposita wie "setup", "online", "outdoor" und eben auch "downbeat" mit Deppenleerzeichen. Wenn solche Leute dann auch noch als Zeitungsredakteure arbeiten dürfen, kann man sich wirklich nur noch an den Kopf fassen und diesen schütteln. http://www.stupidedia.org/stupi/Deppen_Leer_Zeichen
qvoice 18.08.2012
4.
Zitat von W. RobertIch kann die verzwickte Situation nur so beschreiben, dass es den deutschen Jazzmusikern der jüngeren Generation leider an Authentizität mangelt. Die besten jüngeren Jazzmusiker haben fast alle die Berklee College of Music besucht. BERKLEE | Berklee College of Music (http://www.berklee.edu/) Zweifellos hat das ihre Leistungen beflügelt, aber die Tendenz zum glattgebügelten Jazzrock-Mainstream ist unüberhörbar. Zudem gibt es nur noch wenige echte Jazzclubs in Deutschland, irgendwelche Gigs in sterilen, aber subventionierten „Jugendclubs“ ruinieren eher das „Feeling“, das der Jazz nun mal braucht. Eine unrühmliche Rolle spielen wohl auch der Rundfunk in Deutschland. Trotz gewaltiger Gebühren gibt ein keinen Sender, der es auch nur ansatzweise mit dem (privaten) „Radio Swiss Jazz“ aufnehmen könnte. Andererseits kann man dort über Internet rund um die Uhr guten Jazz hören, in erstaunlich hoher Qualität (192kbps). Wer da noch Jazz-CD's kauft muss schon ein beinharter Fan sein. Die Rolle von ECM ist zweischneidig. Die arbeiten mit sehr hochwertiger „audiophiler“ Technik, die natürlich auch von der internationalen Jazz-Elite sehr geschätzt wird. Die wenigen, von Idealisten betriebenen kleinen Studios bekommen wenig vom Kuchen ab, wenn die Produzenten beschließen, die Plattenaufnahmen in einem „richtigen“ Studio wie Bauer/ECM durchzuführen, obwohl die kleine Studios so manche Band erst ermöglicht haben. https://de.wikipedia.org/wiki/Free_Music_Production Es wäre außerdem zu wünschen, dass wieder authentische Spielstätten in Deutschland entstehen, denen von Seiten der Behörden nicht ständig unerfüllbare Auflagen gemacht werden. Selbst in Berlin gibt es nur kleine, verräucherte Spielstätten, andererseits große Bühnen für die Stars. Die jungen deutschen Musiker enden eben meist in einer „Bigband“ der Massenmedien, oder werden Musiklehrer und betreiben den Jazz als Hobby. Und so klingt es dann leider auch. Ich glaube, echter Jazz, wie ihn beispielsweise der genannte Peter Brötzmann macht, ist den Kulturbeamten immer noch reichlich suspekt.
Radio Swiss Jazz ist auch mein Lieblinssender, allerdings ist er nicht privat sonden Teil der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt der Schweiz. Und deshalb ohne Werbung, Gott sei Dank!
Hardberg 18.08.2012
5.
Schon mal die JazzPistols gehört/gesehen/erlebt? Die haben doch unlängst die Charts in USA und Canada gestürmt. Es gibt etliche deutsche Bands die ein verdammt gutes Niveau haben.
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