Abgehört - neue Musik Schall gegen Wahn

Die Nerven stemmen sich mit ihrem bisher wirkmächtigsten Album gegen das "Fake"-Zeitalter. Mit exklusiver Videopremiere! Außerdem: Ein Emo-Trip von Princess Nokia, Indie-Dialektik von Mouse on Mars und Tech House von Perel.

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Die Nerven - "Fake"
(Glitterhouse/Indigo, ab 20. April)

Wenn Gewissheiten zerfasern, grobkörnig biegsam und unscharf werden - und daraus dieses zugleich lähmende und zutiefst aufwühlende Gefühl erwächst, den Boden unter den Füßen zu verlieren, was tun? "Lass alles los/ Gib alles frei/ Nichts bleibt", formulieren die Nerven in "Frei", der explosiven Single ihres neuen Albums "Fake". Gitarrist und Sänger Max Rieger brüllt diese Zeilen heraus, die Musik dazu ist ein kontrollierter Orkan aus Post-Punk und Hardcore.

Es ist ein verzweifelter Urschrei gegen eine Welt, die nur noch aus Styropor und Zellophan zu bestehen scheint, wie die Band aus Stuttgart früher schon einmal konstatierte. Aus Oberflächen, die nachgiebig sind oder bei Druck zerbröseln, aus Behauptungen und griffigen Populismen, die immer und immer wieder ventiliert und - via Social Media und als News getarnte Polit-Propaganda - so lange verwirbelt werden, bis sich die Wahrheit in einem Spiegelkabinett verliert. Die fundamentale, daraus resultierende Desorientierung der Gesellschaft ist das Thema von "Fake". Es ist, so viel steht schon jetzt fest, eines der eindringlichsten deutschen Alben des Jahres.

Max Rieger, Bassist (und ebenfalls Sänger) Julian Knoth und Schlagzeuger Kevin Kuhn gelten schon seit einigen Jahren als "am miesesten gelaunte Rockband, die dieses Land zu bieten hat", wie die "Zeit" einmal schrieb. Vor allem mit ihren ersten beiden professionellen Alben "Fun" (2014) und "Out" (2015) wuchsen die Schwaben zu einer lautstarken Artikulation eines allgemeinen Unbehagens. Auf "Fake", das nicht nur kathartischen Lärm wie "Frei", sondern auch viele differenzierte, beunruhigend stille und zurückhaltende Momente hat, gibt sich das Trio stilistisch versierter und lyrisch gewaltiger als zuvor; immer auf der Suche nach der Möglichkeit einer wahrhaftigen Haltung.

Andreas Borcholtes Playlist KW 16
SPIEGEL ONLINE

Playlist auf Spotify

1. Die Nerven: Niemals

2. Parquet Courts: Almost Had To Start A Fight/ In And Out Of Patience

3. Hinds: I Feel Cold But I Feel More

4. Perel: Alles

5. Half Waif: Torches

6. Tinashe: No Drama (feat. Offset)

7. Nicki Minaj: Chun-Li

8. Brockhampton: Boogie

9. Saba: Life

10. Mouse on Mars: Dimensional People I - III

Auf diesem Pfad muss das junge, postmoderne Individuum zwangsläufig stolpern oder wird in die Irre geführt: "Wo willst du hingehen/ Wenn du überall schon warst/ Wo gehst du hin/ Wenn dich überall was stört", fragt die Band in "Niemals". "Immer nur dagegen, aber gegen was?", heißt es frustriert in "Frei". Mit Gitarre, Bass und Trommel, dem vertrauten Basis-Instrumentarium des Rock'n'Rolls, verankern sie sich an Vorbildern von Joy Division bis Sonic Youth, von Shellac bis Mutter, um sich zumindest am Noise zu trösten und zu halten. Von "Dunst, der die Blicke anders lenkt", ist die Rede, von neuem Land, in dem eine Brücke zusammenfällt ("Roter Sand"). Dann die Erkenntnis: "Der Blick zurück hilft auch nicht weiter", die Methoden und Rezepte von früher versagen, politisch wie musikalisch, was mit neuen Ideen bewältigt werden muss, ist das Jetzt. Aber wie? Ausprobieren: "Ich mache alles falsch/ Ich mache alles richtig", formuliert die Band in "Alles falsch" ein "Anything goes"-Credo für das 21. Jahrhundert, das schwindelerregend ist in seinem Fatalismus.

Empathie könnte eine Lösung sein, wird im fast schon Pop-beschwingten "Der Einzige" erörtert: "Bin ich der Einzige, der weint?". Sich einfach in die Flüchtigkeit hinein zu stürzen, könnte auch eine Option sein, suggeriert der elegische, irrlichternde Titelsong: "Her mit euren Lügen/ Her mit eurem Neid" fordern sie, als böte sich die Band an, das ganze soziale Unbill, die ganze Hate Speech, den ganzen Fake messianisch zu verschlingen, für einen Krieg im Inneren, "the war inside".

Alles besser als "Skandinavisches Design und Depressionen/ Musik, Mode, Meinung für Millionen", wie es in einem wütenden Manifest gegen die Konformität heißt. "Kann's nicht gestern sein?", seufzt Knoth gegen Ende des Albums in einem dahingleitenden Song, der sich zum Schluss Hüsker-Dü-artig aufbäumt. Nein, es kann nicht mehr gestern sein! Die Nerven stemmen sich mit Schall gegen diesen Wahn. Im Zweifel für den Zweifel. Oder, noch besser: Sag alles ab! (9.5) Andreas Borcholte

Exklusive Videopremiere! Sehen Sie hier den Clip zu "Fake/Frei" von Die Nerven

Princess Nokia - "A Girl Cried Red"
(Rough Trade/Beggars, seit 13. April)

Dass Destiny Frasqueri alias Princess Nokia mit einem DSL-Anschluss im Haus aufgewachsen ist, hörte man im Prinzip schon immer: Auf ihrem 2014 erschienenen Mixtape "Honeysuckle" schlüpfte die New Yorkerin in die Rolle einer Disco-Soul-Queen, "Metallic Butterfly" von 2015 enthielt dann futuristischen Elektro-R&B, das herausragende "1992" ein Jahr später wiederum staubtrockenen Leftfield-Rap. Ihre jüngste Inkarnation als Stil-Chamäleon nun: Emo-Rap.

Dieses Subgenre, ein rissiges Amalgam aus bassschwangerem Trap und jenen Trauerkloß-Sounds, den gitarrenbewehrte Leidensmänner und -frauen vor knapp 15 Jahren spielten, gilt längst als das nächste große Ding im Pop. Zu Recht, wie man festhalten muss: Was könnte schon besser in eine Zeit wachsender Orientierungslosigkeit passen als ein Update des alten Vokabulars sinnsuchender Teenager?

Abgehört im Radio
Mittwochs um 23 Uhr gibt es beim Hamburger Web-Radio ByteFM ein Abgehört-Mixtape mit vielen Songs aus den besprochenen Platten und Highlights aus der persönlichen Playlist von Andreas Borcholte.

So ähnlich wird sich das wohl auch Frasqueri gedacht haben - und greift auf ihrem neuen Mixtape folgerichtig zur Gitarre. Gute Idee! Zumindest auf dem Papier: Schließlich steht die 25-Jährige wie kaum jemand anderes für eine radikale Auflehnung gegen Körperklischees, Rassismus und sonstige Diskriminierung. Ein introspektives, gefühliges Mixtape von dieser jungen Ikone der Selbstermächtigung? Möchte man hören, könnte zum Fixpunkt für Außenseiter rund um die Welt werden.

Das Problem: Von diesem Potenzial spürt man auf "A Girl Cried Red" wenig. Stattdessen klappern die acht Songs verlässlich wie ein japanischer Fernzug sämtliche Klischees ab, die einem in Sachen Emo einfallen.

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Die Texte? Beschränken sich auf Allgemeinplätze wie "Smash my heart in pieces/ It looks so good on the floor" oder "It doesn't even hurt/ I'm already dead". Die Musik? Akustische Gitarren, die klingen, als hätte man sie geradewegs aus Apples Musik-Software "Garage Band" kopiert und hastig neben vorgefertigten Beats platziert. Frasqueris Gesang? Leiert so blutleer dahin, als könne sie das Ende von "A Girl Cried Red" selbst kaum abwarten.

Man muss es so klar sagen: Diese 20 Minuten werden Frasqueris Stellung als einer der heißesten Künstlerinnen des Rap-Untergrunds nicht ansatzweise gerecht. Das ist bitter. Sorgen muss man sich wohl trotzdem nicht um sie: Die nächste Inkarnation kommt bestimmt. (4.0) Dennis Pohl

Mouse on Mars - "Dimensional People"
(Thrill Jockey/Rough Trade, seit 13. April)

Hastiges Geklacker verbindet sich mit einem somnambulen Saxofon, so geht es schon mal los. Dann ein warmer Bass und ein jazziges Schlagzeugsolo, bevor alles mit der Stimme von Justin Vernon (Bon Iver) abhebt. In dem knapp 13-minütigen, dreiteiligen Titelstück von "Dimensional People" ist alles dicht ineinander gewoben - und trotzdem klingt es flirrend leicht.

Das elfte Album von Mouse on Mars ist das Ergebnis einer Reihe von Sessions, zu denen Jan St. Werner und Andi Thoma Gäste ins Studio eingeladen hatten. Unter anderem sind Aaron und Bryce Dessner von The National mit dabei, die Underground-RapperInnen Amanda Banks und Spank Rock, außerdem Zach Condon von Beirut und eben Bon Iver.

Das dürfte eigentlich alles gar nicht zueinander passen. Aber die spürbare Selbstverständlichkeit, mit der hier Techno, Hip-Hop, Dub, Krautrock, Indiepop, Schlagzeugroboter, Violinen, Ambient, Dissonanzen und allerlei Undefinierbares zueinander geführt werden, die ist sehr beglückend. Wenn man es nur laut genug hört, erscheinen einem Genreunterscheidungen mit einem Mal als kompletter Unsinn.

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Vielleicht sind Mouse on Mars damit die gründlichsten Dialektiker der elektronischen Avantgarde. Zwei gegensätzliche Haltungen bestimmen das Geschehen: die des von der eigenen Weltentdeckung euphorisierten Kindes, das alles berühren will und auf Tauglichkeit für das eigene, rein intuitiv gesteuerte Ansinnen überprüft. Und die des kontrollversessenen Tüftlers, der noch das kleinste Soundfitzelchen definieren muss und das auch kann. Aus dieser Verschränkung von überbordender Entdeckerfreude und demiurgischem Virtuosentum bezieht "Dimensional People" seine Spannung.

Die Idee, sagte Jan St. Werner in einem Interview, sei es gewesen, den Sound von Mouse on Mars weiter zu verräumlichen, weg vom zweipoligen Stereoprinzip. Das ist geglückt. Intellektualität und Körperlichkeit sind in diesem Raum keine Widersprüche. Irgendwo muss es ein Leben geben, das so ist wie diese Musik. (9.0) Benjamin Moldenhauer

Perel - "Hermetica"
(DFA/Pias, ab 20. April)

Alles begann ausgrechnet mit den Eurythmics. Annegret Fiedler war acht, schrieb ihre ersten Songs am Piano ihrer Oma und hörte dazu eine Kassette des britischen Synthpop-Duos. Seither ist viel passiert. Fiedler hat den Muff des heimischen Erzgebirges, den Kirchenchor und eine anvisierte Rap-Karriere hinter sich gelassen.

Sie hat sich in der Berliner Klubszene als Perel einen Namen erspielt, Bookings auf der ganzen Welt an Land gezogen und mit "Die Dimension" einen veritablen Klub-Hit gelandet. Und nicht zuletzt beeindruckte sie bei einem Besuch in New York City Jonathan Galkin und LCD Soundsytems James Murphy so nachhaltig, dass die beiden sie ohne Umschweife auf ihr gemeinsames Label DFA Records holten.

Konstant geblieben ist auf diesem langen Weg im Grunde nur eins: Richtig, Eurythmics! Die wabernden Synthesizer und unbeirrten Kick-Drums der Briten stehen auch auf Fiedlers Debütalbum "Hermetica" unüberhörbar Pate - wie übrigens so ziemlich alles andere, was in den frühen und mittleren Achtzigern angesagt war: Italo Disco, DAF, Saâda Bonaire, Cluster, Fehlfarben, Grauzone und der freigeistige Wind, der damals durch Conny Planks Wolperather Studio wehte. Sie alle begegnen einem im Verlauf der neun Songs immer wieder.

Eine heimelige Retronummer ist "Hermetica" deswegen jedoch nicht. Vielmehr ist das Album eine Art Befreiung für die seit 2010 in Berlin lebende Künstlerin: weg von den Konventionen des Klubbetriebs und hin zu einem Dasein als ernsthafte Songwriterin. Sicher, im Kern ist "Hermetica" weiterhin geschmackvoller Tech-House. Doch formuliert Fiedler ihre jeweiligen Einflusssphären selbstbewusst aus - und zeigt darin eine beeindruckende Vielseitigkeit. Stücke wie das widerborstige "PMS" oder das behäbig fließende "Myalgia" bewegen sich an der Schwelle zur gerade noch tanzbaren Klangkunst, während "Pastarella Al Limoncello" zeitlosen House rezitiert und "Crocus Vernus" wiederum wie eine vergessene Neu!-B-Seite klingt.

Dazwischen: Mit "Die Dimenson" und "Alles", zwei maximal eingängige Düsterpopsongs, bei denen Fiedlers irgendwo zwischen Annie Lennox und Nico liegende Stimme im Zentrum steht - und mit reichlich NDW-Kolorit ein Mantra beschwört, das nach diesem Debüt auch für sie selbst gelten könnte: "Alles was war/ Wird nie wieder sein/ Alles was ist/ Geht stets vorbei", haucht sie auf "Alles". Fiedler hat sich mit auf eine Reise begeben und mit "Hermetica" die erste Wegmarke erreicht. Wie es weitergehen wird? Ist völlig offen. Und spannend. (7.5) Dennis Pohl


Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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